Kritische Stimmen zum Besuch des Uno-Sonderbeauftragten Vernor Muñoz
Zum Bericht des Sonderberichterstatters für das Recht auf Bildung, Prof. Vernor Muñoz Villalobos, erklärt der Präsident der Kultusministerkonferenz, Senator Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner: "Der Bericht bestätigt – wie seine sieben Kernpunkte belegen – die Weichenstellungen, die die Kultusministerinnen und Kultusminister mit ihren Beschlüssen nach PISA 2000 getroffen haben. Die Kultusministerkonferenz nimmt die Kritik des UN-Sonderberichterstatters Vernor Muñoz Villalobos am deutschen Bildungssystem auf und dankt ihm."
KMK-Präsident: Wir nehmen die Kritik des UN-Sonderberichterstatters auf Allerdings teile die Ministerrunde nicht alle seiner bildungspolitischen Empfehlungen. Dies gelte u.a. für die Bewertung des deutschen Schulsystems, die Verwirklichung des Rechts auf Bildung für Menschen mit Behinderungen sowie das Homeschooling.
Einig ist sich die Kultusministerkonferenz mit dem UN-Sonderberichterstatter darin, dass es eines der wichtigsten Ziele bei der Weiterentwicklung des deutschen Bildungssystems ist, die Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialer Herkunft aufzuheben und allen Kindern und Jugendlichen – gleich welcher Herkunft – die besten Chancen auf Bildung in Schule, Beruf oder Hochschule zu bieten. Mit diesem Ziel haben die Länder und die Kultusministerkonferenz in den vergangenen Jahren weitreichende und grundlegende Veränderungen im Bildungsbereich eingeleitet. Dabei kommt den vielfältigen Bestrebungen zur Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung in allen Ebenen des Bildungssystems, von den Kindertageseinrichtungen über die Schulen bis hin zum Hochschulbereich besondere Bedeutung zu. Schwerpunkte wurden in der frühkindlichen und individuellen Förderung Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland sowie der gezielten Sprachförderung gesetzt, um insbesondere bildungsbenachteiligte Kinder konsequent zu fördern. Der Ausbau von Ganztagsschulen ermöglicht es, auch am Nachmittag individuell und besser zu fördern. Dies verbessert insbesondere die Chancen von Kindern mit Migrationshintergrund oder aus bildungsfernen Familien. "Allerdings wissen wir durch die Bildungsforschung auch, dass es einige Jahre dauert, bis solche Reformen Wirkung zeigen", gab der KMK-Präsident zu bedenken.
Zwar stellt der Sonderberichterstatter richtigerweise fest, dass weder PISA noch andere internationale Schulleistungsuntersuchungen Hinweise auf einen schlüssigen Zusammenhang zwischen Schulsystem und Schulerfolg ergeben. Dennoch plädiert er für eine grundlegende Änderung der deutschen Schulstruktur. "Eine Debatte über Schulstrukturen ist legitim. Wir müssen aber aufpassen, dass dabei nicht der eigentliche Paradigmenwechsel aus den Augen gerät, der darin besteht, jede Schülerin und jeden Schüler unabhängig von der Schulform individuell zu fördern. Das ist und bleibt die zentrale Herausforderung der nächsten Jahre", erläuterte der KMK-Präsident. Derzeit werden in den Ländern unterschiedliche Konzepte zur Weiterentwicklung einzelner Schulformen erprobt, mit dem Ziel, ein Höchstmaß an Durchlässigkeit und an individueller Schülerförderung zu erreichen. Zur vollständigen Beurteilung des deutschen Bildungswesens gehört auch das weltweit als vorbildlich anerkannte duale System aus betrieblicher und schulischer Ausbildung. Im allgemein bildenden Schulwesen und den berufsbildenden Ausbildungsgängen erwerben 90 Prozent der jungen Deutschen einen Abschluss der Sekundarstufe II. Die Bildungsbeteiligung hat sich bei einer wachsenden Nachfrage nach höherwertigen Bildungsabschlüssen in den vergangenen Jahren erfreulicherweise weiter erhöht.
Die Kultusministerkonferenz weist allerdings den Vorwurf zurück, dass Kinder mit Behinderungen aus dem deutschen Bildungssystem ausgegrenzt werden. So fordert der Sonderberichterstatter gesetzgeberische Voraussetzungen dafür zu schaffen, um Bildung für Personen mit Behinderungen anzubieten. Tatsache ist jedoch, dass die Schulpflicht für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen ebenso gilt wie für nichtbehinderte Kinder und Jugendliche. Das Recht auf Bildung umfasst darüber hinaus vielfältige und auf den sonderpädagogischen Bedarf ausgerichtete Förderangebote. Sonderpädagoginnen und -pädagogen verfügen in Deutschland über eine besonders gute pädagogische Ausbildung. Die Bildungsausgaben für die individuelle Förderung – ob in der Förderschule oder im gemeinsamen Unterricht – sind sogar überdurchschnittlich hoch.
Des weiteren empfiehlt der Sonderberichterstatter die Zulassung von Homeschooling unter staatlicher Aufsicht. Die Kultusministerkonferenz weist diesen Vorschlag des Sonderberichterstatters nachdrücklich zurück, weil damit der Entstehung von Parallelgesellschaften Vorschub geleistet würde. Kinder und Jugendliche sollen weiterhin die Werte einer offenen, demokratischen und pluralen Gesellschaft in ihrem Schulalltag erfahren können. KMK-Präsident Zöllner: "In unserer zunehmend wertepluralistischen Gesellschaft ist die Schule der Ort, wo ein friedlicher Dialog zwischen den unterschiedlichen Auffassungen, Werten, Religionen und Weltanschauungen stattfindet und soziale Kompetenz im Umgang mit Andersdenkenden eingeübt werden kann. Homeschooling ist für Deutschland daher kein Modell."
Pressemeldung der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder Berlin, 21.03.2007
-*-
„Deutscher Philologenverband (DPhV) weist Kritik an angeblich zu frühem Übertrittszeitpunkt auf weiterführende Schularten nach der vierten Klasse zurück
DPhV-Vorsitzender hält Bericht von Munoz in vielen Punkten für nicht nachvollziehbar
Als „dünnen kalten Kaffee“ und als in vielen Punkten für nicht nachvollziehbar hat der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, die heute vom UN-Menschenrechtsbeauftragten Vernor Munoz aus Costa Rica geäußerte Kritik am deutschen Bildungswesen bezeichnet. Munoz habe bei seinem dreitägigen Deutschlandsbesuch vor mehreren Monaten von Anfang an den Eindruck erweckt, dass er nicht gekommen sei, um sich zu informieren, sondern um unter Zugrundelegung einer vorgefertigten Meinung zu kritisieren.
Bereits bei der mündlichen Anhörung sei manche Ansicht des UN-Beauftragten auf Kopfschütteln gestoßen, wie beispielsweise jene, dass die in Deutschland forcierte Öffnung von Schulen hin zu Gesellschaft und Wirtschaft der Korruption von Lehrern und Schulleitern Vorschub leiste.
„Die Spitzenleistungen von Bundesländern wie Bayern bei PISA bei gleichzeitiger hoher Kompetenzvermittlung an bildungsferne Schichten und Migrantenkinder sowie die Tatsache, dass inzwischen 43 Prozent der Schüler das Abitur nicht über das Gymnasium, sondern beispielsweise über das berufliche Schulwesen erreichen, wurden leider von Herrn Munoz nicht zur Kenntnis genommen. Außerdem widerspricht dessen Kritik an der Schulstruktur eindeutig den Feststellungen aller namhafter deutscher PISA-Forscher, die in der Verbesserung der Unterrichtsqualität und in verstärkter individueller Förderung den Schlüssel zu besserer Bildung in Deutschland sehen und nicht in Schulstrukturänderungen", so Meidinger.
Mit großer Verwunderung hat der Deutsche Philologenverband zudem die Behauptung des ifo-Bildungsexperten und Aktionsratsmitglieds Ludger Wößmann zur Kenntnis genommen, in der Berliner sechsjährigen Grundschule gelinge die Förderung sozial schwächerer Schüler besser. Meidinger sagte wörtlich: „Dass das Berliner Schulsystem, das bei PISA zusammen mit Bremen die mit Abstand schlechtesten Ergebnisse erzielte, als Vorbild für andere Bundesländer hingestellt wird, kann in der Tat bei jedem, der die Bildungslandschaft in Deutschland kennt, nur Kopfschütteln auslösen.“ Der DPhV-Chef erinnerte daran, dass Wößmann als Mitglied des Bildungsaktionsrats vor wenigen Wochen noch eine Studie herausgebracht habe, in der an dem jetzt in Deutschland üblichen Übertrittszeitpunkt unter Einbeziehung einer zweijährigen verpflichtenden Vorschule ausdrücklich festgehalten werde.
Ausdrücklich wies Meidinger auf die ausführliche Studie hin, die in Deutschland in den 90-er Jahren das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin unter Leitung von Prof. Baumert zum Vergleich der Schulleistungen von Kindern nach sechsjährigem und vierjährigem Grundschulbesuch erstellt hat. Darin heißt es: „Bei einem Vergleich der Schulleistungen (von Gymnasiasten der 7.Jahrgangsstufe) in Mathematik, Englisch und Deutsch zeigten sich hier beträchtliche Leistungsnachteile bei den Kindern, die eine sechsjährige Grundschule (Berlin, Bremen) besucht hatten, im Unterschied zu den Übergängern nach Klasse 4 in den anderen Bundesländern.“
„Es bleibt natürlich eine Hauptaufgabe der Politik und der Schule, die Bildungschancen bildungsferner Schichten zu verbessern. Dazu sind in erster Linie eine bessere gesellschaftliche Integration von Migranten, mehr Ganztagsschulen und eine vermehrte individuelle Förderung erforderlich“, sagte Meidinger.
Deutscher Philologenverband, 21.03.2007
-*-
„Jedes Kind hat einen Anspruch auf umfassende Bildung, die sich an seinem Begabungs- und Leistungsprofil orientiert. Deshalb fordern wir gleiche Bildungschancen für jedes Kind, warnen aber vor riskanten Versuchen einer aus ideologischen Quellen gespeisten, höchst ungerechten ´Gleichmacherei´, bei der die Qualität der Bildung letztendlich Schaden nimmt; außerdem weisen wir Forderungen nach einer Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems zurück", so der Landesvorsitzende des Philologenverbandes Baden-Württemberg, Karl-Heinz Wurster, zum Bericht von UN-Menschenrechtskommissar Vernor Muñoz, den er nach den nur wenige Tage dauernden Schulbesuchen in Berlin, Potsdam, Bonn und München sowie Gesprächen verschiedener Organisationen heute (21. März 2007) der Öffentlichkeit vorstellt, in dem beispielsweise das berufliche Schulwesen ausgeklammert blieb.
Wenn der UN-Sonderberichterstatter Muñoz nach einer kurzen Stippvisite in wenigen deutschen Schulen und noch nicht einmal in Schulen aller Bundesländer pauschal Kritik am deutschen Bildungssystem und seiner Mehrgliedrigkeit übe, im deutschen Bildungssystem eine fehlende Chancengleichheit anmahne und die inzwischen zum Teil in Kritik geratene Pisa-Studie für sein Urteil heranziehe, dann seien Zweifel am Aussagewert seines Berichts angebracht. (Anmerkung: keine Schule in Baden-Württemberg und lediglich drei Schulen wurden in Bayern besucht)
Seine Forderung nach mehr Chancengleichheit kann aus der Sicht des Philologenverbandes nicht bedeuten, das Bildungs- und Leistungsniveau vorrangig am Schwächsten und das Tempo grundsätzlich am Langsamsten auszurichten. Das wäre die "unsinnige Folge" einer "Schule für alle". PhV-Chef Wurster: "Was wir brauchen, ist eine frühe schulartspezifische, begabungs- und leistungsgerechte Differenzierung, ein professionelles Auswahlverfahren beim Übergang von einer vierjährigen Grundschule auf die weiterführenden Schulen und eine bessere Verzahnung schulartspezifischer Bildungspläne, um die Durchlässigkeit zwischen den Schularten zu verbessern. "Nicht das System, sondern die Rahmenbedingungen und Inhalte des deutschen Bildungssystems sind in einigen Bereichen nach Auffassung des Philologenverbands Baden-Württemberg korrekturbedürftig", so Wurster.
Der Philologenverband weist im Übrigen darauf hin, dass Prof. Dr. Kurt A. Heller (München) in Untersuchungen Folgendes festgestellt hat: "Eine Verlängerung der vierjährigen Grundschule würde keine erkennbaren Vorteile, wohl aber mit Sicherheit Nachteile für viele Grundschüler mit sich bringen. Diese betreffen nicht nur Leistungsaspekte, sondern tangieren die gesamte Persönlichkeitsentwicklung und damit letztendlich die Zukunftschancen der Jugendlichen." Heller fordert schließlich eine Verstärkung und nicht eine Reduzierung unterrichtlicher und schulischer Differenzierungsmaßnahmen. Kritisch gesehen werden vom PhV auch die Ergebnisse der jüngsten Studie des Münchener ifo-Instituts. So könnten das Berliner und Bremer Schulsystem, die zum Beispiel bei Pisa schlecht abschnitten, nicht als Vorbilder für eine in ganz Deutschland zu praktizierende Bildungspolitik betrachtet werden.
„Um ungleiche Bildungsvoraussetzungen und in Folge mögliche Chancenungerechtigkeiten zu verhindern, müssen Kinder durch Erhöhung der Bildungsausgaben früh und differenziert gefördert werden, und zwar am besten im mehrgliedrigen Schulsystem“, so Wurster abschließend mit dem Hinweis auf die dringende Notwendigkeit einer früh einsetzenden Förderung von Kindern aus bildungsfernen Familien und Familien mit Migrationshintergrund.“
(Anmerkung: Vernor Muñoz besuchte lediglich Schulen in Berlin, Potsdam, Bonn und München und führte Gespräche mit verschiedenen Organisationen. Auf dieser Basis und auf der Grundlage von Bildungsstudien basiert sein Bericht; in Bayern wurden nur drei Schulen besucht)
Philologenverband Baden-Württemberg, 21.03.2007
-*-
Bildungsgerechtigkeit ist Chancengerechtigkeit
bpv unterstützt UN-Bildungsbeauftragten Munoz bei Förderung für Migrantenkinder, weist Kritik am dreigliedrigen Schulsystem aber zurück
Der Bayerische Philologenverband (bpv) unterstützt den Bildungsbeauftragten der UNMenschenrechtskommission, Vernor Munoz, in seiner Forderung, Migrantenkinder früher und besser zu fördern, um deren Bildungschancen zu verbessern. Der Verbandsvorsitzende Max Schmidt wies in diesem Zusammenhang allerdings auf bereits umgesetzte Reformschritte hin: „Die Politik hat bereits mit einem Mehr an Sprachförderung auf dieses Problem reagiert; der Erfolg einer solchen Maßnahme wird jedoch erst in einigen Jahren sichtbar werden.“
Den Vorwurf, dass Kinder aus der Oberschicht in Deutschland eine um ein Vielfaches höhere Chance hätten das Abitur zu schaffen als Kinder aus bildungsfernen Schichten, wies Schmidt für Bayern zurück: „Gerade die PISA-Studie hat ergeben, dass der Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft in Bayern am geringsten in ganz Deutschland ist.“ Gleichwohl seien auch hier eine frühe Förderung und vermehrte Ganztagsangebote der Schlüssel zu noch mehr Bildungsgerechtigkeit. Die Abschaffung des dreigliedrigen Schulwesens, wie sie offenbar dem UN-Bildungsbeauftragten vorschwebt, lehnt der bpv ab: „Bildungsgerechtigkeit ist Chancengerechtigkeit, nicht aber der gleiche Schulabschluss für alle“, sagte Schmidt. Und die sei über die Durchlässigkeit des Systems gewährleistet. „Wir müssen zudem auch auf die Bildungsqualität schauen: Ein gegliedertes Schulwesen ermöglicht eine frühe leistungsgerechte Förderung in homogenen Lerngruppen ohne Unter- und Überforderung. Das bringt bessere Ergebnisse als eine Sekundar- oder Gesamtschule.“
Schmidt räumte aber ein, dass das Gymnasium sein Begabungspotenzial noch nicht ausgeschöpft habe: „Gerade auf dem Land muss die gymnasiale Infrastruktur durch bessere Busverbindungen und neue Schulen verbessert werden – zu viele Eltern schicken ihr Kind trotz gymnasialer Eignung auf die Realschule, weil die halt am Ort ist.“ Schmidt kritisierte darüber hinaus, dass sehr guten Realschülern der Wechsel ans Gymnasium zu selten nahe gelegt und die gymnasiale Eignung an der Grundschule nur auf Anfrage mitgeteilt werde. „Wir wollen jeden geeigneten Schüler“, sagte Schmidt abschließend.
Bayerischer Philologenverband, 21.03.2007
-*-
Der UNO-Querulant aus Costa Rica
Costa Rica ist ein für dortige Verhältnisse gut entwickeltes kleines, von vier Millionen Menschen bewohntes Land am Übergang von Mittel- nach Südamerika. Deutschlandweite Bekanntheit hat der Name dieses Landes jetzt zum dritten Mal durch einen Juraprofessor der Universität der Hauptstadt San José erfahren. Der Mann heißt Vernor Muñoz. Im Februar 2006 bereiste er – im Auftrag der UNO, sagt er - rund eine Woche lang Deutschland, um sich ein Bild vom Zustand des deutschen Bildungswesens zu machen. Vor vier Wochen kündigte er den Bericht über seinen Deutschlandbesuch an, und am 21. März trug er diesen Bericht nun vor dem UN-Menschenrechtsrat in Genf vor.
So weit, so gut; so weit, so schlecht. Natürlich darf jedermann, auch jeder Politiker und Wissenschaftler Deutschland bereisen und sich ein kritisches Urteil bilden. Höchst fragwürdig aber wird die Sache, wenn der betreffende Besucher aufgrund gewisser Einflüsterer bereits vor dem Besuch weiß, wie seine Kritik ausfallen wird, und wenn er diese Kritik in offizieller Funktion als Sonderberichterstatter der UNO vorbringt. Und völlig indiskutabel ist die Sache, wenn der des Deutschen keineswegs mächtige Berichterstatter meint, mit wenigen flüchtigen Schulbesuchen und ein paar Gesprächen das Schulwesen von sechzehn Bundesländern mit insgesamt zwölf Millionen Schülern, 800.000 Lehrern, 42.000 Schulen einschätzen, ja gar als zu wenig zukunftsfähig, als ungerecht und behindertenfeindlich verteufeln zu können. Das ist dreist. Wenn man sich vom deutschen Schulwesen in wenigen Tagen ein Bild machen und daraus einen Bericht für die UNO basteln könnte, dann hätten Hunderte von erziehungswissenschaftlichen Lehrstühlen und zig Forschungsinstitute jahrzehntelang nur für den Papierkorb gearbeitet oder nur Däumchen gedreht.
Noch dreister freilich sind die Empfehlungen, Deutschland müsse sein gegliedertes Schulwesen überdenken, die Hauptschule abschaffen, die Grundschule verlängern, mehr Abiturienten produzieren und das sog. Homeschooling zulassen. Gerade mit letzterer Forderung widerspricht sich der Herr UNO-Berichterstatter selbst: Er sollte eigentlich wissen, dass gerade das Homeschooling, also die Unterrichtung der Kinder durch ihre Eltern und durch deren Freunde, sozial hochkarätig selektiv ist und so manche sektiererische Gruppe auf den Plan ruft.
Im Privatleben würde man über dergleichen Nörgeleien grimmig-souverän hinweggehen. Hier aber geht es um ein öffentlich massenhaft verbreitetes und von so manchem Ghostwriter flankiertes Querulantentum. Deutschland auf dem Niveau von Drittländern? Da ist offensive Widerrede patriotische Pflicht. Hat der Menschenrechtsbeauftragte der UNO denn nichts Wichtigeres zu tun? Warum kümmert er sich nicht um Länder, in denen Menschenrechte und Bildung wirklich darniederliegen? Warum kümmert er sich nicht um sein eigenes Land? Costa Rica hat jedenfalls eine Schulpflicht nur für die Sechs- bis Zwölfjährigen. Deshalb konnte es an der PISA-Testung auch nicht teilnehmen, denn bei PISA werden Fünfzehnjährige getestet.
Dem Ansehen der UNO hat Muñoz in Deutschland keinen Gefallen getan. Und gottlob haben Bundesregierung und alle Kultusminister dem Herrn kräftig widersprochen. Muñoz mag schon wieder im Flieger irgendwo zwischen Genf, New York und San José sitzen. Aber ein paar Dinge sollte ihm irgendjemand doch einmal flüstern. Erstens machen in Deutschland zwei Drittel der jungen Leute den Weg in Lohn und Brot über das hochkarätige System deutscher Berufsbildung. Muñoz hat davon keine Ahnung. Zweitens gibt es kaum ein Land der Welt, in dem die sog. Bildungsbeteiligung der Sechzehn- bis Achtzehnjährigen so hoch ist wie in Deutschland, nämlich über 90 Prozent. Drittens gibt es kaum ein Land der Welt, in dem die Schulpflicht zwölf Jahre währt – eine Pflicht, die eine riesige soziale Errungenschaft darstellt. Viertens hat Deutschland eine der geringsten Quoten an arbeitslosen Jugendlichen. Fünftens stehen 85 Prozent der Hauptschüler bereits fünf Jahre nach ihrem Schulabschluss in einem festen Arbeitsverhältnis. Sechstens hat Deutschland das höchstdifferenzierte Förderschulwesen der Welt: mit eigenen Schulzweigen für die unterschiedlichsten Benachteiligungen, mit eigens dafür ausgebildeten Lehrern, mit kleinsten Lern- und Betreuungsgruppen. Siebtens erzielen in Deutschland diejenigen Länder die besten PISA-Ergebnisse – übrigens auch unter Migrantenkindern – , deren Schulwesen dezidiert gegliedert ist.
Also, lieber Herr Muñoz, sie sind ein willkommener Gast, wenn Sie bereit sind, sich wirklich auf dieses hochdifferenzierte deutsche Bildungswesen einzulassen. Aber passen Sie auf, dass Sie nicht von einem internationalen Gesamtschulkartell vor den Karren gespannt werden! Und bilden Sie sich nichts darauf ein, wenn sie in Zeitungen wie „Neues Deutschland“, „junge Welt“, „taz“ oder in den Blättern der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Jubelkommentare erfahren!“
Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
-*-
Plädoyer für Einheitsschule nicht nachvollziehbar / Schlüssel für Entkoppelung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg liegt in frühkindlicher Förderung
„Das dreigliedrige Schulsystem Baden-Württembergs eröffnet jungen Menschen eine Vielzahl an Anschluss- und Aufstiegsmöglichkeiten / „Muñoz missachtet die Bedeutung des beruflichen Schulwesens“
„Ein flüchtiger Blick auf die deutsche Schullandschaft rechtfertigt keine weit reichenden Schlussfolgerungen. Der Bericht von Herrn Muñoz ist für mich deshalb in weiten Teilen ein Muster ohne Wert.“ Dies sagte Baden-Württembergs Kultusminister Helmut Rau MdL am Mittwoch (21. März) anlässlich des heute in Genf vorgestellten Berichts des Menschenrechtsinspektors der Vereinten Nationen (VN), Vernor Muñoz, über das deutsche Schulsystem. An den Empfehlungen könne man ablesen, dass er seinen Deutschlandbesuch wohl mit einer feststehenden Meinung angetreten habe. „Herr Muñoz übersieht völlig, dass das von ihm vehement kritisierte dreigliedrige Schulwesen den jungen Menschen in Baden-Württemberg eine Vielzahl an Anschluss- und Aufstiegsmöglichkeiten eröffnet", monierte Rau. Ein Drittel der Abiturienten komme im Südwesten über die beruflichen Gymnasien zur Allgemeinen Hochschulreife und 45 Prozent der Hauptschüler würden im beruflichen Schulwesen einen mittleren Bildungsabschluss erwerben.
Diese Fakten nehme der VN-Menschenrechtsinspektor nicht zur Kenntnis. Die herausragende Bedeutung der beruflichen Schulen im Schulsystem Baden-Württembergs werde von ihm völlig ausgeblendet. Er habe auch keine einzige Schule in Baden-Württemberg besucht. „Damit hat Herr Muñoz sichergestellt, dass er seine Vorteile nicht auf den Prüfstand stellen musste. Ihm fehlt die Kompetenz, das Schulsystem Baden-Württembergs angemessen beurteilen zu können", betonte Rau.
„In einem Punkt hat Herr Muñoz Recht. Die Überwindung des engen Zusammenhangs zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg ist eine der Legitimationsfragen an unser Bildungssystem insgesamt. Das Plädoyer von Herrn Muñoz für eine Einheitsschule als Patenrezept gegen mangelnde Bildungschancen von Migranten und sozial Schwächeren ist für mich aber nicht nachvollziehbar", sagte Rau. Der Schlüssel für ein Aufbrechen des Zusammenhangs zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg liege vielmehr in der frühkindlichen Bildung bzw. Förderung. In den frühen Jahren würden die Weichen für eine gelingende Schulkarriere gestellt. „Unser Ziel muss es sein, dass alle Kinder mit den gleichen Startchancen ihre Schullaufbahn beginnen und bereits im Kindergarten ihren Talenten und Begabungen entsprechend optimal gefördert werden“, bekräftigte der Kultusminister. Mit dem neuen Orientierungsplan für Kindergärten und dem Projekt Schulreifes Kind habe die Landesregierung die frühkindliche Bildung zu einem ihrer bildungspolitischen Schwerpunkte gemacht.
Ministerium für Kultus Jugend und Sport Baden-Württemberg, Stuttgart, 21.03.2007
-*-
Pressemeldung Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus“, München, 21.03.2007
-*-
Die Analyse des deutschen Bildungssystems von UN-Sonderberichterstatter Vernor Muñoz weist Kultusminister Prof. Dr. Jens Goebel (CDU) als für Thüringen unzutreffend strikt zurück: "Hätte Herr Muñoz den Freistaat besucht, wäre ihm aufgefallen, dass unser zweigliedriges Schulsystem allen Schülerinnen und Schülern entsprechend ihrer jeweiligen Fähigkeiten und Fertigkeiten gleichwertige Bildungschancen einräumt."
Kultusminister Goebel: "Unser bundesweit vorbildliches Schulsystem bietet nach der vierten Klasse die Möglichkeit zum Besuch der Regelschule oder des Gymnasiums, unabhängig von der sozialen Herkunft. Das Herzstück unseres Schulwesens ist dabei nach wie vor die Regelschule, die deutlich das längere gemeinsame Lernen betont. Da zwischen den Schularten Durchlässigkeit besteht, ist die Entscheidung für einen Bildungsweg keine endgültige Entscheidung für einen Abschluss. Die von Muñoz angesprochene Gefahr, ein mehrgliedriges Schulsystem würde zu einer ´De-facto-Diskriminierung´ führen, besteht für Thüringen nicht."
Darüber hinaus würden Kinder mit Migrationshintergrund und niedrigem sozioökonomischen Status in Thüringen nicht benachteiligt, erklärt Goebel weiter. "Gerade Schülern, die keine deutschen Muttersprachler sind, werden alle Bildungsmöglichkeiten in Schule, Beruf und Hochschule geboten. Darüber hinaus hat der PISA-2003-Bericht deutlich gemacht, dass z. B. die Mathematik-Kompetenzen von Schülern mit Migrationshintergrund gleich groß sind wie die von Schülern ohne Migrationshintergrund."
In den Klassenstufen 3 und 6 beträgt der Anteil der Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache 3,7 Prozent. In der Klassenstufe 6 haben 4 Prozent der Regel- und Gesamtschüler sowie 3,1 Prozent der Gymnasialschüler eine andere Muttersprache als Deutsch.“
PM - Thüringer Kultusministerium, Erfurt, 21.03.2007
-*-
Deutscher Elterverein e.V. „Vernor Muñoz Villalobos schadet dem Anliegen der UNO
Unwissen und Selbstüberschätzung prägen den Bericht des UNO- Sonderberichterstatters für Bildung. Mit seiner von keinerlei Sachkenntnis beschwerten Kritik am deutschen Bildungsangebot schadet Señor Muñoz leider dem Anliegen der UNO, dort, wo das Schulwesen wirklich am Boden liegt, Hilfe zu bieten.
Im Interview des „Morgenmagazins“ am 21.März offenbarte er seine absolute Unkenntnis des Aufbaus und der Struktur des deutschen Bildungssystems. Wenn er mit gleichem Unvermögen auch die Schulsysteme von Ländern wie Botswana und Malawi, die er vor Deutschland auf seiner Bildungsreise besuchte, darstellt, ist den in diesen Ländern lebenden Kindern leider überhaupt nicht gedient.
Die offenkundige Inkompetenz des Sonderberichterstatters ist nicht geeignet, Vertrauen in die Bemühungen der UNO zu schaffen und Hilfe dafür einzuwerben. Das ist traurig, weil es den Kindern, die diese Hilfe wirklich brauchen, Chancen verwehrt." kritisierte Ulrich Kliegis, Vorsitzender des Deutschen Elternvereins e.V., heute in Kiel den Bericht des UNO-Sonderberichterstatters für Bildung.
Señor Muñoz kommt aus Costa Rica, das anerkanntermaßen das bestentwickelte Schulsystem Südamerikas hat. Die allgemeine Schulpflicht dauert dort laut OAS vom sechsten bis zum elften Lebensjahr. Nur jeder dritte Schüler in Costa Rica besucht danach noch drei Jahre lang eine Sekundarschule. An der PISA-Studie konnte Costa Rica nicht teilnehmen, Studie konnte Costa Rica nicht teilnehmen, weil die bei PISA untersuchten fünfzehnjährigen Jugendlichen dort gar nicht mehr zur Schule gehen.
Es gibt zu denken, daß Señor Muñoz im heutigen Morgenmagazin-Interview die in seinen Augen niedrige Quote von Abiturienten aus Migrantenfamilien in Deutschland aus PISA-Resultaten herleitet, ein Thema, das dort überhaupt nicht untersucht wird. Die vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung an mehreren tausend Hamburger Schülern durchgeführte aktuelle TOSCA (LAU13-)Studie zeigt hingegen gerade, dass diese Schülergruppe aus Migrantenfamilien keinerlei Probleme hat, das Abitur zu erreichen. Gleiches gilt für Kinder aus sozial unterdurchschnittlich ausgestatteten Familien.
Unterschiede in den Bildungschancen ergaben sich aber ganz deutlich aus der Art der besuchten Schule: Die größten Probleme, den geforderten Wissensstandard zu erreichen, hatten Gesamtschüler – sie erreichten in den Fächern Mathematik und Englisch kurz vor ihrem Abitur gerade noch die gleiche Kompetenzstufe, wie sie von Absolventen grundständiger Hauptschulen erwartet wird.
„Leider bleibt auch völlig im Dunklen, wer Señor Muñoz das Mandat für seine „Studie“ gegeben hat, wer ihn dabei wissenschaftlich unterstützt hat, an welchen Maßstäben er seine Bewertung festmacht, und welche eigene Kompetenz er für dieses hochkomplexe Thema eigentlich mitbringt. Sein bereits von vielen Seiten kritisierter Bericht sollte keinem ernsthaften deutschen Bildungspolitiker, dem – oder der es um mehr als wohlfeile Symbolpolitik geht, als Grundlage irgendwelcher Forderungen nach Strukturmaßnahmen im deutschen Schulwesen dienen. Außer Spesen nichts gewesen“, schloß Kliegis seine Kritik am Auftritt des UNO-Sonderberichterstatters.
Deutscher Elternverein e.V. , 21.03.2007
Weitere kritische Stimmen zum Bericht des UN-Sonderberichterstatters Vernor Muñoz
„UN-Sonderberichterstatter Muñoz
Dreistes Urteil über das deutsche Schulsystem
Was manchen Bildungsforscher jahrzehntelang beschäftigt und ausführlicher Studien bedarf, glaubt der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung Muñoz in einem flüchtigen Blick auf das deutsche Schulsystem leisten zu können. Das ist nicht nur dreist, es ist in hohem Maße unlauter.
Denn es handelt sich, wie die Empfehlungen zeigen, um die Wiederholung der Pisa-Befunde und bruchstückhafte Eindrücke eines gut einwöchigen Besuchs. Darauf hatte die Republik gewartet. Noch mehr aber auf eine neuerliche Schulformdebatte, die von einem Vertreter des internationalen Gesamtschulkartells angezettelt wird.
„Menschenrechtsverletzungen“
Welches andere Land besitzt ein vergleichbar schwach ausgeprägtes Selbstbewusstsein und lässt sich von einem Professor aus Costa Rica, der kaum des Deutschen mächtig ist, die Leviten lesen? In Frankreich jedenfalls wäre dieser Abgesandte mit Nichtachtung gestraft worden - und zwar zur Recht.
Seine Vorschläge lassen jegliche Sachkenntnis vermissen. Wenn es Muñoz wirklich darum ginge, den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg aufzulösen, könnte er nicht ausgerechnet das „Homeschooling“ vorschlagen, wodurch die Selektivität erst recht gefestigt würde, weil eine Durchmischung der sozialen Schichten im Klassenzimmer überhaupt nicht mehr stattfände.
Noch peinlicher ist, dass sich Muñoz damit auch noch zum Sprecher des sogenannten Netzwerks „Bildungsfreiheit“ macht, das ihm zu Beginn der Stippvisite zur Verfestigung seiner Vorurteile einen Bericht über „Menschenrechtsverletzungen im deutschen Bildungssystem“ übergeben hatte. Darin forderte das Netzwerk, den Sorgerechtsentzug bei häuslichem Unterricht aufzuheben.
Keine Vorschläge für frühkindliche Förderung
Doch die deutsche Schulpolitik kann sich weder mit Schulformdebatten noch mit Außenseiterthemen aufhalten: Es geht darum, die frühkindliche Förderung weiterzuentwickeln, um die unterschiedlichen Ausgangslagen der Schulanfänger anzunähern.
Dazu gehört die gezielte Sprachförderung ausländischer Kinder in vorschulischen Einrichtungen unter Einbeziehung der Eltern. Vielleicht könnte der Sonderberichterstatter dazu zielführende Vorschläge unterbreiten. Doch damit ist nach diesem klischeehaften Bericht nicht mehr zu rechnen.“
Heike Schmoll in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.0.2007
-*-
„…Die alle paar Monate wiederkehrenden Debatten um neue, von internationalen Organisationen gefertigte Studien zum Bildungssystem dienen als Munition in einem alten Grabenkrieg: Der Streit um das gegliederte Schulsystem, der im Bund und zwischen den Ländern unter Verweis auf deren Autonomie nicht offen geführt werden kann, wird so immer wieder angefacht. Schön für linke Lehrergewerkschaften und Sozialdemokraten, wenn eine Uno-Kommission ihre Sicht bestätigt und die Union in die Defensive gerät.
Dabei ist der costa-ricanische Uno-Sonderberichterstatter keineswegs ausgewiesener Kenner des deutschen Schulwesens; sein Rapport stützt sich nicht auf besondere eigene Einsicht in die Verhältnisse. Sein Untersuchungsauftrag beschränkte sich zudem auf die Frage, wie sehr sozial schwache Schüler benachteiligt werden. Das ist ein wichtiges, aber keineswegs das einzige Kriterium für die Qualität eines Bildungssystems. Auch die Frage, welche Leistungen es hervorbringt, ist höchst relevant. Gäbe man eine Studie in Auftrag, die nur auf dieses Kriterium abstellt, so würden die für ihr stark gegliedertes Schulwesen jetzt kritisierten südlichen Bundesländer gut abschneiden. Aber auch solch eine Untersuchung wäre unseriös.“
Financial Times Deutschland, 21. März 2007
-*-
„Selten habe ich so viele Reaktionen auf einen Kommentar in den tagesthemen bekommen. Na gut, ich kommentiere auch wenig. Aber die Diskussion um das dreigliedrige Schulsystem hat derart Fahrt aufgenommen, dass ich das hier noch einmal erläutern will. Ich bin ein Freund der Hauptschule. Und der Realschule. Und des Gymnasiums. Viele Lehrer halten mich deswegen für dämlich. Ihr Argument: Ich hätte keine Ahnung von der bösen Welt da draußen.
Zunächst, ich finde sie gar nicht so böse. Das ist alles relativ. Wenn man die Welt kennt, und ein bisschen nehme ich das für mich in Anspruch, dann sieht es eigentlich ganz gut aus in unserer Republik. Ich kenne aber auch die Hauptschulen in und um Hamburg. Meine Schwester unterrichtet dort und mein Schwager auch. Ich möchte nicht mit Ihnen tauschen, das ist ein verdammt schwerer Job, und wir reden oft über die Zustände. Beide sagen aber, dass eine Zusammenlegung von zwei oder gar drei Schularten zu einer das Problem nicht löst, sondern nur verschiebt.
Eine durchlässige Dreigliedrigkeit mit einheitlichen Kriterien für den Schulwechsel muss dabei gewährleistet sein. Das ist nicht der Fall. Aber muss man die Hauptschule deswegen abschaffen? Man muss das Problem lösen.
Viele haben mir geschrieben, dass Hauptschüler stigmatisiert werden, keine Lehrstelle bekommen. Wenn sie nicht haben lernen können zu rechnen und zu schreiben, dann ist die Sache klar. Betriebe beklagen, dass das so ist. Es mag Hauptschulen geben, wo das zutrifft. Bei meiner Schwester, bei meinem Schwager an den Schulen ist das nicht so! Wenn aber ein Hauptschüler gut durchkommt und andere, vielleicht handwerkliche Fähigkeiten mitbringt, dann ist er doch kein schlechterer Mensch als ein nassforscher Gymnasiast ohne Sozialkompetenz!
Eine Gesellschaft, die das nicht akzeptiert, ist eine ungesunde Gesellschaft. Daran muss man dann arbeiten. Die Einheitsschule verdeckt das Problem. Gut gemacht, kann sie es sogar lösen, davon bin ich überzeugt. Aber das dreigliedrige System kann das auch - gut gemacht. Freilich ist das anstrengender, weil sich dann nicht nur die Schulen, sondern die Gesellschaft ändern muss. Lehrer müssen wieder akzeptiert und geachtet werden. Eltern müssen sich kümmern und in die Verantwortung genommen werden. Wo das nicht geht, weil die “Sozialprognose” (so heißt das in den ärgerlichen Mails an mich) schlecht ist, muss die Hauptschule zur Ganztagsschule werden, damit Lehrer diesen Part mitübernehmen. Das kann aber nicht die Regel sein, es sei denn, wir pumpen unendlich viel mehr Geld in die Bildung. Man könnte noch viel mehr sagen, aber dafür ist selbst hier nicht der Platz…“
Thomas Hinrichs, blog.tagesschau.de, 23.03.2007
-*-
„Natürlich gilt es, die Chancengleichheit im deutschen Schulsystem zu verbessern. Schließlich darf es nicht sein, dass Bildung überwiegend ein Privileg für Kinder von Besserverdienenden ist, und vor allem der elterliche Geldbeutel über die Karrierechancen des Nachwuchses entscheidet. Eine hervorragende Ausbildung von Kindern und Jugendlichen ist die beste Investition in die Zukunft.
Ob die arg dünnen Rezepte des UN-Experten allerdings dazu geeignet sind, hier wirklich dauerhaft Abhilfe zu schaffen, ist eher zu bezweifeln. Die Abkehr vom mehrgliedrigen Schulsystem hin zur Einheitsschule ist kein Allheilmittel. Chancengleichheit erreicht man nicht durch staatlich vorgegebene Gleichmacherei des Schulsystems. Bereits vor dem PISA-Schock haben die zuständigen Bundesländer mit dem Umsteuern begonnen. Auch wenn die UN-Kritik überzogen erscheint, die Länder müssen ihre Schulaufgaben erledigen.“
Passauer Neue Presse, 22. März 2007
-*-
„Pfui, ein differenziertes Schulsystem: UNO und Pisa-Studie lassen grüßenAls willkommene Munition sehen jene, die lieber heute als morgen eine Gesamtschule in Österreich einführen wollen, den jüngsten Vorwurf des UNO-Sonderberichterstatters Vernor Munoz vor der Vollversammlung des Menschenrechtsrates in Genf an: Die in Deutschland ab dem Alter von zehn Jahren übliche Aufteilung der Kinder in Haupt-, Realschule und Gymnasium sei selektiv und diskriminiere Kinder aus schwachem sozialem Umfeld und aus Einwandererfamilien.
Laut Munoz sei die Art und Weise, wie die Zuweisung der Schüler auf den jeweiligen Schultyp erfolge nicht nachvollziehbar, und man solle überprüfen, ob nicht dieses dreigliedrige Schulsystem zum – siehe Pisa-Studie – "vergleichsweise geringen" Schulerfolg der Deutschen beitrage.
Der Vorwurf trifft, etwas abgeschwächt, auch auf Österreich zu, denn hierzulande haben Zehnjährige nur zwei Möglichkeiten – AHS-Unterstufe und Hauptschule. Wenn differenzierte Schulsysteme böse sind, zählt auch Österreich zu den Sündern, die sich bekehren müssen. Die häufige Realität in anderen Ländern – Gesamtschulsysteme, aber daneben teure Privatschulen für die Eliten – sehen die Vereinten Nationen offenbar mit Wohlwollen.
Dass die UNO vor allem dort streng redet, wo man ihr überhaupt noch zuhört, und weniger dort, wo ganz offensichtlich Menschenrechte mit Füßen getreten werden, ist die eine Erkenntnis aus der Wortmeldung von Munoz.
Die andere ist, dass die Bildungspolitik in Österreich und in Deutschland wirklich Erklärungsbedarf hat. Es ist zwar eine Legende, dass in der – keineswegs unumstrittenen – Pisa-Studie durchwegs Länder mit Gesamtschulen vor solchen mit differenziertem System liegen. Aber der Vorwurf, die Differenzierung sei oft ungerecht und erfolge mit zehn Jahren vielleicht etwas zu früh, verdient Beachtung. Ideologische Scheuklappen, welcher Art auch immer, sind für ein gutes Bildungswesen absolut nicht hilfreich.
Ein differenziertes System ist nur dann legitim und von Vorteil, wenn es nach Können und Leistung und nicht zwischen Armen und Reichen, Inländern und Ausländern unterscheidet. Ein Gesamtschulsystem von Wert auf der anderen Seite muss intern differenzieren und die Begabungen jedes einzelnen Kindes berücksichtigen, damit einerseits Talente nicht versickern und anderseits ein Mindestmaß an Kulturtechniken erworben wird.
Die heutige Praxis beim Übergang der Zehnjährigen in die AHS-Unterstufe oder Hauptschule, insbesondere in Wien, kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein: Eltern terrorisieren Lehrer, um für ihr Kind Noten herauszuschinden, mit denen die Aufnahme in die gewünschte Schule gesichert scheint – sofern die Lehrer nicht bald ohnehin allen Kindern die ersehnten Einser nachwerfen.
Früher oder später wird diese Praxis entweder zur Gesamtschule oder zur Wiedereinführung der Aufnahmeprüfung für Gymnasien führen müssen.“
Wiener Zeitung, 23.03.2007
-*-
„Der Berliner Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth kritisiert den am Mittwoch vorgelegten Bericht des UN-Sonderberichterstatters Vernor Muñoz heftig: „Wer glaube, dass mit einem einheitlichen Schulsystem auch gleiche Bildungschancen für alle Kinder eröffnet würden, liege falsch. Zudem messe Muñoz der Sprachkompetenz zu wenig Bedeutung bei….Die Risikogruppen wie Kinder mit Migrationshintergrund oder aus den unteren sozialen Schichten kennen wir schon seit Pisa. Und es ist nur eine hübsche Annahme, dass mit der gleichen Schule auch die gleichen Chancen für alle geschaffen werden. Aber das ist leider falsch!…
Wer wie Herr Muñoz hier tadelt, hat nicht verstanden, worum es geht. Er war etwa zwei Wochen in Deutschland, hat sich von den ihm vorgestellten Experten über aktuelle Studien und Modellversuche aufklären lassen und hat dabei anscheinend auch noch einiges nicht richtig verstanden. Herr Muñoz hat ein Bild von Bildung, das ich so nicht nachvollziehen kann. Ich sag es mal leicht überspitzt: Abitur ist kein Menschenrecht! Richtig ist, dass wir jeden Schüler optimal fördern müssen….So ist unsere Jugendarbeitslosigkeit deutlich niedriger als bei den Pisa-Siegern. Wenn auch finnische Kinder nicht nach Schulsystemen aufgeteilt werden, findet die Selektion doch später statt. Deshalb finden etwa 40 Prozent nach der Schule keine Arbeit. Da sind wir erfolgreicher….Mich interessiert vielmehr, wie man die Bildungsbeteiligung und die Wertschätzung von Bildung in einigen Bevölkerungsgruppen erhöhen kann. Wer sich abschottet und nicht arbeiten und lernen will, drückt sich vor seiner Selbstverantwortung. Das muss sozialpolitisch noch heftig diskutiert werden. Ich finde es falsch, solche Problematiken dem Bildungssystem zuzuschreiben.“
Focus Schule, 21.03-2007
-*-
Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) hat die Kritik des UN-Menschenrechtsinspektors Vernor Muñoz am dreigliedrigen Schulsystem in Deutschland zurückgewiesen. «Offenbar ist dem UN-Mitarbeiter entgangen, dass gerade die deutschen Bundesländer, die am striktesten an einem gegliederten Schulsystem festhalten, bei den Erhebungen der PISA-Studien innerhalb Deutschlands bei weitem die besten Lernerfolge erzielt haben», sagte Koch am Mittwoch der dpa. Entscheidend für die Chancengleichheit vor allem auch lernschwacher Schüler seien die Qualität der Lehre, die individuelle Förderung und die Gewähr, dass Unterricht in vollem Umfang stattfinde.
Koch bekannte sich zu zentralen Abschlüssen und einer stärkeren berufspraktischen Ausrichtung der Hauptschule: «Bei mir soll jedes Kind die bestmögliche Förderung bekommen und zwar unabhängig von seinem Talent. Der Mensch fängt übrigens nicht erst mit dem Abitur an.» Zudem beginne Hessen schon vor der Einschulung mit Sprachkursen, um Kindern mit Sprachproblemen gleiche Chancen zu verschaffen.
Hessens SPD-Chefin Andrea Ypsilanti nannte dagegen die «Zergliederung» des deutschen Bildungswesens als eine der Hauptursachen der mangelnden Chancengleichheit. Kochs Schulreformen hätten dies noch verstärkt.
Frankfurter Neue Presse, 21.03-07
-*-
„Nordrhein-Westfalens Schulministerin Barbara Sommer (CDU) hat das deutsche Schulsystem gegen die scharfe Kritik des UN-Inspektors Vernor Muñoz verteidigt.»Der Vorwurf, es gebe eine ausgeprägte Auslesementalität trifft nicht zu«, unterstrich Sommer am Mittwoch in Düsseldorf. Sie unterstrich die Anstrengungen insbesondere bei der vorschulischen Sprachförderung und dem Ausbau der Ganztagsschulen….Im Gegensatz zu anderen Bundesländern sei NRW in dem ihr vorliegenden Entwurf nicht genannt, sagte Sommer vor dem Schulausschuss des Landtags. »Das NRW-Schulsystem ist nicht selektiv und diskriminierend.« Auch die Kultusministerkonferenz habe bereits entsprechende Kommentierungen des Sonderberichterstatters über deutsche Schulen richtig gestellt, so die CDU-Politikerin.
Die CDU-Mehrheitsfraktion in NRW will auf jeden Fall am mehrgliedrigen Schulsystem festhalten. »Wir stehen zu dem Beschluss, die Systemdebatte nicht weiterzuführen, sondern über Inhalte zu sprechen«, bekräftigte Fraktionschef Helmut Stahl…“
Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 21.03.2007
-*-
Auf Kritik stößt der Bericht des UN-Sonderberichterstatters Vernor Munoz beim Nürtinger Bundestagsabgeordneten Michael Hennrich (CDU). Hennrich: „Die Empfehlungen von Herrn Munoz sind nicht dienlich, die Bildungschancen in Deutschland zu stärken.“
NÜRTINGEN Munoz habe in seinem Bericht insbesondere die fehlenden Bildungschancen von Kindern aus ärmeren Familien kritisiert. Als Grund hierfür gibt er das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland an. Dazu Michael Hennrich: "Munoz hat in lediglich acht Tagen vier der 16 Bundesländer besucht und erlaubt sich nun eine scharfe Kritik an Deutschlands Bildungspolitik." Hennrich wehrt sich dagegen, dass Deutschland zum bildungspolitischen Entwicklungsland degradiert wird.
Natürlich könne man darüber diskutieren, ob die Trennung der Grundschüler in Haupt-, Realschule oder Gymnasium bereits ab der vierten Klasse erfolgen müsse. Tatsache sei jedoch, dass das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland durchlässig sei und auch ein Hauptschüler über weiter- und berufsbildende Schulen das Abitur erreichen könne. Über diesen zweiten Bildungsweg erreichten über ein Drittel der baden-württembergischen Abiturienten ihr Ziel. Hennrich: „Genau diese Möglichkeiten blendet Munoz aus, der lediglich die Sekundarstufe 1 untersucht hat.“ Er könne jedoch nicht einfach ein Urteil über ein Schulsystem abgeben, ohne alle Aspekte zu untersuchen.
Hennrich bestreitet in seiner Pressemitteilung vehement, dass die Gesamtschule die bessere Schule sei. „Tatsächlich liegen Baden-Württemberg und Bayern an der deutschen Spitze und können international mit den Besten mithalten. Die Bundesländer, die verstärkt auf die Gesamtschule gesetzt haben, werden jedoch nach hinten durchgereicht.“ Dies spreche doch wohl eher dafür, dass zumindest in Deutschland die Gesamtschule der falsche Weg sei.
Unbestreitbar sei es, dass in Deutschland Kinder aus bildungsschwachen Familien insbesondere Kinder aus Ausländerfamilien deutlich geringere Erfolgsaussichten hätten: „Hier macht sich bemerkbar, dass wir in Deutschland viel zu wenig darauf achten, dass die Kinder ausreichend Deutsch können, bevor sie in die Schule kommen.“ Verstärkte Anstrengungen seien diesbezüglich insbesondere in den Kindergärten notwendig. Doch müsse auch verstärkt in den Familien Deutsch gesprochen werden.
Darüber hinaus unterstützt Hennrich die Bestrebungen, mehr Ganztagesschulen einzurichten. Dieser Trend dürfe sich aber nicht nur auf Brennpunktschulen und Gymnasien beschränken, sondern auch verstärkt Hauptschulen mit einbeziehen.
Auf scharfen Widerspruch stößt die Anregung Munoz, das Bildungsmonopol der Schule aufzuheben. Munoz möchte die „Heimschule“ ermöglichen. Hennrich: "In Deutschland gibt es das Recht auf eine Schule und die Schulpflicht. Dies ist eine große zivilisatorische Errungenschaft. Sie darf auf keinen Fall aufgeweicht werden."
Wer die Möglichkeit fördere, im Zweifel auch zu Hause zu lehren, ermögliche es ideologischen und religiösen Gruppen und Sekten, die Kinder ihrer Anhänger einer öffentlichen Schule zu entziehen. „Damit würde man die Kinder aus islamistisch orientierten Schulen überhaupt nicht mehr erreichen.“
Als Beleg für die nach wie vor gute Bildungs- und Ausbildungssituation der deutschen Schulen und als Erfolg wertet Hennrich die Tatsache, dass Deutschland im internationalen Vergleich eine der niedrigsten Jugendarbeitslosenraten hat. In Anbetracht der zunehmenden Probleme insbesondere bei Zuwandererfamilien weist Hennrich darauf hin, dass die Situation in Baden-Württemberg und Bayern deutlich günstiger sei als zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen oder Brandenburg. Aus diesem Grund lehnt er es ab, die Bildungspolitik in Deutschland zu zentralisieren.Er befürchtet, dass die anspruchsvollen Bildungsinhalte der südlichen Bundesländer im bundesdeutschen Schnitt aufgeweicht würden. Darum fordert er die anderen Länder auf, dem erfolgreichen baden-württembergischen und bayerischen Bildungsweg zu folgen.
Der Teckbote, 24.03.2007
-*-
„Munoz-Bericht unglaublich
Diskriminierung und soziale Auslese: Die UN haben Deutschland wegen seines Schulsystems scharf kritisiert. So beginnen die Pressemeldungen zur Berichterstattung des Herrn Munoz. Unglaublich! Wegen des bestehenden Schulsystems von Diskriminierung und Menschenrechtsverletzung zu sprechen ist ungeheuerlich. Zu Recht werden die Berichterstattungen von Herrn Munoz in Deutschland empört zurückgewiesen. Wie anmaßend, nach nur kurzer oberflächlicher Besuchszeit über unser Schulsystem zu urteilen. Egal ob der Aktionsrat Bildung oder der UN-Sonderberichterstatter, beide scheren alles über einen Kamm und lassen die bayerische Qualität vollkommen außer Acht. Wir kommen nirgends weiter, wenn immer nur alles schlecht geredet wird. Ressourcen zu verschleudern, wegen solcher Berichterstattungen können wir uns nicht leisten und können wir nicht akzeptieren. Es gibt so viele positive Ansätze und Abläufe und unsere Schulen leisten vielfach Hervorragendes. Warum wird das nicht erwähnt? Fragt Ingrid Ritt, Landesvorsitzende der Bayerischen Realschuleltern.
Wir brauchen unsere differenzierten Bildungseinrichtungen, um jedem Kind in seinen Neigungen gerecht werden zu können. Eine inhaltliche Verbesserung im bestehenden System zur individuellen Förderung jedes Einzelnen ist gar keine Frage. Diese ist dringend notwendig. Denn wer aufgehört hat besser sein zu wollen, hat aufgehört, gut zu sein. Vor allem mehr Lehrkräfte in den Schulen würden schon den größten Teil der Verbesserung mit sich bringen. Aber nur eine Veränderung der äußeren Hülle löst keine Probleme, sie werden nur verschoben.“
Ingrid Ritt, Landesvorsitzende LEV-RS (Landeselternverband Bayerischer Realschulen e. V., 22.03.2007
-*-
SchulversagerEntrüstung ist wieder einmal groß: Deutschland geprüft wie eine Bananenrepublik? Entsetzlich! Und man beschäftigt sich auch in Expertenkreisen für Bildungspolitik jetzt lieber mit dem angeblichen Skandal, dass man sich die Kritik des UN-Menschenrechtsrates gefallen lassen muss wie irgendein x-beliebiger Staat der so genannten dritten Welt. Ein nicht geringer Teil dieser Experten vergisst dabei vor lauter eigenen oder Parteiinteressen beim Werfen der Nebelkerzen das eigentliche Thema: Es gibt Gründe, Korrekturen im deutschen Bildungssystem zu fordern, und das darf auch jemand sagen, der Vernor Muñoz heißt und sich um Menschenrechte kümmert.
Größer als die Entrüstung über den UN-Bericht sollte das Entsetzen über die simple Tatsache sein, dass die Formel „Chancengleichheit“ krachend, aber als leere Hülse auf dem Boden der Tatsachen gelandet ist: Es gibt sie nicht, die Bildungspolitik der vergangenen Jahrzehnte ist gescheitert. Alle wissen das längst, Pisa lässt grüßen. In Zeiten leerer Kassen ist es offenbar leichter, die Lautstärke zu erhöhen, wenn es in den Sonntagsreden um Investitionen in Bildung geht, als diese Investitionen tatsächlich zu tätigen.
Eine Schulbereisung beweist das schnell: Zu wenig Lehrerinnen und Lehrer, kaputte Klassenräume, weite Schulwege und nicht selten politisches Irrlichtern zwischen mehrgliedrigen oder integrierenden Strukturen. Leidtragende sind immer die Kinder, die dann alle Experten wieder gemeinsam als „wichtige Investition in die Zukunft“ und das „Kapital der Republik“ bezeichnen.
Jenseits dieser Bigotterie sind endlich überzeugende Taten angesagt. Warum kann man nicht über die Grenzen des Föderalismus konstruktiv sprechen, wenn man dessen Nachteile beim Thema Bildung klar benennen kann? Warum werden Lehrerinnen und Lehrer weiterhin so ausgebildet, dass ein zu großer Teil als pädagogische Laien und „Fachidioten“ versuchen, Schule zu machen? Und warum eiert die Politik immer noch vor allem ideologisch gesteuert zwischen Dreigliedrigkeit und Gesamtschul-Modellen hin und her?
Um nicht missverstanden zu werden: Staatsbildung will niemand, Gleichmacherei nicht – aber auch keine Symbolpolitik, die nur das Ziel kennt, den Sparkurs an falscher Stelle zu verkleistern. Die Formel für Erfolg ist schlicht: Heute in Schüler mehr investieren und morgen für Schulversager weniger ausgeben. Aber für die Umsetzung braucht es Weitsicht.“
Thomas Schunck, Schweriner Volkszeitung, 22.03-2007