Landespressekonferenz Stuttgart am 10.03.2009
Grüdnung des Aktionsbündnisses Gegliedertes Schulwesen
Beitrag von Bernd Saur / Philologenverband Baden-Württemberg

Einheitsschule: keiner gewinnt - alle verlieren!

Sehr geehrte Damen und Herren,

Der Philologenverband Baden-Württemberg wendet sich mit Nachdruck und unter Berufung auf verschiedenste wissenschaftliche Forschungsergebnisse gegen jedweden Versuch, die gegliederte Schulstruktur in Baden-Württemberg zugunsten einer Einheits- bzw. Gemeinschaftsschule - welcher Prägung auch immer - zu verändern. Dazu gibt es aus unserer Sicht keinerlei Veranlassung. Im Gegenteil!

Die Verlängerung der Grundschulzeit oder gar die Etablierung einer zehnjährigen Gemeinschaftsschule wäre für alle Landeskinder im Sinne einer Missachtung von Artikel 11 der Landesverfassung von Nachteil.

Bezeichnenderweise verweisen die Gegner unseres erfolgreichen gegliederten Schulwesens gebetsmühlenartig auf Finnland, lassen aber die PISA-E-Ergebnisse (innerdeutscher Vergleich) und die Ergebnisse für die deutschen Gesamtschulen außen vor. Während inzwischen jedermann klar geworden ist, dass ein Vergleich mit Finnland aufgrund völlig unterschiedlicher gesellschaftlicher Gegebenheiten ein "Äpfel-mit-Birnen-Vergleich" ist, kann beim innerdeutschen Vergleich bei allen bisherigen PISA-Ergebnissen stets eindeutig festgestellt werden, dass die Bundesländer mit gegliederter Schulstruktur klar besser abschneiden als diejenigen mit Gesamtschulsystemen. Dabei rangiert die Integrierte Gesamtschule trotz einer hinsichtlich Begabung und Herkunft vergleichbaren Schülerschaft und trotz erheblich besserer Personalausstattung um rund 50 PISA-Punkte hinter der Realschule. Das ist mehr als ein Schuljahr. Der Abstand zum Gymnasium beträgt bis zu 3 Schuljahre. Die Gesamtschule ist nicht in der Lage, die Potenziale ihrer Schülerschaft auszuschöpfen. Fakt ist, dass in Nordrhein-Westfalen die Durchfallerquote der Abiturienten an Gesamtschulen um 256 Prozent höher ist als die der Abiturienten an Gymnasien.

Dass die höher begabten Schülerinnen und Schüler, also diejenigen, die bei uns das Gymnasium besuchen, in einer integrierten Schulform weit weniger lernen als an einem grundständigen Gymnasium, kann in all denjenigen Ländern beobachtet werden, die mit ihrem Schulsystem in irgendeiner Form die falsche Vorstellung verwirklichen wollen, eine gemeinsame Beschulung in der Sekundarstufe 1 sei zum Nutzen aller. Aufgrund der jahrelangen Unterforderung der potentiellen Abiturienten steckt in deren Abitur häufig mitnichten das drin, was der Name verspricht. Das Abitur ist nicht mehr werthaltig. Lohnenswert ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf Frankreich, Großbritannien und Griechenland.

Die Verlängerung der Grundschulzeit und damit die Unterforderung der potentiellen Gymnasiasten hätte die Gründung von Privatschulen für die Söhne und Töchter derjenigen bildungsnahen Schichten zur Folge, die ein Schulgeld von monatlich mindestens EUR 800.- aufbringen könnten. Es wären genau die Kinder, die dann später die begehrteren Studienplätze bekämen, während die Kinder finanzschwacher Eltern, z.B. Kinder aus Migrantenfamilien unabhängig von ihrer Begabung und Lernmotivation die egalitäre Gemeinschaftsschule besuchen würden, in der ihr Potential nur unzulänglich entwickelt werden würde. Sie hätten nicht dieselben Entwicklungschancen wie in unserem jetzigen System.

Wir wenden uns daher gegen ein unsoziales Schulsystem, in dem der Schulerfolg vom Geldbeutel der Eltern abhängt. Wir wollen, dass alle Kinder mit der entsprechenden Begabung und Motivation ein kostenloses, hoch qualitatives Gymnasium besuchen können.

Es ist nicht zutreffend, dass ein längeres gemeinsames Lernen geeignet ist, soziale Disparitäten auszugleichen. Hierzu Prof. Fend wörtlich:

"Selten hat mich das Ergebnis meiner Forschungen so überrascht und enttäuscht wie diesmal. Die Gesamtschule schafft unterm Strich nicht mehr Bildungsgerechtigkeit als die Schulen des gegliederten Schulsystems - entgegen ihrem Anspruch und entgegen den Hoffnungen vieler Schulreformer." (DIE ZEIT)

Unsere Hauptschulen/Werkrealschulen sind deshalb so wichtig, weil sie diejenigen zu einem Schulabschluss führen, für die die Realschule eine Überforderung wäre. Ihr Hauptschulab- schluss eröffnet ihnen die Möglichkeit, eine Lehre zu absolvieren, d.h. einen Beruf zu erlernen oder aber vielfältige Möglichkeiten einer weiteren schulischen Qualifikation, denn in Baden-Württemberg gilt der Grundsatz "Kein Abschluss ohne Anschluss".

Während in unserem Bundesland nur 3,8 Prozent der Hauptschüler die Schule ohne Abschluss verlassen, liegt die bundesweite Zahl bei den Gesamtschülern doppelt so hoch. Und während im Südwesten 45 Prozent der Hauptschüler auf weiterführende Schulen gehen, sind es im Bundesschnitt nur 40 Prozent, bei den Gesamtschülern aber gerade mal 12 Prozent, die weiter lernen.

Individuelle begabungsgerechte Förderung kann am besten in einem gegliederten Schulsystem realisiert werden. Wir halten die proklamierte größtmögliche Heterogenität von Lerngruppen (alle in einem Klassenverbund für 10 Jahre!) für einen weltfremden Mythos und ein ideologisch motiviertes Wunschdenken, das sowohl konkreten Erfahrungen als auch wissenschaftlichen Untersuchungen diametral entgegensteht.

Bernd Saur
Philologenverband Baden-Württemberg (PhV BW)

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