Der Philologenverband Baden-Württemberg setzt sich gegen eine Abschaffung des Sitzenbleibens ein und fordert stattdessen mehr Geld für Fördermaßnahmen

Der Philologenverband Baden-Württemberg bezieht Stellung zur Sitzenbleiber-Debatte, die seit den 70er Jahren immer wieder als umstrittenes Thema den Weg auf den Tisch der Bildungspolitiker gefunden hat. Die PISA-Studien der vergangenen Jahre haben dazu beigetragen, die schulpolitische Debatte wieder anzuheizen.

Die Kritiker der „Ehrenrunde“ weisen auf die vermeintlich hohen Kosten, die scheinbar große Zahl der betroffenen Schüler und die zu erwartenden psychischen „Spätfolgen“ des zusätzlichen Schuljahrs hin. Die häufig propagierte Lösung ist eine Einheitsschule ohne „Ehrenrunden“.

Leider lässt sich das Problem mangelnder Leistungen in versetzungsrelevanten Fächern durch ideologische Schnellschüsse nicht lösen.
Differenziert werden muss vielmehr zwischen Sitzenbleibern, die aufgrund mangelnder Fähigkeiten die Erwartungen, die an sie gestellt werden, nicht erfüllen können und denen, die mangels Disziplin und Arbeitswillen unter ihren Leistungen bleiben.
Sitzenbleiber sind – statistisch gesehen – meist männlich und finden sich an der Realschule und am Gymnasium. Sie besuchen die Klassen 7–9 und durchlaufen gerade die Phase der Pubertät.

Bei einigen dieser Schüler könnte eine Versetzungsgefährdung durch zusätzliche Fördermaßnahmen, die kostenneutral allerdings nicht zu bekommen sind, abgewendet werden. Sie durchlaufen eine vorübergehende Schwäche, können aber, wenn die Lücken nicht zu groß und der nicht verstandene Stoff nicht zu anspruchsvoll ist, auch nach bisherigen Regelungen schon auf Probe versetzt werden und im folgenden Schuljahr durch eine Zusatzprüfung ihre Lernfortschritte nachweisen. Der Philologenverband Baden-Württemberg begrüßt diese Möglichkeit in begründeten Fällen, warnt aber vor einer inflationären Anwendung, weil dann das eigentliche Zeugnis und die Einschätzung der dafür ausgebildeten Lehrkräfte an Bedeutung verliert.

Einer anderen Gruppe Sitzenbleiber könnte durch Zusatzunterricht nicht geholfen werden, weil diese Schüler leistungsmäßig zwar die Kapazitäten hätten, aber in der gegenwärtigen Situation nicht bereit sind, diese zu zeigen. Verkürzt könnte man sagen, dass diese Sitzenbleiber könnten, wenn sie nur wollten. Sie wollen aber nicht.
Eine „Ehrenrunde“ kann möglicherweise durch Überzeugungsarbeit von Eltern und Schule vermieden werden, wird aber von diesen Schülern nicht als persönliches Versagen aufgefasst.

Sitzenbleiber, bei denen eine dauerhafte Überforderung vorliegt, die nicht durch intensiveres Lernen kompensiert werden kann, sollten eine ihren Leistungen entsprechende Schullaufbahn einschlagen und können - auf dem zweiten Bildungsweg zum Beispiel oder durch zusätzliche Lern- und Schuljahre - nach dem ersten Abschluss eine weitere Prüfung anstreben.

Sinnvoll wäre für alle Schüler, nicht nur für diejenigen, die vom Sitzenbleiben bedroht sind, die deutliche Senkung des Klassenteilers, binnendifferenzierte Angebote für heterogene Lerngruppen und ein freiwilliges Förderangebot. Der Philologenverband Baden-Württemberg fordert daher eine deutliche Anhebung der finanziellen Mittel im Bildungsbereich.