Positionen des Philologenverbandes
Baden-Württemberg zum
Erhalt der Hauptschule
in einem gegliederten Schulsystem
Der Philologenverband plädiert für den Erhalt der Hauptschule
in einem gegliederten Schulwesen, für ihren Ausbau zu einer echten „Berufsförderschule“ und
für den Erhalt des mittleren Bildungsabschlusses in seinem Profil. Der
Philologenverband schlägt einen Umbau der Hauptschule zu einer ‚Berufsförderschule’ mit
echtem Ganztagskonzept in enger Kooperation mit Handwerk und Industrie vor,
in der Jugendliche frühzeitig in Kontakt zur Berufswelt gebracht werden
und die Eingliederung der Heranwachsenden in das Berufsleben kontinuierlich
vorbereitet wird. Hier teilt der Philologenverband Baden-Württemberg
die Auffassung des BWHT (Baden-Württembergischer Handwerkstag): „Ganztagesschulangebote
sind ein wichtiger Schritt hin zu dem gemeinsamen Ziel, die Quote der nur
bedingt oder gar nicht ausbildungsreifen Jugendlichen an der Schwelle vom
Schul- zum Ausbildungssystem nachhaltig zu reduzieren.“ Eine „integrierte
Haupt- und Realschule“ wird vom Philologenverband kategorisch abgelehnt,
da sich eine solche Schulvariante negativ auf die Leistungsanforderungen
der Realschulen auswirken würde, den Schülerstrom auf die Gymnasien
verstärken und schließlich dadurch den Bildungsauftrag des Gymnasiums
nachhaltig gefährden würde.
Grundsätzliche Voraussetzungen für
den Erhalt der Hauptschulen
- Die Hauptschulen müssen personell, sächlich und baulich bestens
ausgestattet sein, damit sie ihre Aufgaben erfüllen können und
ihre Schüler den ständig sich wandelnden Anforderungen im späteren
Berufsleben gerecht werden.
- Die Ursachen für den Imageverlust und die für den Rückgang
der Schülerzahlen an den Hauptschulen verantwortlichen Faktoren sind
genau zu ermitteln und Konsequenzen aus den Ergebnissen zu ziehen. Sparaspekte
dürfen hierbei keine Rolle spielen.
- Das Zuweisungsverfahren zu den weiterführenden Schulen, das nach
Auffassung des Philologenverbandes mitverantwortlich für den Rückgang
der Schülerzahlen an den Hauptschulen ist, muss verbessert werden.
- Die richtige Empfehlung zur jeweiligen Schulart muss
durch moderne Testverfahren gestützt werden und begründbar sein. Durch zentrale Tests (Vergleichsarbeiten)
muss der Aussagewert der Grundschulempfehlung verbessert und deutlich erhöht
werden.
- Die Testergebnisse werden den Eltern bekannt gegeben
und individuelle, den Entwicklungsstand des Kindes berücksichtigende Fördermöglichkeiten
seitens der Schule angeboten, um den psychischen Druck von Elternseite
auf die betroffenen Kinder zu vermeiden. Gespräche und verbale Urteile
geben Eltern in regelmäßigen Abständen Rückmeldungen
auf den Leistungsstand und Hilfen für Verbesserungen und zusätzliche
Fördermöglichkeiten. Grundsätzlich plädiert der Philologenverband
für eine vierjährige Grundschulzeit und eine begabungsgerechte
Trennung nach der vierten Klasse. Denn: Eine spätere Trennung der
Schüler – erst nach der 6. Klasse – ignoriert die mit
der Pubertät verbundenen Probleme dieser Altersklasse. (Hinweis: In
Niedersachsen wurde aufgrund der gemachten negativen Erfahrungen die zweijährige
Orientierungsstufe nach der vierjährigen Grundschule wieder abgeschafft,
und Portugal gehört beispielsweise mit seiner neunjährigen Gesamtschulzeit
zu den Pisa-Schlusslichtern.)
- Um die Leistungsfähigkeit der Hauptschulen zu verbessern, ist der
Ausbau des Ganztagesbetriebs an allen Hauptschulen des Landes nachdrücklich
voranzutreiben.
Gründe für den Erhalt der Hauptschulen
- Der Philologenverband sieht in der Bildung eines Gemeinschaftsschulsystems
und in einer damit verbundenen Abschaffung des gegliederten Schulwesens
in Deutschland keinen Lösungsansatz zur Behebung des Problems „Hauptschule“.
- Eine längere gemeinsame Schulzeit in einer Gemeinschaftsschule bringt
nicht mehr individuelle Förderung, sondern in der Folge schlechter
ausgebildete Realschüler und Gymnasiasten.
- Es gibt keine einzige wissenschaftlich begründete Untersuchung,
die einen Nachweis dafür erbringt, dass heterogene Lerngruppen bessere
Schülerleistungen hervorbringen als homogene. Die Hamburger LAU-Studie
hat beispielsweise ergeben, dass Gesamtschüler hinter Gymnasiasten
leistungsmäßig um zwei Jahre und mehr zurückbleiben.
- Das gegliederte Schulwesen hat sich in Deutschland
bewährt und in
allen Vergleichsuntersuchungen besser abgeschnitten als die deutschen Gesamtschulen.
Die mehrfache Unterteilung bzw. Gliederung des Schulsystems in Schularten
mit unterschiedlicher Ziel- und Schwerpunktsetzung gewährleistet eine
breite Auffächerung einer an Begabung und Leistungsvermögen sich
ausrichtenden Differenzierung der Schülerinnen und Schüler.
- Die Hauptschule wird gebraucht, um lernschwächere Schüler mit
Defiziten im kognitiven Bereich und Stärken im praktisch-manuellen
Bereich zu fördern. Der qualifizierte Hauptschulabschluss garantiert
und sichert die Ausbildungsfähigkeit und gewährleistet nach dem
Abschluss der beruflichen Lehre auch die Vermittlung auf dem Arbeitsmarkt.
- Die Hauptschule kann bei guter personeller, räumlicher und sächlicher
Ausstattung ihre Bildungsziele schwerpunktmäßig auf manuell-handwerkliche
Bereiche konzentrieren und hierfür auch die erforderlichen theoretischen
Grundlagen für darauf aufbauende spätere Weiterbildungsmaßnahmen
schaffen.
Der Philologenverband Baden-Württemberg schlägt Maßnahmen zum
Erhalt der Hauptschulen vor
(Hinweis: Voraussetzung
ist zunächst,
dass die in bildungspolitischer Verantwortung stehenden Experten guten
Willens sind, am Erhalt der Hauptschule mitzuwirken und durch Information
und Aufklärung die Bedeutung und den Wert der Hauptschule im gegliederten
Schulsystem einer an Bildung interessierten Öffentlichkeit zu vermitteln,
um das Image dieser Schulart zu verbessern. Ziel muss es sein, vom „Ruf
der Restschule“ wegzukommen.)
- Für eine Verbesserung der Mitarbeit bei Eltern und Schülern
muss professionell und flächendeckend seitens der Hauptschulen und
mit Unterstützung der Eltern, der Politik und der Medien dafür
geworben werden, das Leistungs- und Sozialverhalten der Hauptschüler
nachhaltig zu verbessern und zu erhalten.
- Die Hauptschule muss den fortschreitenden gesellschaftlichen
und technischen Wandel in ihrem Bildungs- und Erziehungskonzept berücksichtigen und
garantieren: außer soliden Deutsch-, Mathematik-, Computer- und Englischkenntnissen
sind auch vernetztes und vorausschauendes Denken zu vermitteln. Ein solches
Konzept kann gerade bei rückläufigen Schülerzahlen unter
Beibehaltung der Lehrerstellen effizient genutzt werden.
- Die Arbeit der Lehrkräfte muss anerkannt und durch leistungsbezogene
zusätzliche Besoldungselemente unterstützt werden.
- Kinder aus bildungsfernen Schichten brauchen eine
individuell abgestimmte Förderung durch speziell hierfür geschulte professionelle Lehrkräfte.
Für diese Kinder ist die frühe Förderung in einer homogenen
Gruppe zusammen mit einem Ganztagsangebot zielführender als eine verlängerte
Grundschulzeit oder die Einrichtung von Gemeinschaftsschulen, in der Frustrationserlebnisse
und Demotivation bei Schülern durch den Unterricht in inhomogenen
Gruppen verstärkt werden.
- Um eine Fehlleitung von Schülern nach der 4. Grundschulklasse zu
verhindern, müssen bei der fachlichen Beurteilung auch die weiterführenden
Schulen stärker berücksichtigt werden. Dabei ist die Beachtung
des Eignungsgrundsatzes von entscheidender Bedeutung. Für überforderte
Schüler muss der Wechsel auf eine andere Schulart noch während
der fünften Klasse gewährleistet sein.
- Die personelle Ausstattung der Hauptschulen mit Sozialpädagogen
und Beratungslehrern muss sich an diesbezüglichen Forderungen von
Experten orientieren und von der Politik umgesetzt werden. Hierfür
sind Stellen neu zu schaffen. Eine Umwidmung von Stellen aus finanzpolitischen
Spargründen ist zu vermeiden.
- Durch zusätzliche Betreuungskräfte und Lehrerstunden ist die überwiegend
auf einen Ganztagsbereich ausgerichtete Hauptschule zu stärken.
- Durch qualifizierte zusätzliche Förderangebote – auch
durch einen gezielten freiwilligen Einsatz von Lehrkräften anderer
Schularten mit pädagogischer Zusatzqualifikation – muss garantiert
werden, dass der Besuch dieser Schulart keine schulische Einbahnstraße
wird und der Wechsel auf andere Schularten möglich ist. Es muss gewährleistet
sein, dass Schülern dieser Schulart bei entsprechender Schüler-Anstrengung
und nachgewiesener Qualifikation Möglichkeiten angeboten werden, auf
andere Schularten mit höheren kognitiven Leistungsanforderungen zu
wechseln. Damit wird auch sog. Spätentwicklern und leistungswilligen
Schülern aus bildungsfernen Schichten eine entwicklungs- und begabungsgerechte
Chance der Weiterqualifizierung geboten.
- Der Rückgang der Schülerzahlen an den Hauptschulen, der auch
für die weiterführenden Schulen in den nächsten Jahren prognostiziert
wird, muss für qualifizierte Fort- bzw. Weiterbildungsmaßnahmen
der Lehrkräfte in allen Schularten genutzt werden, um die im Verlauf
einer Schülerbiografie erst später sich herauskristallisierenden
Begabungen zu erkennen und gezielt zu fördern. Das gilt ganz besonders
auch für den Hauptschulbereich. (Anmerkung: Die Hamburger
LAU-Studie hat beispielsweise ergeben, dass Gesamtschüler hinter Gymnasiasten
leistungsmäßig um zwei Jahre und mehr zurückbleiben. Die
PISA-begleitende COACTIV-Studie der Max-Planck-Gesellschaft hat im Übrigen
offenbart, dass gerade das Fachwissen der Lehrer im Vermittlungsprozess
eine zentrale Rolle spielt).
- Um Schülern größere Chancen auf dem Lehrstellenmarkt
zu eröffnen und dem Mangel an Bewerbern auf dem Sektor des Handwerks
zu begegnen, fordert der Philologenverband mehr noch als bisher für
Hauptschüler den Unterricht begleitende Kooperationen und eine frühzeitige
Kontaktaufnahme mit der realen Berufswelt in geeigneten Betrieben; für ältere
Schüler sollten hierfür auch Ferienzeiten kein Tabu sein. Eine
frühe Kontaktaufnahme mit Betrieben (z.B. Praktika, Gründungen
von Schülerfirmen) ist anzustreben, damit die Schüler sehen,
welche Anforderungen die Berufswelt nach dem Hauptschulabschluss an junge
Menschen heute stellt.
- In der Ausrichtung von Hauptschulen in mehrere Profilbereiche,
wie sie der Freistaat Bayern beispielsweise anstrebt (z.B. Technik und
Handwerk, Handel und Dienstleistungen, Gesundheit, Soziales und Hauswirtschaft),
sieht der Philologenverband gute Ansätze zur Imageverbesserung der
Hauptschule.
- Wenn Schließungen von Hauptschulen aufgrund der demographischen
Entwicklung und den damit verbundenen Rückgang der Schülerzahlen
trotz intensiven Bemühens und unter Ausschöpfung aller Möglichkeiten
unvermeidbar sind – das kann besonders bei Tendenzen hin zu einzügigen
Hauptschulen der Fall sein –, dann sind Kooperationsmodelle von Hauptschulen
untereinander innerhalb einer Region notwendig; hier ist der Schulträger
gefordert, eventuell entstehende Probleme bei der Schülerbeförderung
mit den Verkehrsbetrieben zu lösen und für mögliche Kooperationen – auch über
die Kreisgrenzen/Regionen hinaus – offen zu sein. Das gilt auch für
Profilbildungen der Hauptschulen.
Hans-Eckhard Giebel
20. Januar 2007