Vorläufige Ergebnisse der Lehrer-PITA-Studie ergaben: |
Diskussion über nationales Bildungssystem wird in Deutschland zu negativ geführt |
Im Anschluss an PISA (Programme for International Student Assessment) für Schüler folgt im Auftrag der OECD PITA (T für teacher!) – eine Studie, die hauptsächlich die Bedingungen des Lehrerberufs - vergleichend über 10 Länder - untersucht. Deutschland ist dabei. Dieses OECD-Projekt „Attracting, Developing and Retaining Effective Teachers“ befindet sich zurzeit in seiner dritten Phase und hat bisher interessante, teils gute, teils kritische vorläufige Ergebnisse für Deutschland erbracht. So wird z.B. der Vorbereitungsdienst (zweite Phase) durch seine Verbindung von Schulpraxis und -theorie positiv beurteilt. Kritisch wird betrachtet, dass offenbar für das gesamte System von Bildung und Schule eine fehlende Rechenschaftslegung der beteiligten Ebenen und Institutionen zu verzeichnen ist; ebenso fehlt Klarheit über Weg und Ziel notwendiger Reformen.
Vier Durchführungsphasen Die Studie durchläuft vier Phasen: In der ersten Phase wurde in jedem der beteiligten Länder ein „nationaler Hintergrundbericht“ (CBR: Country Background Report) erstellt, der Daten und Fakten zum Bildungssystem und zu den damit verzahnten berufspolitischen Gegebenheiten enthält. In einer zweiten Phase wurden in Deutschland vier von der KMK ausgewählte Bundesländer (Baden-Württemberg, Brandenburg, Hamburg, Nordrhein-Westfalen) von einem international besetzten OECD-Expertenteam besucht, zu denen der Leiter, Dr. Paulo Santiago aus der Bildungsabteilung der OECD (Paris) gehört, sowie Dr. Philipp McKenzie, Bildungsabteilung der OECD (Paris), der Berichterstatter, Dr. Gabor Halasz, Generaldirektor des Nationalen Instituts für öffentliche Bildung OKI (Budapest), Prof. Mats Ekholm, Generaldirektor der Nationalen Bildungsagentur Schwedens SKOLVERKET (Stockholm) und Dr. Peter Mathews, Leiter der Abteilung Qualitätsprüfung in der Agentur für Bildungsstandards OFSTED (London). In einer dritten Phase wird ein Bericht des Expertenteams unter Mitwirkung des Ziellandes (Country Note) und in der vierten Phase eine synoptische Zusammenfassung der Daten aller teilnehmenden Länder mit Vorschlägen für Folgemaßnahmen erstellt. Das Expertenteam arbeitete bei seinen Besuchen auf der Basis des nationalen Hintergrundberichtes, des dazu erstellten Ergänzungstextes, der Hintergrundberichte der vier Besuchsländer sowie der Stellungnahmen von Lehrerorganisationen, Elternverbänden und Arbeitgeberorganisation. Auf nationaler Ebene wurde der Deutsche Philologenverband beteiligt, auf Bundeslandebene der baden-württembergische Philologenverband.
Zu negativer Blick auf das eigene System Für die Kommission war auffallend, dass die Diskussion über das nationale Bildungssystem vorwiegend negativ geführt wird, obwohl – von außen betrachtet – Stärken zu sehen sind, die z.B. mit der zweiten Phase der Lehrerbildung und dem beruflichen Schulwesen benannt wurden. Gleichwohl wurde bemängelt, dass im deutschen Bildungssystem offenbar keine Rechenschaftslegung (accountibility) für Arbeitsprozesse und Arbeitsergebnisse vorgesehen sei, die bestehende Probleme vom schlechten Lehrerimage bis hin zur Qualitätsverbesserung grundlegend zu bewältigen helfe. Problematische Arbeitsbedingungen Hier wird positiv beschrieben, dass die Arbeitszeit geregelt sei, es abwechslungsreiche Arbeitsplatzgestaltungen gäbe und an einigen Schulen/Schulformen gute Kooperationen. Kritisch vermerkt wird u.a., dass außerunterrichtliche Aufgaben aufgrund der Arbeitsbelastung der Lehrkräfte nur eingeschränkt und die Bewältigung besonderer Anforderungen (verhaltensauffällige Schüler/innen etc.) nur durch hohes Engagement einzelner Kollegien, nicht aber durch das System an sich möglich seien. Mithilfe der Beschreibung einer typischen Arbeitsplatzsituation (1200 Schüler/innen, 85 Lehrkräfte, zwei Halbtagssekretärinnen, 1 Hausmeister) werden fehlende Assistenzkräfte kritisch wahrgenommen, ebenso wie das seltene Vorhandensein von Arbeitsplätzen für Lehrkräfte an den Schulen. Das in der Öffentlichkeit vorherrschende Image über Lehrkräfte entspräche weder ihrer tatsächlich starken Arbeitsbelastung noch den hohen Anforderungen, die an den Lehrerberuf gestellt werden.
Zu wenig Evaluation Hier wird nichts Positives vermerkt, sondern realistisch dargestellt, dass die Lehrkräfte im existierenden System nicht evaluiert und beraten, sondern lediglich überprüft würden, die Unterrichtsprozesse keiner Evaluation unterlägen, die Schulaufsicht für Evaluationsmaßnahmen weder qualifiziert noch bisher dafür funktionell vorgesehen war und ohne eine solche Evaluation die Professionalität von Lehrkräften nur schwer nachweisbar und nach außen darstellbar sei.
Grundlegende Empfehlungen Nach dem – diesem Artikel zugrunde liegenden – vorläufigen Bericht von Michael Krüger, dem nationalen Koordinator der OECD-Lehrerstudie, wird es vermutlich zwei grundlegende Empfehlungen geben, nämlich zum einen, das Lehrerbildungssystem und das Schulsystem über den Weg innerer und äußerer Evaluation für seine Arbeitsprozesse und Arbeitsergebnisse genuin zuständig, verantwortlich und überprüfbar zu machen, sowie zum anderen, zügig zentrale, systematisch koordinierte Reformmaßnahmen anstelle vieler Einzelmaßnahmen einzuleiten. Der Abschlussbericht wird nicht vor Oktober 2004 erwartet.
Susanne Lin-Klitzing