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Kommentar mit Fragen zur geplanten Einführung von "Evaluation" an den Schulen |
Orientierung und Hilfestellung für die Schulen oder lediglich neue Form von Schulaufsicht ? – Das ist die Frage, zu der es übrigens auch im Kultusministerium unterschiedliche Antworten gibt!
- Was soll evaluiert werden?
- Was für Ziele stecken
dahinter?
- Handelt es sich um eine neue Form der Schulaufsicht?
Das Grundmissverständnis - ein Dauerproblem
Der Hauptpersonalrat (HPR) sagt "ja" zu allem – dann ist er "vernünftig". Kritisch-Konstruktives ist jedoch unerwünscht. Will das Kultusministerium eine solche Form von Personalratsarbeit? Im HPR wird da eine andere Auffassung vertreten. Denn: Zu allen Themen hat der HPR eigene kluge Gedanken und macht konstruktive Vorschläge. Leider sind diese oft nicht willkommen und werden als unbotmäßige und und zeitaufwändige Einmischung empfunden, die die von der Kultusministerin gewünschten Entwicklungen, Projekte, Reformen und Innovationen nur blockieren. Statt vor der Umsetzung von Reformprozessen auf intensive Kommunikation mit Betroffenen und Einbeziehung der Beteiligten zu setzen sowie ausreichend Zeit für die Veränderungen vorzusehen, wird der Personalvertretung wegen solcher Forderungen nur Blockadepolitik unterstellt.
Noch offene Fragen zur Selbst- und Fremdevaluation
Der HPR versteht Selbstevaluation als Möglichkeit zur Standortbestimmung an der Schule: Kolleginnen und Kollegen müssen Zeit haben, sich in Bezug auf das, was sie an den Schulen tun, auszutauschen: 1. "Tun wir das Richtige?" 2. "Tun wir, was wir tun, richtig?" Eine kritische Auseinandersetzung mit und Bewertung der pädagogischen Arbeit ist sinnvoll und wünschenswert. Die Mitglieder des HPR unterstützen nachdrücklich jedes Bemühen um Verbesserung der Qualität schulischer Arbeit. Evaluation kann dabei eine Hilfe sein; sie verlangt jedoch von allen Beteiligten eine Veränderung von Einstellungen, Arbeitsmethoden und Verhaltensweisen. Diese Veränderung muss auf allen Ebenen stattfinden: von "ganz oben" bis "unten" an den Schulen.
Das häufig vorgebrachte Argument, Evaluation sei der "Preis", der für die Erweiterung von Gestaltungsspielräumen und damit erweiterte Selbstständigkeit von Schulen zu zahlen ist, überzeugt nur dann, wenn die Eigenständigkeit von Schulen nicht von lauter Sachzwängen erwürgt wird. Viele Fachschaften haben zum Beispiel ernüchtert feststellen müssen, dass das Kerncurriculum das Schulcurriculum "frisst". Hier sind nur einige von den vielen Fragen, die noch offen sind: §Worauf bezieht sich Evaluation? Auf die Qualität der Arbeit einer ganzen Schule oder die ihrer Teilsysteme oder einzelner Lehrkräfte?
-Wie wird gewährleistet, dass bei der Evaluation die Zuständigkeiten richtig gewichtet werden?
-Wo liegt der Schwerpunkt bei einer Verknüpfung von Selbst- und Fremdevaluation: auf der internen Evaluation von Schule? Bezieht sich die Fremdevaluation auf die Ergebnisse der Selbstevaluation?
-Wann setzt die Fremdevaluation ein? (Zum Beispiel "verordnete" Fremdevaluation nur subsidiär dann, wenn Schulen offenkundige Probleme nicht allein lösen können und eine Krisenintervention von außen angezeigt ist, oder werden alle Schulen zur Fremdevaluation verpflichtet?)
-Sowohl an der Selbst- als auch an der Fremdevaluation können Eltern und Schüler beteiligt werden. In welcher Form soll dies geschehen?
-Schulen und ihre Lehrerinnen und Lehrer wollen gut sein, dazu bedarf es neben günstigen Rahmenbedingungen auch einer intensiven Informations-, Kommunikations- und Kooperationsarbeit. WANN sollen sie das alles tun?
-Im Bereich der Selbstevaluation ist der Bedarf an Unterstützung besonders groß – Welche Unterstützungsangebote soll es geben, und sind sie ausreichend?
-UND: Wann erfahren wir, wo die Schulen mit Hilfe der Evaluation eigentlich ankommen sollen?
Denn:"Wer nicht weiß, wohin er segeln will, für den ist kein Wind der Richtige" (Seneca)
Der HPR überprüft die Vorschläge, die vom Kultusministerium kommen, natürlich auch auf ihre Umsetzbarkeit und Realitätsnähe. Von einer Zielüberfrachtung und zu hoch gesteckten Erwartungen haben die Schulen nämlich gar nichts. Neben dem Qualitätsbereich I ("Unterrichtsergebnisse und Unterrichtsprozesse"), der für alle Schulen verpflichtend sein soll, ist zum Beispiel im Qualitätsbereich II ("Professionalität der Lehrkräfte") vorgesehen, auch das Thema "Arbeitsschutz" aufzugreifen: "Die Schule achtet auf die Einhaltung von Arbeitsschutzbestimmungen, Sicherheitsbestimmungen, Gefahrenschutzverordnung etc. um physische gesundheitliche Belastungen zu reduzieren."
Da gibt es durchaus erfreuliche Ansätze – sie sind aber weit weg von der Realität. Und das ist, was die Lehrerinnen und Lehrer allmählich am meisten nervt: was alles gehen soll trotz der Gegebenheiten. Die Schulen jedenfalls tragen nicht die Verantwortung dafür, dass es mit dem Arbeitsschutz nicht vorwärts geht. Im Augenblick stellen wir eine Verschleppungstaktik fest.
Viele Kolleginnen und Kollegen würden sich übrigens auch mal eine Evaluation von Kultusministerinnen und Kultusministern und deren Arbeit wünschen. Es herrscht der Eindruck vor, dass sie sich bundesweit in einem Innovationswettlauf um die Krone als Reformkönigin/-könig befinden und es ihnen nur darauf ankommt, möglichst viele und möglichst oft neue Dinge anzustoßen. Den Schulen wird keine Verschnaufpause zwischen Reform Nr. 135 und Nr. 136 gegönnt. Sie sollten auch mal Antworten geben müssen über den Erfolg und die Nachhaltigkeit ihrer "Anstöße" und ihren Anteil an Unterstützung der Schulen durch die Schaffung von günstigen Rahmenbedingungen: Unterrichtsversorgung durch stetige Lehrereinstellung, Arbeitszeitregelung, räumliche und sächliche Bedingungen.
Landtagswahlen stellen übrigens keine Evaluation von Kultusministern dar: Bildungspolitische Fragestellungen spielen bei Wahlen leider nur eine untergeordnete Rolle. Und was die Akzeptanz von dieser und jener Innovation angeht, so gilt:"Wer andere zur Schnecke macht, braucht sich nicht zu wundern, wenn es nur langsam weitergeht." (T. Romanus)
Renate Renner