Bildung geht a l l e etwas an |
Editorial |
Eine große Mehrheit der deutschen Bevölkerung sieht auf dem Gebiet frühkindlicher Bildung erheblichen politischen Handlungsbedarf: 84 Prozent der Bundesbürger vertreten die Auffassung, Kinder hätten schon vor der Einschulung ein Recht auf Bildung. Für ein Drittel der Befragten gilt dieser Anspruch bereits mit der Geburt; für weitere 51 Prozent mit dem Eintritt in den Kindergarten, also im Alter von drei Jahren. Dies ist das Ergebnis einer aktuellen infas-Umfrage im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Das Meinungsforschungsinstitut befragte im Juni 2.500 Bundesbürger ab 14 Jahren nach ihrer Einstellung zu den Bedingungen frühkindlicher Förderung.
Obwohl die Erkenntnis, dass Bildungsprozesse schon in den ersten Lebensjahren eines Kindes begabungsgerecht zu fördern sind, eigentlich die Zielrichtung vorgibt, kann man über den in diesen Tagen und Wochen mit multimedialer Unterstützung gekochten bildungspolitischen Eintopf eigentlich nur noch den Kopf schütteln. Kaum waren die OECD-Ergebnisse bekannt, da schlugen sich Kritiker und Befürworter unterschiedlicher Bildungssysteme wieder mit längst verstaubten Begriffen wie "Einheitsschule" und "integriertem Schulsystem" herum. In die Debatte gebracht wurde die "sechsjährige Grundschule" ebenso wie der Beamtenstatus, an dem wieder einmal gerüttelt wurde, obwohl Experten wiederholt auf die nicht nur finanziell sich ergebende Problematik hingewiesen haben, wenn Lehrer keine Beamte mehr sind.
In dem jüngsten OECD-Bildungsbericht "Bildung auf einen Blick", in dem mit einer Vielzahl von Indikatoren die Bildungssysteme der OECD-Staaten und weiterer Staaten dargestellt sind, wurden die internationalen Entwicklungen in den Bereichen Bildungsbeteiligung, Bildungsabschlüsse und Bildungsinvestitionen sowie Erwerbstätigkeit und Erwerbseinkommen in Relation zur Bildungsqualifikation verglichen. Doch blieb letztlich vieles noch unbeantwortet. Fest steht: Kein Bildungssystem der OECD-Länder ist auf Deutschland übertragbar, allenfalls sind punktuell Anpassungen möglich. Grund: Die räumlichen und personellen Rahmenvoraussetzungen, aber auch die Einstellungen zur Bildung und zum Bildungserfolg der Gesellschaft, der Wille zu konstruktivem Miteinander um der Sache willen, unterscheiden sich erheblich. In Deutschland stimmt da manches nicht, passt nicht zusammen. Man denke an große Klassen und die Vielfalt außerunterrichtlicher schulischer Aufgaben, die aber auch wirklich gar nichts mit der Kernaufgabe, dem Unterricht, zu tun haben. In anderen Ländern unterstützen Schulassistenten, Psychologen und weitere Personen den Schulbetrieb und entlasten dadurch die Lehrer.
"Schulen müssen sich bei der Ausstattung an Industriemaßstäben orientieren", fordert der Philologenverband und weist auch auf demotivierend wirkende Pläne hin, weitere Besoldungseinschnitte - insbesondere beim Lehrernachwuchs - vorzunehmen. Es sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass die tatsächliche Arbeitszeit deutscher Lehrer, die über die reine Unterrichtszeit hinausgeht, in der Studie nicht erfasst wurde. Letztlich können relevante Aussagen über Erfolge oder Misserfolge gerade erst angelaufener Reformen noch nicht in heutigen bzw. eher "gestrigen" Studien zum Ausdruck kommen. In zehn Jahren lässt sich vielleicht mehr darüber sagen, dann nämlich, wenn die heutige Schülergeneration sich im Studium oder Beruf zu bewähren hat. Skepsis ist an der Aussagekraft der OECD-Studie auch im Blick auf ihre statistische Relevanz angebracht. Nur wenige Schulen in den Bundesländern sind untersucht worden; außerdem sind die gerade erst angelaufenen Reformen in den Studien noch nicht berücksichtigt.
Um alle politischen und gesellschaftlichen Kräfte, Wirtschaft und Industrie von der Notwendigkeit zu überzeugen, dass sich in Deutschland der Bildungs-"Ruck" weder kosten- noch ressourcenneutral realisieren lässt, kam aus dem Verband die Idee einer den Schulen direkt zufließenden und sozial abgefederten "Steuer für Bildung", sozusagen als "Solidarbeitrag für Bildung". Dahinter steckt der Gedanke, die Öffentlichkeit für mehr "Investition in Bildung als beste Zukunftsinvestition" zu sensibilisieren. Es war selbstverständlich klar, dass sich mit dem Begriff "Steuer" eine Zweckbindung "für Bildung" nicht erreichen lässt, dennoch geht Bildung a l l e etwas an, und wenn sie gut läuft, dann profitieren auch a l l e davon. Darüber darf weiter gründlich nachgedacht und debattiert werden – und hoffentlich mit Erfolgsaussicht!
Mit freundlichen und kollegialen Grüßen
Ihr Hans-Eckhard Giebel
Redaktion "Gymnasium Baden-Württemberg"
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