Neue gymnasiale Oberstufe: Praxistest bestanden?

In der Pressemitteilung des Kultusministeriums vom 16. August 2004 stellte Ministerin Dr. Annette Schavan fest: "Die neue gymnasiale Oberstufe hat den Praxistest bestanden." Als Begründung wird unter anderem angeführt:

-ein noch etwas besserer Notendurchschnitt der Abiturzeugnisse 2004 (2,32) als im Vorjahr (2,35),

-trotz höherer Zulassungsquote (99,3 Prozent gegenüber 98,36 Prozent im Vorjahr) fielen 2004 weniger Prüflinge durch das Abitur (1,45 Prozent gegenüber 2,14 Prozent im Vorjahr),

-prozentual mehr Einser-Abiturienten (2,1 Prozent) als Durchgefallene im Abitur 2004, stabile Punktedurchschnitte in den Kernfächern (Deutsch, Mathematik, Fremdsprache) über die vier Schulhalbjahre hinweg.

Immerhin können Schüler und Eltern sowie auch das Ministerium mit diesen Ergebnisse einigermaßen beruhigt sein. Von einer Verschlechterung der Studienplatzchancen durch die Reform kann wirklich keine Rede sein. Allerdings war manche Tendenz, wie sie sich in den vom Ministerium veröffentlichten Zahlen widerspiegelt, schon angesichts der veränderten Rahmenbedingungen in der neuen gymnasialen Oberstufe vorhersehbar.

Während Schülerinnen und Schüler ihre Leistungsfächer bisher zu Beginn der Kursstufe wählten, müssen sie in der neuen Oberstufe die beiden doppelt gewichteten Fächer erst am Ende des dritten Kurshalbjahres festlegen. Das kann durchaus auch Auswirkungen auf den Notendurchschnitt der Abiturzeugnisse haben.

Während bisher im Abiturprüfungsblock höchstens zwei der vier Prüfungsfächer mit mangelhaften Leistungen abgeschlossen werden durften, ist dies im neuen Abitur bei drei der fünf Prüfungsfächer zulässig. Dass diese Regelung Einfluss auf Zulassungs- und Durchfallquote haben könnte, war eigentlich schon vorher zu vermuten.

Die von der Ministerin für den Herbst angekündigte sorgfältige Analyse des ersten Abiturdurchganges sollte daher auch Folgendes untersuchen:

-Vergleich der bisher im Leistungskursblock durchschnittlich erreichten Punktzahlen mit denen der jetzt im Block der doppelt gewerteten Kurse,

-einen entsprechenden Vergleich auch für den Block der einfach gewerteten Kurse und den Abiturprüfungsblock,

-die Anzahl der Zulassungen und auch der dann bestandenen Abiturprüfungen selbst bei mangelhaften Leistungen in drei der fünf Prüfungsfächer in der neuen Oberstufe.

Die eigentliche Zielsetzung der Reform war nach Aussage der Kultusministerin, "die Qualität der schulischen Ausbildung in der gymnasialen Oberstufe dauerhaft und in der Breite zu verbessern". Ob man diesem Ziel mit einer so erweiterten Prüfung nun auch etwas näher gekommen ist, bleibt abzuwarten und kann wohl kaum durch die vorgelegten Zahlen bestätigt werden.

Andreas Horn

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