»Stiefkind« gymnasiale Lehrerbildung |
Baden-Württembergs Schülerinnen und Schüler haben im nationalen PISA-Länder-Vergleich beste Ergebnisse erzielt. PISA 2003 bestätigt, dass der Anstieg der Leistungen auf die Ebene des internationalen Durchschnitts mit der gestiegenen Leistung der Gymnasiasten zusammenhängt. Das wird wohl auch mit der Leistung der Gymnasiallehrerinnen und -lehrer zusammenhängen, die sie unterrichtet haben. Was folgt in unserem Bundesland darauf? Eine Verkürzung der Lehrerausbildungszeit, eine Anhebung der Deputate und nun auch noch eine stärkere Belastung der Ausbilder an den Seminaren.
Mehrbelastung der Schulen und Schwächung der zweiten Phase 2001 – also nach der ersten PISA- Untersuchung – wurde beschlossen, das Gymnasialreferendariat um ein halbes Jahr zu verkürzen, also ausschließlich das Referendariat der Lehrerinnen und Lehrer im höheren Dienst. Nach außen hin wurde dies als eine Steigerung des pädagogisch-praktischen, erziehungswissenschaftlichen, fachdidaktischen und ethisch-philosophischen Anteils der Lehrerbildung in der ersten Phase verkauft, die dies mitnichten leistet. Gymnasiallehrerinnen und -lehrer an den Schulen betreuen zusätzlich Praktikanten, ebenso wie die mehrheitlich an die Seminare abgeordneten Lehrer die Studenten zusätzlich pädagogisch und fachdidaktisch (auch an den Universitäten) betreuen. Die zweite Phase wurde gekürzt, die in ihr Tätigen arbeiten dafür mit den Praktikanten des Praxissemesters, die sich in der ersten Ausbildungsphase befinden. Das trägt zwar zur Aufwertung der Lehrerbildung in der ersten Phase bei, sorgt hingegen für eine Schwächung der zweiten Phase.
Euphemismus: Ausbau zu "Didaktischen Zentren" Dies wurde euphemistisch umhüllt mit der Bezeichnung, dass die Seminare zu "Didaktischen Zentren" weiterentwickelt werden sollten, was de facto dazu führte, dass der Kreis der fest am Seminar bediensteten Lehrkräfte reduziert wurde. Nun soll für die Ausbilderinnen und Ausbilder der jungen Lehrerinnen und Lehrer eine neue Arbeitszeitverordnung in Kraft treten, die im Durchschnitt eine Anhebung der Arbeitsleistung und -belastung von ca. 20-30 Prozent für die Seminarbediensteten bedeutet. Damit weiterhin an den Seminaren gespart werden kann, erfahren u.a. die Ausbilder in den von ihnen nicht zu verantwortenden "kleinen" Fächern wie Chemie, Informatik, Latein, Griechisch, Spanisch, Italienisch und Russisch eine ca. 50 Prozent geringere Deputatsanrechnung pro Referendar als Fachleiter/innen, die beispielsweise große Seminarkurse in Englisch oder Deutsch betreuen.
Neue Arbeitszeitverordnung: Deputatsanrechnung geringer als an den GHRS-Seminaren Eine Steigerung dieser unangemessenen Beurteilung der Arbeit an Seminaren zeigt sich nun auch noch darin, dass im Gegensatz zu den Pädagogikfachleitern in den GHRS-Seminaren die gymnasialen Pädagogiklehrbeauftragten und -fachleiter eine geringere Deputatsanrechnung pro zu betreuendem Referendar bekommen. Entwicklung an Seminaren wird gedrosselt und kann mit den schulpolitischen Entscheidungs- und Entwicklungsprozessen nicht Schritt halten Es wäre schön, wenn die für Schule und Lehrerbildung propagierten Neuerungen in den dafür zuständigen Ausbildungsorganen solide vorbereitet werden könnten. Und dass dies der Wunsch der Seminare ist, ist seit langem – u.a. in ihren Bemühungen um eine bilinguale Ausbildung der Referendare - offensichtlich. In der neuen Arbeitszeitverordnung gibt es jedoch weder für Naturwissenschaft und Technik noch für GWG oder den bilingualen Unterricht gesonderte Anrechnungen, die dem bestehenden Bemühen, den schulpolitischen Anforderungen nachzukommen, Rechnung tragen würden. Last but not least gibt es immer noch genügend motivierte Lehramtsstudierende, die sich darauf freuen, in das Referendariat zu gehen, die nur leider kurz vor dem Examen und der beginnenden Aufteilung auf die Seminare immer noch keine Kenntnis davon haben, welche Seminare denn nun endgültig nur noch das zwei- oder das für sie relevante eineinhalbjährige Referendariat anbieten werden. Deren Zutrauen in eine verantwortungsbewusste Planung ihrer zukünftigen Berufsausbildung seitens des Kultusministeriums ist jetzt schon erschüttert.
Bei denjenigen, die sich im Laufe ihres Lehrerlebens an einem Seminar weiterentwickeln und ihre Erfahrung und Innovationsfreude an die zukünftigen Lehrer weitergeben wollten, geschah das etwas später. Sie erkennen insbesondere seit den "gymnasialen Neuerungen", also seit 2001: Es gibt ein Stiefkind der Kultusministerin – und das ist die gymnasiale Lehrerbildung.
Susanne Lin-Klitzing