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Eine Schule für alle – Gymnasium für alle? |
Auf Antrag meiner Fraktion haben die Grünen in Baden-Württemberg im Oktober 2004 den Beschluss zur Überwindung des gegliederten Schulsystems zugunsten einer gemeinsamen 9-jährigen Basisschule gefasst. Als Reaktion darauf hat der Philologenverband vor der Zerschlagung des Gymnasiums in Baden-Württemberg gewarnt. Das Gymnasium müsse auch deshalb erhalten bleiben, weil die Leistungen der Schülerinnen und Schüler in den deutschen Gesamtschulen weit unter denen der Gymnasien, aber auch der Realschulen blieben. Auch wir Grünen sehen in der deutschen Gesamtschule keine erstrebenswerte Alternative zum gegliederten Schulsystem. Es ist mir deshalb ein wichtiges Anliegen, aufzuzeigen, dass wir uns nicht an diesem Schulmodell, sondern an den skandinavischen Vorbildern orientieren. Wir wollen keine Gesamtschule, die als fünftes Rad am Wagen eines gegliederten Schulsystems vor allem Schülerinnen und Schüler mit Hauptschulempfehlung aufnimmt und durch ihr Kurssystem die äußere Selektion des gegliederten Schulsystems in der Binnenstruktur der Schule praktiziert. Unser Ziel sind selbstständige Schulen, die eine Kultur der individuellen Förderung entwickeln und zunehmend lernen, mit der Heterogenität der Schülerinnen und Schüler positiv umzugehen. Was wir dazu brauchen ist ein anspruchsvoller Unterricht, bei dem hohe Anforderungen an alle Schülerinnen und Schüler gestellt werden, verbunden mit einer intensiven individuellen Förderung der einzelnen Schülerinnen und Schüler, damit sie ihre Begabungs- und Leistungspotenziale optimal ausschöpfen können.
Ich bin der festen Überzeugung, dass dieses Ziel mit der Strategie der weiteren Optimierung des auf früher Auslese beruhenden Schulsystems nicht zu erreichen ist. Die Optimierungsstrategie ist längst an ihre Grenzen gestoßen. Für bessere Leistungen aller Schülerinnen und Schüler, für das Erreichen von Zugangsgerechtigkeit zu Bildung für alle Kinder, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, für die Entwicklung von solidarischen und gerechten Verhaltensweisen junger Menschen und aus demografischen Gründen brauchen wir die Öffnung zu einer Schule für alle.
Schauen wir uns doch die Fakten an: Das Gymnasium ist und bleibt bei den Eltern mit weitem Abstand die beliebteste Schulart. Immer noch steigt der jährliche prozentuale Anteil eines Altersjahrgangs, der nach der Grundschule ins Gymnasium überwechselt. Der Anteil liegt mittlerweile bei rund 37 Prozent, in vielen Städten besucht bereits jedes 2. Kind das Gymnasium, darunter auch in meiner Heimatstadt Karlsruhe. Die Quote wird weiter steigen, wenn in den nächsten Jahren die Maßnahmen zur besseren Sprachförderung im Kindergarten und in der Grundschule greifen. Das bedeutet: die Heterogenität der Schülerschaft im Gymnasium wird noch mehr zunehmen, eine riesige Herausforderung für diese Schulart, deren Bildungsverständnis traditionell auf homogenen Lernvoraussetzungen und homogenen Leistungsentwicklungen der Schülerinnen und Schüler beruht(e). In völliger Verkennung dieser Realität beharrt dagegen Kultusministerin Schavan in der Antwort auf einen parlamentarischen Antrag darauf, dass das allgemein bildende Gymnasium "über eine relativ einheitliche Schülerpopulation" verfüge, der das Leistungsprofil entspreche, im Gegensatz zur Hauptschule und zur Realschule, deren Schülerschaft jeweils eine "sehr heterogene Schülerschaft" aufweise.
Lernkonzepte für einen erfolgreichen Umfang mit Heterogenität zu entwickeln und die Verantwortung für den Lernerfolg aller Schülerinnen und Schüler zu übernehmen ist eine große Herausforderung für Lehrerinnen und Lehrer an Gymnasien. Was gewinnen sie dabei? Der pädagogische Preis zur Aufrechterhaltung der Selektivität unseres Schulsystems ist hoch. In einer Schule für alle können Lehrerinnen und Lehrer spürbar entlastet werden, wenn die den Schulalltag extrem dominierenden Leistungserhebungen, Korrekturen und Notenerteilung in der bisherigen Form entfallen. Viel Kraft kosten auch die im Schulsystem produzierten "VerliererInnen" und "VersagerInnen", die entweder eine Klasse wiederholen oder die Schule "nach unten" verlassen müssen oder die dauerhaft aufgrund schlechter Noten bei der standardisierten Leistungsmessung keine Erfolgserlebnisse haben. In einer Schule für alle sind "gerichtsfeste" zentrale Leistungsfeststellungen erst für die mittleren Bildungsabschlüsse erforderlich, vorher dienen Leistungsfeststellungen primär der Diagnose und den erforderlichen Maßnahmen zur Leistungsverbesserung.
Gymnasien, die sich für eine individuelle Förderung entscheiden und alle Schülerinnen aufnehmen oder behalten, müssen alle mittleren Bildungsabschlüsse anbieten können. Wir Grünen fordern dazu die Aufhebung der Versetzungsordnung und Notenverordnung, damit neue leistungsfördernde Formen der Leistungsrückmeldung entwickelt werden. Wir fordern aber auch bessere pädagogische Rahmenbedingungen für Schulen, die sich für alle Schülerinnen und Schüler öffnen. Wenn wir uns die skandinavischen Unterstützungssysteme für die 9-jährigen Basisschulen anschauen, können wir nur neidisch werden. Das gegliederte Schulsystem ist durch seine Zersplitterung extrem teuer. Mit den bei uns dafür verschwendeten Ressourcen können dort Schulsozialarbeiter, Schulpsychologen, Förderlehrer und Sonderpädagogen für jede Schule finanziert werden.
Das alles hört sich an wie eine Utopie, ist aber längst schon Realität an einigen Schulen. In Baden-Württemberg hat sich die Hauptschule Amtzell im Allgäu in den letzten Jahren als Schule für alle profiliert, rund 60 Prozent der Schülerinnen und Schüler bleiben inzwischen nach der Grundschule in der Sekundarstufe. Jetzt ist diese Schule sogar offiziell als Versuchsschule anerkannt worden. Es gibt aber auch die Entwicklung "von oben". Zum Beispiel hat sich das Helene-Lange-Gymnasium in Wiesbaden zu einer Schule für alle Schülerinnen des Stadtteils entwickelt und fördert seit Jahren alle Schülerinnen und Schüler im Klassenverband ohne Kurssystem.
Wir Grünen führen keine nach rückwärts geführten Debatten, die die alten Gräben Gesamtschule versus gegliedertes Schulsystem wieder aufreißen. Wir sind davon überzeugt, dass durch die Selbstständigkeit der Schulen und aufgrund der demografischen Entwicklung ein Entwicklungsprozess zu einer Schule für alle eingeleitet wird. Wir haben in den letzten Jahren bildungspolitische Weichenstellungen, die den Selektionsdruck verschärfen, wie das achtjährige Gymnasium mit der Verkürzung der Schulzeit in der Unterstufe, abgelehnt und Alternativen vorgeschlagen. Für mich steht aber genau so fest, dass nach der neunjährigen gemeinsamen Schulzeit eine stringente Leistungsdifferenzierung stattfinden muss in duale Ausbildungsgänge, berufliche Vollzeitschulen und gymnasiale Oberstufen mit unterschiedlichen Profilen.
Ich freue mich auf die weitere kritisch-konstruktive Auseinandersetzung und Zusammenarbeit mit dem Philologenverband über die besten Wege zur Verbesserung der Leistungen und Bildungschancen für alle jungen Menschen in unserem Bundesland.