Regierungsschuldirektor Wolfgang
Buhmann (Karlsruhe) beim PhV-Hauptvorstand in Stuttgart |
Universitäten klagen über erhebliche Mathematik-Defizite bei Abiturienten |
Fachdidaktik als "Baustein im Lehramtsstudium" soll Lehramtsstudierende besser auf ihren Beruf vorbereiten Universitäten kritisieren den Ausbildungsstand der Abiturienten in Mathematik. Es fehlt ihnen zu Beginn ihres Studiums an elementarem Wissen und Können in diesem Fach. Das waren ernüchternde Kernaussagen von Regierungsschuldirektor Wolfgang Buhmann, Regierungspräsidium Karlsruhe, die er in seinem Vortrag über das Thema "Fachdidaktik als Baustein im Lehramtsstudium am Beispiel Mathematik" vor den Mitgliedern des PhV-Hauptvorstands machte. Basis für diese und weitere Feststellungen über den derzeitigen unbefriedigenden Mathematik-Ausbildungsstand der Abiturienten waren Aussagen von rund zwanzig befragten Universitäten in ganz Deutschland, die der Referent im Frühjahr 2005 teils durch persönliche Anfrage und teils über das Internet erhalten hatte. Geklagt wurde über grundlegende Defizite der Lehramtsstudenten in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT) – mit nicht unerheblichen Folgen für die Ausbildung in diesen Fachbereichen. Herbe Kritik habe es "an unserem gymnasialen Selbstverständnis" im Hinblick auf die allgemeine Studierfähigkeit gegeben, sagte Buhmann. Es fehle den Abiturienten an Sorgfalt, aber auch an Hartnäckigkeit, ein Problem zu lösen, sowie die Fähigkeit, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Moniert worden sei ein Mangel an Konzentrationsfähigkeit. Nahezu alle Universitäten müssten Brücken- oder Vorbereitungskurse für Studienanfänger im MINT-Bereich anbieten.
Buhmann erinnerte in diesem Zusammenhang auch an eine Untersuchung/Umfrage der Universität Oldenburg an 40 deutschen Universitäten im Fach Mathematik, die vor vier Jahren bei insgesamt 700 Studenten (Diplommathematiker und Staatsexamenskandidaten) durchgeführt wurde. Sie ergab, dass Lehramtsstudenten im Vergleich zu Diplomanden erheblich weniger motiviert und leistungsfähig gewesen seien.
Es fehlt an Überblickswissen
Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen griff Wolfgang Buhmann auch auf Erfahrungen zurück, die er selbst in den letzten 20 Jahren bei Staatsexamenprüfungen im Fach Mathematik gemacht hat. Es habe sich gezeigt, dass beispielsweise bessere Kandidaten zwar über ein äußerst spezialisiertes Wissen verfügten, aber regelmäßig an Fragen aus dem mathematischen Grundlagenbereich scheiterten. Häufig fehle das für das Lehramt dringend erforderliche Überblickswissen. Zwischen 30 und 80 Prozent der Mathematikstudenten würden nach Aussagen von Hochschullehrern im Laufe der ersten zwei Semester das Mathematik-Studium abbrechen. Buhmann: "All diese Kritikpunkte haben uns veranlasst, im Rahmen eines ‚Arbeitskreises Lehramt', der sich aus Fachberatern, Seminarlehrern und Hochschullehrern zusammensetzt, die Wünsche des Gymnasialbereichs an die Universitäten (Fakultäten Mathematik) im Hinblick auf ein Lehramtsstudium Mathematik in Stellungnahmen und einer "Zusammenfassung bisheriger Ergebnisse" zu präzisieren." (s. auch im Internet unter: http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za242/osa/koopuni.html#AKLehramt oder direkt unter: www.lehrer.unikarlsruhe.de/~za242/osa/04AKLehramt_Zusammenfassung.pdf) Einig sei man sich darüber gewesen, dass die besondere didaktische Kompetenz von Gymnasiallehrern bei der Ausbildung von Lehramtskandidaten unmittelbar an den Universitäten zu einer Verbesserung der unbefriedigenden Situation für Lehramtsstudenten beitragen könnte, und zwar nicht im Sinne einer Bevormundung der Hochschullehrer, sondern im Sinne einer kompetenten Unterstützung ihrer Arbeit.
Mehr Didaktik an den Universitäten
Buhman zeigte auf, in welche Richtung man im Hinblick auf die universitäre Ausbildung gehen wolle. Didaktische Aspekte sollen ein stärkeres Gewicht erhalten, und zwar u. a. durch mehr mathematische Anschauung und eine stärkere Gewichtung immer wiederkehrender mathematischer Methoden. Gewollt ist eine stärkere Verbindung zwischen bildhafter Vorstellung und symbolischem Rechnen. Mehr Wert soll auf eine elementare, im Unterricht gut anwendbare und besser umsetzbare Mathematik ebenso gelegt werden wie auf historisches Verständnis der Mathematik. Geklärt werden soll, warum bestimmte mathematische Begriffe eingeführt wurden. Ziel müsse schließlich sein, dass mathematische Instrumente sinnvoll und ökonomisch angewendet werden und mit einfachen aktuellen mathematischen Problemen vertraut umgegangen werden könne. Wichtig sei es, die Liebe zur Mathematik durch den Einsatz didaktischer Mittel zu entwickeln und zu fördern.
Buhmann wies in seinem Vortrag darauf hin, dass beispielsweise in Freiburg schon seit Jahren unter der Leitung von Dr. Reichmann eine fachdidaktische Einrichtung in der Fakultät für Mathematik besteht. Im Februar 2005 habe sich ein Kreis aus fachkompetenten Vertretern des Kultusministeriums, der Regierungspräsidien, der Universitäten und Seminare getroffen und ein Grundlagenpapier erstellt. Nach diesem "Freiburger Modell" sollen Kollegen aus dem gymnasialen Bereich als Fachdidaktiker an den mathematischen Fakultäten der Universitäten tätig sein. (Hinweis: Infos hierzu im Internet demnächst auf der OSA/RP-Homepage Karlsruhe). Eine eigenständige universitäre fachdidaktische Forschung soll unterstützt und der fachliche Bereich durch Kenntnisse aus dem didaktischen Bereich unterfüttert werden.
Ein erster Anfang ist bereits gemacht, und zwar durch Gespräche mit den mathematischen Fakultäten der meisten Universitäten des Landes Baden-Württemberg und durch die Ausschreibung einer Stelle mit fachdidaktischem Anspruch in Kultus und Unterricht an der Universität Karlsruhe. Buhmann abschließend zu den Mitgliedern des PhV-Hauptvorstands: "Wir sehen den Freiburger ‚Arbeitskreis Fachdidaktik' nicht als politisches Instrument, würden uns aber freuen, wenn der Philologenverband diese originär gymnasiale Zielsetzung unterstützen könnte. Wir sollten unseren Berufsethos im gymnasialen Bereich deutlich darstellen." An das Referat schloss sich eine lebhafte Diskussion an.
Hans-Eckhard Giebel