Editorial

Verehrte Leserin, verehrter Leser

nach der Landtagswahl steht es fest: der Bildungsreformkurs in Baden-Württemberg wird auch in den nächsten fünf Jahren fortgeführt, und da die Kassen der öffentlichen Haushalte leer sind, dürfte mit deutlichen Verbesserungen der schulischen Rahmenbedingungen kaum zu rechnen sein. Immerhin: Nach Timms und Pisa hat das Thema Bildung in ganz Deutschland einen völlig neuen Stellenwert erhalten und bundesweit Reformaktivitäten ausgelöst. Der Philologenverband hat die Reformen kritisch begleitet und die Oberstufenreform mit Stärkung der Fächer Deutsch, Mathematik und Fremdsprache begrüßt, die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit auf generell acht Jahre aber heftig kritisiert.

Wiederholt entbrannten nach Bekanntgabe der PISA-Ergebnisse Strukturdebatten mit Forderungen, das gegliederte Schulsystem abzuschaffen. Ergebnisse von OECD-Bildungsstudien und die vor wenigen Wochen durchgeführten Stippvisiten des Uno-Menschenrechtsexperten Dr. Vernor Muñoz Villalobos wurden zum Anlass genommen für Kritik am gegliederten Schulwesen. Im "Darmstädter Echo" erschien ein Kommentar von Werner Dinges (Wiesbaden), der schreibt: "Nur in einem Punkt unterscheiden sich die Vertreter von UNO und OECD: Während Schleicher den Politikern als Lösung stets die Einheitsschule aufdrängt, geht Dr. Muñoz Villalobos diplomatischer vor. Er beschränkt sich auf die Empfehlung, eine Debatte über Struktur, Inhalt und Organisation zu führen. Ganz so, als hätte die Politik in Deutschland dies bislang ausgeblendet." In dem Kommentar heißt es weiter, dass die Kultusminister vor Jahren eine neue "Kultur der Anstrengungen" gefordert hätten, was soviel heiße, dass die Schüler mehr Fleiß zeigen sollen. Auch heute noch könnten Hauptschullehrer ein Lied davon singen, wie viele Schüler den Erfordernissen nicht gerecht würden… und sich auch gar keine Mühe gäben, dies zu ändern. Die Feststellungen von Dr. Muñoz Villalobos seien wenig hilfreich, zum großen Teil sehr undifferenziert und hätten auch nichts Neues enthalten, sagte der DPhV-Bundesvorsitzende Heinz-Peter Meidinger auf Anfrage in Berlin. Der Philologenverband habe vergeblich auf konkrete Vorschläge für eine bessere schulische Förderung von Migrantenkindern gewartet. Die pauschal geäußerte Kritik am gegliederten Schulwesen vermittle den Eindruck der Voreingenommenheit des Sonderbeauftragten. Eine große Mehrheit von Schülern, Lehrern und Eltern, so Meidinger, befürworte das gegliederte Schulwesen; dies müsse auch der UN-Sonderbeauftragte zur Kenntnis nehmen.

Bemerkenswert sind die Ergebnisse der jüngsten Bildungsstudie "Deutsch Englisch Schülerleistungen International" (DESI). In einer Zusammenfassung dieser Studie heißt es: "….DESI zeigt damit, dass wir im Englischunterricht – vor allem in den Gymnasien – eine sehr starke Leistungsspitze von 10 bis 15 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben, deren Kompetenzen weit über das Anforderungsniveau der Lehrpläne hinausragen. Andererseits zeigt DESI vor allem in Hauptschulen, Integrierten Gesamtschulen und Schulen mit mehreren Bildungsgängen deutliche Defizite. Im Bildungsgang Hauptschule erreicht etwa nur ein Drittel der Schülerinnen und Schüler das Regelziel der Bildungsstandards."

Zum "Tag des Gymnasiums 2006", an dem das gegliederte Schulwesen und die Ganztagsschule thematisiert und "Perspektiven des Gymnasiums in Baden-Württemberg" aufgezeigt wurden, hatte der Philologenverband Baden-Württemberg im März in den Stuttgarter Hospitalhof eingeladen (in der nächsten gbw-Ausgabe wird ausführlich über diese gelungene Veranstaltung berichtet). Wohin steuert das Gymnasium nach der Landtagswahl, fragten Teilnehmer beim Tag des Gymnasiums. Auf der einen Seite solle das Gymnasium einen anspruchvollen Bildungsauftrag erfüllen, um Voraussetzungen für ein Hochschulstudium zu schaffen, auf der anderen Seite scheine das Gymnasium sich aber durch die Schulzeitverkürzung mit inhaltlicher Verschlankung immer mehr vom Bildungsauftrag eines klassischen Vorbilds zu entfernen. Woher wird die Zeit für das Üben und Vertiefen genommen? Welche Rolle spielen da noch Hausaufgaben, wie viel Zeit dürfen sie in Anspruch nehmen? Bislang wurde im Kultusministerium der Standpunkt vertreten, es liege in der Verantwortung der einzelnen Schule, in den schulischen Gremien Regelungen zum Umgang mit Hausaufgaben zu vereinbaren und diese im Schulalltag umzusetzen. Auf diese Weise könne eine Überlastung von Schülerinnen und Schülern vermieden werden. Da stellt sich die Frage: Wann beginnt die Belastung beim Schüler? Orientiert man sich bei der Definition des Begriffs Belastung an der Leistungsspitze einer Klasse oder am unteren Drittel mit dem Risiko, dadurch leistungswillige Spitzenschüler ständig zu unterfordern?

"Wer behauptet, Ziel des achtjährigen Gymnasiums sei es, den gleichen Unterrichtsstoff wie im neunjährigen Gymnasium nur in kürzerer Zeit zu behandeln, der irrt", lässt der Kultusminister wissen und weist darauf hin, dass der Start des achtjährigen Gymnasiums an den Start der neuen Bildungspläne gekoppelt sei, deren Inhalte im so genannten Kerncurriculum um ein Drittel reduziert worden seien. Noch deutlicher wurde Kultusminister Rau in der Plenardebatte des Landtags am 2. Februar: "Wir rechnen die Oberstufe derzeit mit 30 Stunden pro Jahrgang an. Wir wissen aber, dass in der Oberstufe mehr als 30 Stunden pro Jahrgang unterrichtet werden und dass dies auch in Zukunft der Fall sein wird. Deswegen werden wir dafür sorgen, dass durch eine Anrechnung von tatsächlich geleisteten Stunden in der Sekundarstufe II das Gesamtpaket, das in der Sekundarstufe I erledigt werden muss, nicht mehr 205 Stunden beträgt, sondern um 6 bis 8 Stunden entlastet wird." Am 21. Februar heißt es in einer Erklärung des Staatsministeriums, zahlreiche Gespräche mit Schulleiterinnen, Schulleitern, Eltern sowie Schülerinnen und Schülern hätten gezeigt, dass die Umsetzung der Bildungsplanreform und die flächendeckende Einführung von G8 an vielen Gymnasien gut gelängen. Noch am gleichen Tag äußern Regierungschef und Kultusminister gemeinsam: "Gleichwohl nehmen wir die Sorgen von Eltern über zu hohe Stundenzahlen sehr ernst. Schon zum nächsten Schuljahr soll deshalb die Unter- und Mittelstufe um sechs bis acht Jahreswochenstunden entlastet werden". Erreicht werden solle das durch Erhöhung von Stundenanteilen in der gymnasialen Oberstufe. In den Klassen 5 bis 7 liege die wöchentliche Belastung dann bei maximal 32 Wochenstunden. Da verwundert es schon, dass Stunden offenbar problemlos und ohne Auswirkungen auf den zu erfüllenden Bildungsplan von einer in die nächste Stufe verschoben werden können. Welche Bedeutung hat denn dann der Bildungsplan eigentlich? Ist die Erfüllung der Bildungsplan-Vorgaben nicht auch abhängig von der jeweils zugewiesenen Stundenzahl? Fragen über Fragen. Die neue Landesregierung ist nun gefordert, auf all die offenen Fragen befriedigende Antworten zu finden. Der Philologenverband schlägt ein "Sofortprogramm" vor, um die bei der Umsetzung auftauchenden Probleme dieser Reform in den Griff zu bekommen.

Schließlich geht es jetzt auch darum, wieder mehr Vertrauen zu schaffen und dieses zu erhalten. Für die neue Legislaturperiode hofft der PhV auf einen konstruktiven Dialog im Sinne einer positiven Gestaltung und Weiterentwicklung der Schulart Gymnasium in Baden-Württemberg.

Mit freundlichen und kollegialen
Grüßen Ihr Hans-Eckhard Giebel
Redaktion "Gymnasium Baden-Württemberg"

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