Thema aktuell
Heute: Bündnis 90/Die Grünen
Bildungspakt 2016
von Renate Rastätter, MdL
In diesen Wochen wird im Landtag über den Doppelhaushalt 2007/2008 beraten. Damit werden die Weichen gestellt für die Entwicklung des Bildungswesens in Baden-Württemberg. Große Herausforderungen sind in den nächsten Jahren zu bewältigen, wie etwa der Ausbau der Ganztagsschulen. Vierzig Prozent aller Schulen sollen bis 2016 zu Ganztagsschulen ausgebaut werden, dies hat der Ministerpräsident angekündigt. Doch die pädagogischen und gesellschaftlichen Herausforderungen verlangen ein schnelleres Ausbautempo. Die vierzig Prozent müssen schon bis 2012 erreicht werden. Dabei ist klar: auf ehrenamtlicher Tätigkeit kann eine gute und verlässliche Ganztagsschule nicht basieren, sie braucht zusätzliche Lehrerinnen und Lehrer sowie weitere Mittel, um qualifizierte Honorarkräfte bezahlen zu können.
Eine weitere bildungspolitische Herausforderung ist eine Verbesserung der frühen Förderung, insbesondere der Sprachförderung in Kindergarten und Grundschule. Eine neue bildungspolitische Großbaustelle tut sich zudem an den Hochschulen auf. Die Prognosen gehen davon aus, dass 23 000 Studienanfängerplätze im Land fehlen. Wenn es nicht gelingt, die Hochschulen auszubauen, wird vielen Abiturienten und Abiturientinnen der Zugang zum Studium verwehrt bleiben. Fest steht: wir brauchen also in den nächsten Jahren zusätzliche Mittel für Schulen und Hochschule. Gleichzeitig müssen wir die weitere Verschuldung des Landes stoppen.
Ministerpräsident Oettinger hat in seiner Regierungserklärung am 21. Juni 2006 versprochen, dass in dieser Legislaturperiode alle aufgrund der rückläufigen Schülerzahlen frei werdenden Lehrerstellen nicht gestrichen würden. Doch schon im Sommer bei den Vorberatungen zum Doppelhaushalt wurde das Versprechen wieder einkassiert: 521 Lehrerstellen werden nicht mehr besetzt. Die Erklärung des Kultusministers, es würden ja keine Stellen gestrichen, sondern nur nicht besetzt, ist unglaubwürdig. Denn Lehrerstellen auf dem Papier leisten keinen Beitrag zur Sicherung der Unterrichtsversorgung und zur besseren Förderung der Schülerinnen und Schüler. Und die Landesregierung setzte ihre Streichungspolitik fort. Sie verordnete Referendarinnen und Referendaren eine Stunde mehr Unterricht pro Woche und strich die Wiederbesetzung von weiteren 270 Stellen für Lehrerinnen und Lehrern.
Fazit ist also: 800 Lehrerstellen entfallen in den kommenden zwei Jahren.
Die Streichung von Lehrerstellen geht zu Lasten der Qualität der Schulen.
An Gymnasien und Realschulen steigen die Klassengrößen permanent
an, eine Entspannung ist in den nächsten Jahren nicht zu erwarten. Die
Belastungen für Lehrerinnen und Lehrer nehmen zu und nach wie vor fällt
zuviel Unterricht aus, wenn Lehrerinnen und Lehrer krank werden. So hat ja
eine Umfrage des Philologenverbandes auch ergeben, dass derzeit allein
an den Gymnasien jede Woche rund 1600 Unterrichtsstunden ausfallen.
Besonders fatal ist darüber hinaus, dass die Landesregierung kein Konzept zur Finanzierung der Zukunftsaufgaben hat – lediglich den Hinweis an diversen Stellen im Landeshaushaltsplan, die Aufgaben mit freiwerdenden Lehrerstellen bei rückläufigen Schülerzahlen zu finanzieren. Mit bis zu 900 freiwerdenden Lehrerstellen soll also das Projekt schulreifes Kind finanziert werden, mit bis zu 800 das Jugendbegleiterprogramm für Ganztagsschulen, mit 270 die Fremdevaluation an Schulen. Und wenn bis 2011, wie auch angekündigt, alle Brennpunktschulen zu Ganztagsschulen ausgebaut werden sollen, ist der Löwenanteil der vorgesehenen 1840 Stellen für die Ganztagsschulen dafür nötig. Zu diesen Zukunftsaufgaben kommen übrigens noch Verpflichtungen aus der Vergangenheit, etwa 1100 Stellen für das Vorgriffstundenmodell oder auch der Ausbau von G 8, für den bis 2011 zusätzliche 1000 Stellen nötig sind.
Doch nach den Schülerzahlprognosen ist der Rückgang bis 2011marginal. Erst nach 2012 gehen die Zahlen stärker zurück. Das bedeutet aber: das „Finanzierungskonzept“ der Landesregierung nach dem Motto – „wir finanzieren in dieser Legislaturperiode alles mit freiwerdenden Lehrerstellen“ – kann nicht aufgehen.
In dieser Situation hat die Grüne Landtagsfraktion den Bildungspakt
2016 entwickelt und beschlossen. Darin werden die über einen Zeitraum
von zehn Jahren frei werdenden Stellen eingebracht. Aus diesem Pakt werden
sowohl die notwendigen Verbesserungen an den Schulen als auch der Ausbau
der Studienkapazitäten finanziert, d.h. der entstehende zusätzliche
Stellenbedarf an Schulen und Hochschulen wird mit den freiwerdenden Mitteln
aufgrund der demographischen Entwicklung nach 2011 erwirtschaftet.
Der Bildungspakt stellt dabei keine zusätzliche, bleibende Staatsverschuldung
dar, denn er dient nicht der Gesamtdeckung des Haushalts und folgt einem
verbindlichen Tilgungsplan bis 2016.
Konkret enthält der Bildungspakt:
- über 2600 Stellen für Ganztagsschulen, damit 40 Prozent aller Schulen zu Ganztagsschulen ausgebaut sind bis 2011. Dazu kommen die Mittel für die Jugendbegleiter, die aus Umschichtungen des laufenden Haushaltes (und nicht aus der Umschichtung von 800 Lehrerstellen) finanziert werden.
- 900 Lehrerstellen zum Abbau des strukturellen Defizits an Beruflichen Schulen und Sonderschulen.
- 300 zusätzliche Stellen für Evaluation (anstatt durch Umschichtung aus der Unterrichtsversorgung).
- 500 Stellen für den Ausbau des Ethikunterrichts an Grund- und Hauptschulen.
- 1100 Stellen aus dem Vorgriffsstundenmodell und 1000 Stellen für den Mehrbedarf von G 8.
- 3000 zusätzliche Stellen an Hochschulen bis 2011.
Mit dem Bildungspakt 2016 werden wir im Landtag einen Vorschlag für eine solide Bildungs- wie Finanzpolitik einbringen.