Das Märchen vom PISA-Erfolg der Gesamtschule

Finnlandexpertin Thelma von Freymann über einen Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen

Seit im Dezember 2001 die erste PISA-Studie erschien, gibt es jedes Jahr neue Vergleichsdaten. Regelmäßig bestätigt sich: In der internationalen Rangordnung belegt Deutschland einen der hinteren Plätze. Ganz vorn rangiert Finnland. Und jedes Mal wiederholen bestimmte Medien gebetsmühlenartig den Schluss, den sie aus diesen Daten ziehen: Da Finnland ein Gesamtschulsystem hat, Deutschland aber unterschiedliche Schularten, muss dies und nur dies die Diskrepanz der Ergebnisse erklären. Also gehört unser gegliedertes Schulwesen auf die Müllkippe der Geschichte.

Gegenwärtig bekommen die Befürworter eines flächendeckenden Gesamtschulsystems durch die demographische Entwicklung Rückenwind. Wenn die Schülerzahlen sinken, rufen die Ökonomen: „Zwergschulen“ sind ein Unding, das wissen wir doch seit 1964! Legt kleine Einheiten zusammen, dann erreicht ihr sowohl wirtschaftliche Betriebsgrößen als auch bessere Ergebnisse. Dazu ist dreierlei zu sagen: Erstens: Die Schule ist kein Wirtschaftsbetrieb! Zweitens arbeiten kleine Schulen pädagogisch nicht ineffizient, sondern vielmehr effektiver als große – vorausgesetzt, dass sie personell und sächlich dafür ausgestattet sind. Bei den finnischen Schulen ist das, im Gegensatz zu unseren ehemaligen „Zwergschulen“, der Fall. Wie klein die Erstgenannten sind, wird unter 2. dargestellt. Aus der finnischen PISA-Studie geht hervor, dass die Ergebnisse landesweit in etwa gleich waren, mit einer Ausnahme: Im Ballungsraum an der Südküste waren sie schlechter – nicht sehr viel schlechter, aber doch statistisch eindeutig. Und von allen Schülerkategorien, die getrennt erfasst wurden, erzielten die Mädchen vom Lande die besten Ergebnisse. Diejenigen, mit anderen Worten, die die kleinen Schulen besucht hatten. Große gibt es nur in Ballungsgebieten.

Drittens sind kleine Schulen in der Tat teuer, d. h. die Kosten pro Schüler liegen höher als bei großen. Das sollte aber kein Argument sein. Was man im Schulwesen spart, zahlt man am Ende an Sozialkosten drauf, und zwar mit Zins und Zinseszins. Das Anliegen dieses Beitrags ist es, deutlich zu machen, wie falsch die Schlüsse sind, die in Deutschland aus dem finnischen Erfolg gezogen werden. Dieser hat Gründe, die hierzulande meist unbekannt geblieben sind.

1. Soziokulturelle Faktoren

Jeder Analyse eines Schulsystems müssen die Faktoren vorausgestellt werden, die in der Eigenart des Landes, seiner Gesellschaft und Kultur liegen. Vor allem für die guten Lese-Ergebnisse der finnischen PISA-Probanden gibt es Gründe, die sich nicht übertragen lassen. So verfügt Finnland dank der langen Winter über eine Lesetradition, für die es südlich der Ostsee keine Entsprechung gibt. Wer lieber fernsieht, schult aufgrund der Untertitelung ausländischer Filme ebenfalls nebenbei sein Lesevermögen. In der Schule gibt es keine Ausländerkinder, die dem Unterricht aus sprachlichen Gründen nicht folgen können, denn sie dürfen gar nicht in eine Regelklasse gesetzt werden, ehe sie das erforderliche Sprachniveau erreicht haben. Die Schule ist verpflichtet, selbst für eine geringe Zahl von Kindern ausländischer Muttersprache Sondergruppen einzurichten, in denen sie sprachlich erst einmal „auf den Stand“ gebracht werden. Und last but not least sind die finnische Gesellschaft und ihr Wertegefüge in weiten Bereichen noch immer sehr homogen. Das wirkt sich auf Disziplinprobleme in der Schule positiv aus.

2. Das allgemein bildende Schulsystem in Finnland

Die finnischen Schulen sind aufgrund der Größe des Landes und der geringen Einwohnerzahl meist klein: Rund 60% der Schulen haben weniger als sieben Lehrkräfte, knapp 40% haben weniger als 50 Schüler. Auch die Klassen sind kleiner als in Deutschland: Die durchschnittliche Klassenstärke der an der PISA-Studie beteiligten Klassen betrug in Finnland 19,5 Schüler. Der landesweit erfasste Durchschnitt liegt aber weit darunter, wie man aus den obigen Schülerzahlen leicht ersieht. Die niedrige Lerngruppenstärke ist ökonomisch nicht sehr günstig, wohl aber pädagogisch: Gerade die schwächeren Kinder gedeihen in einer „intimen“ Lernumwelt weit besser und es gibt wenig Disziplinprobleme. Die erste Schulform ist die sechsjährige Unterstufe, in der die Klassenlehrerin meist alle Fächer außer den Fremdsprachen unterrichtet. Daran schließt sich die dreijährige Oberstufe an, in der Fachlehrer den Unterricht erteilen. Diese beiden Schulformen machen zusammen die peruskoulu aus – wörtlich: die „Grundschule“. Sie wird in den deutschen Medien meist als „Gesamtschule“ bezeichnet, wodurch irreführende Vergleiche mit deutschen Gesamtschulen provoziert werden. Die dritte Schulform, die lukio, arbeitet mit einem Kurssystem. Je nach Begabung, Fleiß und angestrebtem Notenschnitt kann man die Hochschulreife nach 2 bis 4 Jahren erlangen. Dabei handelt es sich um eine zentrale und ausschließlich schriftliche Prüfung, bei der die Arbeiten auch zentral korrigiert und benotet werden. Jedoch sind die Anforderungen in der gesamten Oberstufe ganz anders strukturiert als hierzulande, wo ja zum Beispiel mündliche Leistungen in die Zeugnisnote eingehen. Wer finnischen Abiturientenzahlen deutsche gegenüberstellt, vergleicht Äpfel mit Birnen.

3. Das Schulpersonal

Über Schulleitung, Klassenlehrerinnen und -lehrer sowie Fachlehrkräfte hinaus gibt es folgendes Schulpersonal, das mindestens einen Tag pro Woche an der Schule ist: Eine Schulschwester: Sie ist ihrer Grundausbildung nach Krankenschwester, hat aber eine Zusatzausbildung für vorbeugende Gesundheitsarbeit. Sie führt für jedes Kind eine Gesundheitsakte.

Eine Kuratorin: Sie hat eine sozialpädagogische Ausbildung und ist für soziale Probleme zuständig. Bei Konflikten in einer Klasse z.B. werden die Beteiligten zur Kuratorin geschickt, deren Kompetenz u.a. gruppentherapeutische Methoden umfasst.

Eine Psychologin: Oft gehen Kinder von sich aus zu ihr, nicht auf Grund einer Überweisung durch die Klassenlehrerin. Ein unter Schweigepflicht stehender Erwachsener, der Zuwendung und Kompetenz einbringt, mit dem man also über seine Probleme offen reden kann, ist für viele Kinder und Jugendliche ungeheuer wichtig. Eine Speziallehrerin: Sie ist eine erfahrene Lehrkraft mit einer intensiven universitären Zusatzausbildung, die u.a. Lerndiagnostik und remedial learning umfasst. Sie kümmert sich um die schwachen Schüler (s.u.). Eine Beratungskraft: Sie hat mindestens einmal jährlich mit jedem Schüler zu sprechen und seine Studientechnik zu überprüfen. Im Bedarfsfall soll sie ihm beibringen, wie man lernt. Außerdem braucht jeder Schüler Beratung bei der im finnischen System so oft anfallenden Notwendigkeit, zwischen Kursen oder sogar Fächern zu wählen. Z.B. muss man irgendwann wählen, ob und ggf. welche Fremdsprachen man außer den obligatorischen lernen will und wann man damit anfängt. Assistenten: In Schulen mit größeren Lerngruppen (d.h. mehr als 20 Schülern) gibt es eine unbestimmte Anzahl von Assistenten, die keine spezielle Ausbildung haben und auf Stundenbasis arbeiten. Die Fachkräfte für unterrichtliche und außerunterrichtliche Probleme in der Schule sowie ggf. die Assistenten entlasten die Lehrkräfte und tragen so dazu bei, dass diese ihre ganze Kraft dem Unterricht widmen und in den Stunden effektiv arbeiten können.

4. Die Förderung schwacher Schüler

Hat ein Kind Lernprobleme, so kommt die Speziallehrerin in den Klassenunterricht und berät die Klassenlehrerin. Ggf. übernimmt sie Kinder für bestimmte Stunden und gibt gezielten Unterricht in den Problembereichen. Gelingt es nicht, die Defizite dadurch zu beheben, nimmt sich eine monatlich tagende „Spezialkonferenz“ des Falles an und entwickelt einen Plan, wie dem Kind geholfen werden kann. Dieser Plan wird regelmäßig überprüft und u.U. modizifiert. Aufgrund dieser gezielten Förderung kommt das Sitzenbleiben nur noch in extremen Ausnahmefällen vor. Schulen, die groß genug sind, richten kleine Sonderklassen für verhaltensauffällige oder lernschwache Kinder ein. Jede Gruppe erhält ihre eigene, speziell ausgebildete Lehrkraft. Diese Schüler nehmen am Schulleben voll teil und können ohne Probleme in eine Regelklasse zurückkehren. Zirka 16 Prozent aller Schüler erhalten pro Jahr über kürzere oder längere Zeit Förderung. Wenn man bedenkt, dass in Deutschland nur rund 4 Prozent der Schüler Förderschulen mit Schwerpunkt Lernen besuchen, die restlichen 12 Prozent aber in Regelschulklassen sitzen, braucht man sich über die Größe der von PISA und IGLU ausgemachten Risikogruppe hierzulande nicht zu wundern. Keine finnische Lehrkraft begreift, dass von ihren deutschen Kollegen erwartet wird, dem Problem schlicht durch „binnendifferenzierten Unterricht“ beizukommen.

5. Profilbildung

In Finnland ist jede Schule verpflichtet, dem örtlichen Bedarf entsprechend ihr eigenes Schulprofil zu entwerfen und zu realisieren. Den Lehrplan entwickelt – im Rahmen weitmaschiger Vorgaben – jedes Kollegium selbst. Dies führt dazu, dass die Unterschiede zwischen den formal gleichförmigen Schulen viel größer sind als die Unterschiede zwischen Schulen gleicher Schulart in Deutschland. Die Ergebnisse der landesweiten Evaluierung von Schulen werden veröffentlicht und in der Presse intensiv diskutiert. Da die Schulwahl frei ist, sortieren sich die Schülerströme vor allem in Ballungsgebieten auf Grund der curricularen Profilierung und des Fremdsprachenangebots. Dies führt dazu, dass manche Schulen niveaumäßig mehr oder weniger einem deutschen Gymnasium entsprechen, andere eher einer deutschen Hauptschule. Auch angesichts dieser Diversifikation ist die Bezeichnung „Gesamtschule“ unangebracht. Zwar haben neue Richtlinien die curriculare Selbstständigkeit der Schulen etwas eingeschränkt, die Profilbildung blieb aber erhalten. Dieses System der flexiblen Profilbildung kann – gerade angesichts der meist geringen Lehrerzahl an finnischen Schulen – aber nur unter der Voraussetzung funktionieren, dass Lehrkräfte nach Bedarf eingestellt und entlassen werden können.

6. Schlussbemerkungen

Finnische Schulen sind etwas völlig anderes als deutsche Gesamtschulen und unter den Bedingungen eines dicht besiedelten Landes schlechterdings nicht kopierbar. Wenn jedoch hierzulande ein Personalschlüssel eingeführt würde, der dem finnischen auch nur entfernt entspräche, wären die Erfolge mit Sicherheit binnen weniger Jahre messbar. Dafür gibt es bereits Beispiele. So hat inzwischen die Stadt Bonn an jeder Hauptschule einen Schulsozialarbeiter eingestellt. Was das für die Arbeit der Lehrkräfte bedeutet, sieht man schon jetzt.
Noch wichtiger, ja geradezu entscheidend, sind aber die Speziallehrerinnen für die Schwachen. Eine solche Lehrkraft an jeder deutschen Grundschule und jeder Hauptschule, an mehrzügigen zwei dieser Kräfte – das wäre der Anfang für die Lösung unserer größten Probleme. Die deutsche Gesellschaft muss lernen, Ausgaben für das Bildungswesen nicht als Kosten, sondern als Investitionen in unser aller Zukunft zu betrachten. Es ist nicht möglich, im Rahmen dieses Beitrags die komplexe Materie wirklich differenziert darzustellen. Interessenten seien auf die Literaturangaben verwiesen.

Quelle: Schule im Blickpunkt 2006/2007, Heft 1

Literatur:
Thelma von Freymann: Modell Finnland – Was die deutsche Schule von der finnischen lernen könnte, in: PÄDForum 1/2003 S. 25–31 Dies.: Ein anderes Land, eine andere Schule; in: Neue Sammlung 2/2003 S. 179–199 /