Editorial
Verehrte Leserin, verehrter Leser,
Der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger sorgte mit seinem Vorstoß für ein bundesweit geltendes Zentralabitur gleich zu Beginn der Sommerferien für Sommerloch-Schlagzeilen. Die Reaktionen waren geteilt. Der Philologenverband gab in einer Stellungnahme zu bedenken, dass man sich zunächst auf gemeinsame Bildungsstandards einigen solle. Bundesforschungsministerin Schavan hat übrigens für diesen Herbst eine nationale Bildungsoffensive angekündigt. Begründung: Die Öffentlichkeit sei verunsichert über die Zukunftsfähigkeit des Bildungssystems. Lehrer könnten nicht in jedem Bundesland unterrichten und Eltern hätten "Angst umzuziehen", weil ihre Kinder in einem anderen Bundesland große Probleme in der Schule bekämen. Schavan warnte die Länder vor einer Blockade der Qualifizierungsoffensive. Ihr Vorschlag, bundeseinheitliche Schulbücher einzuführen, stieß hingegen selbst in den eigenen Reihen auf Kritik. Der nordwürttembergische JU-Bezirksvorsitzende Uwe Wiedmann sagte beispielsweise, in vielen Schulfächern sei es geradezu grotesk, einheitliche Schulbücher zu fordern: "Baden-württembergische Schüler sollen lernen, wo Rhein und Neckar liegen, nicht aber wo Wümme, Emmer und Nidder verlaufen."
In der Schulstrukturdebatte ist noch kein Ende abzusehen. Obwohl SPD, Grüne und GEW Hebel in Bewegung setzen, um das erfolgreiche mehrgliedrige Schulsystem bundesweit zu kippen, die angeblichen Vorteile einer Gemeinschaftsschule in den höchsten Tönen loben und ein gemeinsames Lernen aller Schüler in einem einheitlichen Schulsystem bis möglichst Klasse 10 fordern, bleibt Baden-Württemberg beim mehrgliedrigen Schulsystem, wobei in manchen Regionen durch den Schülerrückgang flexible Lösungen möglich sein sollen. So verabschiedeten die Kommunalen Landesverbände in Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium ein "Eckpunktepapier" mit "praktikablen Lösungsvorschlägen" für Städte und Kommunen vor Ort. Eine Kooperation zwischen Haupt- und Realschule ist danach möglich.
Birgitta Mogge-Stubbe, Redakteurin beim Rheinischen Merkur, schreibt in der Ausgabe vom 30. August 2007 in ihrem Beitrag "Pure Lust am Lernen - Gesamtschule?": "Es wäre ein Segen (vor allem für die Schüler), wenn die Bildungspolitiker sich nicht erneut in eine solche Schlacht um die Gesamtschule werfen würden. Alle wissenschaftlichen Untersuchungen und vergleichenden Leistungsstudien belegen, dass Bundesländer mit differenzierten Systemen erfolgreicher sind als Länder, die sich für Gemeinschaftsschulen stark machen." Nicht einmal Finnland sei es bislang gelungen, seine wenigen Migrantenkinder (1,2 Prozent; in Deutschland: 15 Prozent) ähnlich gut zu fördern, wie das Bayern und Baden-Würtemberg im Rahmen ihres mehrgliedrigen Schulsystems gelinge. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ignoriert jedoch diese Fakten und stellt in einer am 09. September 2007 herausgegebenen Verlautbarung fest: "Wir brauchen ein integratives, demokratisches Schulsystem." Hier ist zu fragen: Was soll mit einer solchen Aussage im Blick auf das erfolgreiche mehrgliedrige Schulsystem suggeriert werden?
Verwundert zur Kenntnis nehmen darf man auch folgende Aussagen der stellvertretenden GEW-Vorsitzenden Marianne Demmer: "Lobbygruppen aus Eltern und Lehrern spielen dabei eine unsägliche Rolle: Sie sehen im Gymnasium immer noch eine elitäre Veranstaltung und verteidigen hartnäckig ihre Privilegien." Untersuchungen des deutschen PISA-Konsortiums hätten zudem ergeben, dass die Gymnasien im Vergleich zu anderen Schulformen deutlich weniger innovationsbereit seien - "obwohl sie eine sozial viel günstigere Schülerzusammensetzung haben und es beispielsweise kaum Fachlehrermangel gibt." Da werden also Schularten gegeneinander ausgespielt und Probleme mit der Lehrerversorgung in Mangelfächern an Gymnasien verschwiegen. Schließlich wird für die Gemeinschaftsschule geworben, indem man der Schulart Gymnasium mangelnde Innovationsbereitschaft nachsagt.
Doch damit nicht genug. Während an Gymnasien zu wenig Studienberechtigte "produziert" würden, halte die Bildungspolitik gleichzeitig "krampfhaft" am Hauptschulabschluss fest. "Diesen Abschluss wollen Eltern und Schüler nicht und die Wirtschaft kann ihn nicht mehr gebrauchen", stellt die GEW-Vizechefin fest. Jüngste Meinungsumfragen lassen an dieser Behauptung jedoch Zweifel aufkommen. So antworteten bei einer am 4. September 2007 veröffentlichten repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid unter 537 NRW-Einwohnern in Nordrhein-Westfalen auf die Frage: "Hielten Sie es für richtig, wenn es in Zukunft nur noch eine Schulform für alle gäbe?" 66 Prozent der Befragten mit "nein". Lediglich 28 Prozent der Umfrageteilnehmer waren für eine einheitliche Schulform. Überhaupt keine Angaben machten sechs Prozent. Auf besonders starke Ablehnung traf die Gemeinschaftsschule im Ruhrgebiet: Dort lehnten 75 Prozent der Befragten die Schulpläne der SPD kategorisch ab.
Schularten permanent schlecht zu reden, um bewährte Schulstrukturen zu zerschlagen, ist bei der Suche nach Lösungen für ein besseres Bildungssystem wenig hilfreich. Vernünftiger wäre es dafür zu sorgen, dass alle Kinder noch vor dem Eintritt in die Grundschule Deutsch sprechen können. Da sind Elternhäuser und Politik gefordert. Außerdem muss es für Kinder mit Migrationshintergrund und für solche aus bildungsfernen Schichten professionelle Unterstützungsangebote geben, die dann auch verpflichtend wahrzunehmen sind. Seitens der Politik und der Kommunen sind gute schulische Rahmenbedingungen mit kleinen Klassen zu schaffen. Eine ausreichende Lehrerversorgung sowie eine gute räumliche und sächliche Ausstattung an den Schulen ohne Stunden-Bugwellen ist zu garantieren. Und wenn dann noch dafür gesorgt wird, dass die Lehrerinnen und Lehrer an den Schulen die nach den Pisa-Studien und Tests erstellten Curricula und Bildungsstandards endlich in ruhiger und bildungsfreundlicher Arbeitsatmosphäre erproben und umsetzen können, dann erübrigen sich müßige Strukturdebatten.
Mit freundlichen und kollegialen Grüßen
Ihr Hans-Eckhard Giebel
Redaktion "Gymnasium Baden-Württemberg"
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