Editorial

Verehrte Leserin,
verehrter Leser,

Die Kultusminister der Länder haben am 17. Oktober 2007 nach eingehender Beratung in der Kultusministerkonferenz (KMK) die Einführung bundesweit einheitlicher Abitur-Standards beschlossen. Ein entsprechender Antrag aus Hessen wurde einstimmig angenommen. Die bereits für mehrere Schuljahrgangsstufen festgelegten Bildungsstandards sollen nun auch auf die gymnasiale Oberstufe ausgeweitet werden. Zunächst sollen für die Fächer Deutsch, Mathematik und erste Fremdsprache (Englisch/Französisch) künftig bundesweit einheitliche Normen ab dem Schuljahr 2010/11 gelten, ferner auch für die naturwissenschaftlichen Fächer (Biologie, Chemie, Physik). Dabei soll es um die Vergleichbarkeit des Abiturs, nicht um eine Vereinheitlichung gehen. Ein bundesweit einheitliches Zentralabitur mit einheitlichen Prüfungsaufgaben, wie es Bundesbildungsministerin Annette Schavan und der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger vorgeschlagen haben, wird es vorerst nicht geben. Die dafür erforderliche Festlegung einheitlicher Prüfungstermine und die unterschiedliche Ferienregelung der 16 Bundesländer wirken da eher bremsend. Angesichts der sehr unterschiedlichen Stoffpläne in den einzelnen Ländern wäre ein bundesweites Zentralabitur auch nur für wenige Kernfächer denkbar.

Jetzt müssen erst einmal die Abiturstandards und Aufgabenpools erarbeitet werden. Hier könnte Baden-Württemberg mit seinen Abituranforderungen durchaus für andere Bundesländer beispielgebend sein. Die Bundes-Direktoren-Konferenz (BDK) hat es auf den Punkt gebracht: Es müsse sichergestellt werden, dass mit der Erstellung solcher Standards nicht eine Absenkung des Abiturniveaus auf den kleinsten gemeinsamen Nenner erfolgt.

Gut wäre es, wenn sich die Kultusministerkonferenz außer für die Schaffung einheitlicher Abitur-Standards auch für einheitliche schulische Rahmenbedingungen stark machen würde. Die sind schließlich Voraussetzungen für eine erfolgreiche und bundesweit vergleichbare Umsetzung der Bildungsstandards. Ein dickes Lob der Lehrerschaft wäre dann der KMK gewiss. Mit folgenden Fragen sollte sich das Gremium befassen: Wie steht es bundesweit um pädagogisch sinnvolle Klassengrößen und um die Lehrerversorgung? Wie müssen heute Schüler- und Lehrerarbeitsplätze aussehen? Wie müssen Klassen- und Lehrerzimmer im Blick auf ein gutes Unterrichts- und Lernklima und unter Berücksichtigung modernster Lern- und Bildungsforschungsergebnisse baulich und sächlich ausgestattet sein? Welche Maßnahmen müssen ergriffen werden, um das Image des Lehrerberufs zu verbessern? Wie kann man zusätzlich erbrachte Leistungen der Lehrkräfte angemessen honorieren? Fest steht: Schulische Qualität hängt nicht nur von gedruckten Bildungsstandards ab, auch nicht von einem bundesweiten Zentralabitur, sondern von Rahmenbedingungen, die eine Umsetzung der Bildungsstandards erst ermöglichen und in Folge vergleichbar machen. Bemerkenswert ist, dass sich die KMK nun auch mit Themen wie "Reduzierung der Zahl der Schülerinnen und Schüler ohne Schulabschluss" und "Lehrerbildung" befasst hat.

Während auf Bundesebene über die Notwendigkeit einheitlicher Bildungsstandards Konsens besteht, wird über die Schulstruktur weiter konträr debattiert. Befürworter von Gemeinschaftsschulen mussten allerdings kürzlich eine bittere Pille schlucken, denn im ZEIT-Beitrag "Bildungspartei ohne Ideen" (Quelle: DIE ZEIT, Ausgabe vom 04.10.2007, Nr. 41) war zu lesen: "Die Pisa-Studie hat im Jahr 2002 nicht nur zutage gebracht, dass die Schüler in unionsregierten Ländern wie Bayern und Baden-Württemberg mehr lernen als ihre Mitschüler in Hessen und Nordrhein-Westfalen, den einstigen Experimentierfeldern sozialdemokratischer Schulpolitik." Weiter heißt es in dem Bericht: "Auch Arbeiter- und Einwandererkinder, dies ist die bitterste Pisa-Lektion für die Sozialdemokraten, lernen bei den Schwarzen mehr als bei den Roten." Da darf man verwundert von der GEW zur Kenntnis nehmen: "Nicht die Hauptschule befindet sich in der Krise, sondern das gegliederte Schulsystem."

Und wie sieht es mit der Lehrerversorgung an den Gymnasien des Landes Baden-Württemberg aus? Meldungen von 112 Gymnasien sind für den PhV Anlass zur Sorge - auch im Hinblick auf die nächsten Jahre, wenn es um die Rückgabe geleisteter Überstunden geht. Wenn nach den Berechnungen des PhV im Schnitt jedes Gymnasium im kommenden Jahr 27,8 Stunden an die Lehrkräfte zurückgeben muss, dann entspricht das mehr als einer Lehrerstelle pro Gymnasium, also etwa 450 Lehrerstellen insgesamt. Der Philologenverband hat heftige Kritik daran geübt, dass die Lehrer an den Gymnasien durch Überstunden weiter belastet werden sollen und dadurch die mangelnde Unterrichtsversorgung im Pflichtbereich verschleiert wird. PhV-Landesvorsitzender Wurster weist darauf hin, dass sich die Lehrerinnen und Lehrer an den Gymnasien zunehmend unter Druck gesetzt fühlen, weil sie den wachsenden Unterrichtsausfall durch Mehrarbeit ausgleichen müssen. Auch die täglichen Ausfälle wegen Krankheit sind für die Schulen belastend. Wenn über 8.000 Lehrerinnen und Lehrer, also über 30 Prozent aller Lehrkräfte an Gymnasien, Woche für Woche rund 11.400 Überstunden leisten, dann kann wohl kaum von einer guten Lehrerversorgung gesprochen werden. Protestaktionen der Eltern und Lehrerverbände haben den Finanzminister bislang nicht dazu bewegen können, durch weitere Lehrereinstellungen die personellen Engpässe zu beseitigen. Vertröstet wird auf die Zeit nach 2012, wenn mit einem Schülerrückgang gerechnet wird.

Zweifel bestehen seitens der Lehrerverbände an der von Kultusminister Helmut Rau zu Beginn des Schuljahrs gemachten Feststellung zur aktuellen Unterrichtsversorgung (KM-Pressemitteilung Nr. 86/2007, vom 05. September 2007, Bildungspartei ohne Ideen). Rau wörtlich: "Auch in diesem Schuljahr ist in allen allgemein bildenden Schulen der Pflichtunterricht gesichert und darüber hinaus sind Spielräume für ergänzende pädagogische Angebote vorhanden". Die Meldungen von 112 Gymnasien zeichnen da ein völlig anderes Bild das folgenden Schluss zulässt: Wenn allein in diesem Schuljahr insgesamt rund 540 Lehrkräfte fehlen, dann müssen im nächsten Landeshaushalt diese Tatsachen dringend berücksichtigt werden. Auf heftige Kritik stößt beim Philologenverband, dass allein 270 fehlende Stellen durch Mehrarbeit der Referendare abgedeckt werden. Doch besteht auch ein wenig Hoffnung: Kultusminister Rau hat verlauten lassen, dass geleistete Mehrarbeit im darauffolgenden Jahr als Stundennachlass zurückgegeben werde. Der Philologenverband wird den Kultusminister an dieses Versprechen erinnern.

Der PhV-Landesvorstand und die PhV-Landesgeschäftsstelle wünschen den gbw-Leserinnen und Lesern ein frohes Weihnachtsfest und ein von Gesundheit begleitetes erfolgreiches Jahr 2008. Auch im neuen Jahr wird der Philologenverband unter Ausschöpfung der ihm zur Verfügung stehenden rechtlichen und gesetzlichen Möglichkeiten die Interessen der Lehrerinnen und Lehrer an dieser Schulart vertreten.

Mit freundlichen und kollegialen Grüßen
Ihr Hans-Eckhard Giebel
Redaktion "Gymnasium Baden-Württemberg"

Weitere Beiträge in dieser Ausgabe: