Philologenverband Baden-Württemberg:

"Repräsentative Umfrage in Bayern zur Schulstruktur bestätigt unser Votum für das gegliederte Schulwesen!"

Der Philologenverband Baden-Württemberg sieht sich in seiner Auffassung und Forderung, das gegliederte Schulsystem zu erhalten und durch gezielte schulartspezifische Förderung weiter zu verbessern, durch die am 25. Oktober 2007 vom Bayerischen Philologenverband (bpv) bekannt gegebenen Ergebnisse einer vom München-Institut für Marktforschung GmbH (MIFM) im Auftrag des Bayerischen Philologenverbands in Bayern durchgeführten repräsentativen Umfrage bestätigt. Danach ist eine große Mehrheit im Freistaat Bayern davon überzeugt, dass Gemeinschaftsschulen die Bildungsqualität verschlechtern würden. "Bei einer vergleichbaren Umfrage in Baden-Württemberg würden wir ähnliche Ergebnisse erhalten", so die Feststellung des PhV-Landesvorsitzenden Karl-Heinz Wurster.

Weniger als ein Drittel der bayerischen Bevölkerung (29 Prozent) erwartet sich von einer "Schule für alle", in der die gemeinsame Schulzeit auf zehn Jahre verlängert wäre, eine höhere Bildungsqualität. "Dieses Ergebnis ist eine klare Absage an alle politischen Kräfte, die eine Einheitsschule einführen wollen, gleich ob sie nun Gesamt- oder Gemeinschaftsschule heißen soll. Bayerns Bevölkerung möchte offenbar keinen Systemwechsel", kommentierte der Verbandsvorsitzende Max Schmidt die Zahlen.
 
Negative Erwartungen gegenüber "Schule für alle" überwiegen
 
Nur 19 Prozent der Bevölkerung sind der Ansicht, dass leistungsschwache Schüler in einer "Schule für alle" besser gefördert werden könnten. Die negativen Erwartungen überwiegen dagegen deutlich: Rund 40 Prozent denken, dass leistungsstarke Schüler hier unterfordert werden können, weil sie mehr Rücksicht auf schwächere nehmen müssen. Ein gleich großer Prozentsatz glaubt, dass die dort erworbenen Fähigkeiten nicht ausreichend sind, um sich auf das Abitur vorzubereiten.
 
Grundschuleltern lehnen Verlängerung der Grundschuldauer und eine Schule für alle mit deutlicher Mehrheit ab
 
Insbesondere Grundschuleltern erwarten von einer auf zehn Jahre verlängerten gemeinsamen Schulzeit eine deutlich verschlechterte Bildungsqualität (55-57 Prozent). "Weil gerade die Kinder dieser Eltern ausgiebig Erfahrungen mit einer ?Schule für alle? machen, ist die Befürchtung, dass eine längere gemeinsame Beschulung begabungsgerechte Förderung erschwert, wohl nicht aus der Luft gegriffen", resümierte der bpv-Vorsitzende.Übrigens erwartet auch nur ein Drittel der Gesamtbefragten von einer Verlängerung der Grundschulzeit positive Effekte im Hinblick auf die Verbesserung schulischer Leistungen.
 
Bayerns Bürger wollen mehr individuelle Förderung, bessere Ausbildung der Lehrkräfte und mehr Ganztagsangebote
 
Verbesserungen der Bildungsqualität erwarten sich die Eltern eher durch die gezielte Förderung leistungsschwacher Schüler (83 Prozent), eine bessere Lehrerbildung (75 Prozent) sowie durch eine Ganztagsbetreuung der Jugendlichen (59 Prozent). "Die Ergebnisse belegen eindrucksvoll, dass Bayerns Bevölkerung weitere Reformen wünscht, aber ausdrücklich innerhalb des Systems", bilanzierte Schmidt.
 
 
Durch die Ergebnisse dieser Umfrage sieht sich der Philologenverband Baden-Württemberg in seinen wiederholt vertretenen Auffassungen und Forderungen bestärkt, dass
 
- die Mehrheit der Bevölkerung keine Schulstrukturexperimente mit zweifelhaftem Ausgang wünscht, sondern für eine Beibehaltung und Weiterentwicklung des gegliederten Schulwesens ist,

- der Übertrittszeitpunkt nach der vierten Klasse erhalten bleibt, der Leistungsstand unter dem Aspekt eines Schulartwechsels kontinuierlich bis zum Ende der sechsten Klasse festgestellt wird und eine weitere Verbesserung der Durchlässigkeit zwischen den Schularten erfolgen sollte,

- grundsätzlich mehr in Bildung mit einer Verbesserung der personellen, räumlichen und sächlichen Ausstattung der Schulen (z.B. kleine Klassen) investiert wird,

- eine gezielte vorschulische und intensive sprachliche Förderung eine ganz wesentliche Voraussetzung für eine Verbesserung der Bildungsqualität und Bildungschancen  a l l e r  Kinder sind."
 
Philologenverband Baden-Württemberg lehnt Basis- und Einheitsschulen ab
 
Die von den Grünen im baden-württembergischen Landtag geforderte zehnjährige Basisschule lehnt der PhV ab. Denn: Mit einer zehnjährigen Basisschule, wie sie die Grünen favorisieren, oder mit einer Einheitsschule, wie sie von der SPD angestrebt wird, würde das bewährte Gymnasium in Baden-Württemberg  zerschlagen. Am 26. Oktober 2007 forderte die schulpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, Renate Rastätter, erneut die Zulassung von Schulmodellen zur Basisschule, in  der alle Schülerinnen und Schüler in einer neun- bis zehnjährigen Schulzeit gemeinsam unterrichtet werden.
 
"Wir wollen  a l l e Schüler fördern Schüler und keinen schulischen "Einheitsbrei", der am Ende weder dem leistungsschwächeren noch dem leistungsstärkeren Schüler dient", so die Antwort des PhV-Landesvorsitzenden in einer vom Verband herausgegebenen Pressemitteilung.  
 
Nach Auffassung des Philologenverbandes Baden-Württemberg bedeutet ein solches Modell das Ende des Gymnasiums. Außerdem haben alle Erfahrungen mit der "Gesamtschule" in der Vergangenheit offenbart, dass die Ergebnisse dort insgesamt schlechter sind. Die Oberstufe des Gymnasiums von der Unter- und Mittelstufe zu trennen, würde nach Auffassung des Philologenverbandes Baden-Württemberg u.a. bedeuten, dass Lehrer in der Sekundarstufe II und Lehrer der Sekundarstufe I nur noch wenig gemeinsam haben. Das wäre wie ein Kopf ohne Rumpf. Ein Lehrer an den Gymnasien sollte möglichst in allen Stufen unterrichten, also den Anfang und das Ende des gymnasialen Schulwegs und die zu vermittelnden Fachinhalte seiner Schüler bis zum Abitur kennen.
 
DPhV besorgt über neuerlichen lähmenden und polarisierenden Schulkampf
 
Sehr besorgt hat sich der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes (DPhV), Heinz-Peter Meidinger, zur künftigen Schulpolitik der SPD nach dem Hamburger Parteitag geäußert. "Mit dem Beschluss zur Einführung einer Einheitsschule von Klasse 1 bis 10 hat sich die SPD nun bundesweit nicht nur auf eine radikale Strukturreform, sondern auch auf die Abschaffung aller bisherigen Schularten einschließlich der Gymnasien festgelegt", sagte Meidinger.
 
"Damit stehen wir in den nächsten Jahren aller Voraussicht nach vor einem neuerlichen lähmenden und äußerst polarisierenden Schulkampf, wie wir ihn schon einmal in den 70er Jahren in den Auseinandersetzungen um die Gesamtschule erlebt haben. Die SPD trägt die Verantwortung dafür, wenn der bisherige Konsens in der Kultusministerkonferenz, in den bestehenden Schulen die individuelle Förderung zu intensivieren, hinfällig wird und statt konkreter Reformen nun wieder ideologische Auseinandersetzungen dominieren werden."
 
Der DPhV-Bundesvorsitzende bezeichnete es als "Grundfehler" der gegenwärtigen  sozialdemokratischen Bildungspolitik, dass sie soziale Gerechtigkeit nicht über verbesserte Schulleistungen bildungsferner Schichten, sondern durch erzwungene Egalisierung erreichen wolle. "Nicht mehr Chancengerechtigkeit durch Frühförderung ist das erklärte Ziel vieler Bildungspolitiker in den Reihen der SPD, sondern eine Gleichheit der Ergebnisse, sprich: das Abitur für fast alle in einer Schule für fast alle unter Vernachlässigung von Niveau und Qualität", sagte Meidinger.
 
Der Verbandschef erinnerte daran, dass eine konsequente Verwirklichung des Prinzips der bestmöglichen individuellen Förderung an allen Schularten zu  größeren Differenzen bei den Leistungsergebnissen führen würde: "Wer glaubt, durch eine Abschaffung der Gymnasien und eine Benachteiligung leistungsstärkerer Schüler ein gerechteres Schulsystem schaffen zu können, der irrt. Zum einen werden sich vermögende Eltern die Nivellierung des staatlichen Schulsystems nicht bieten lassen und auf Privatschulen ausweichen wie in England und den USA, zum anderen nimmt man in einer Einheitsschule den Kindern bildungsferner Schichten gerade die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg, die so viele von ihnen in den letzten Jahrzehnten und Jahren erfolgreich genutzt haben. Wer Eltern und Kindern die Möglichkeit zur Wahl einer weiterführenden Schulart nimmt, versucht sie zu entmündigen."
 
Nicht uninteressant ist die jüngst veröffentlichte McKinsey-Studie, die von der Großbritannien-Abteilung des Beratungsunternehmens "McKinsey"erstellt wurde. Die Berater von McKinsey hatten sich das Bildungswesen einiger Länder etwas genauer unter die Lupe genommen, die bei PISA gut abgeschnitten haben. Sie fanden heraus, dass u.a. weder Schulstruktur noch Ganztagsbetrieb entscheidend für Schulerfolge seien, sondern gut ausgebildete Lehrer. Gute Noten bei PISA erzielte zum Beispiel Singapur mit seinem viergliedrigen Schulsystem.
 
-heg-

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