Arbeits- und Gesundheitsschutz
BBW fordert Verbesserung schulischer Rahmenbedingungen und für Lehrer professionelle Hilfestellung
Der Beamtenbund Baden-Württemberg (BBW) fordert die Landesregierung auf, die Rahmenbedingungen für Lehrkräfte aller Schularten zu verbessern. Wer Lehrer länger gesund im Berufsleben halten will, der müsse dafür sorgen, dass sie für die Probleme gerüstet sind, die sie täglich am "sozialen Brennpunkt Schule" erwarten, sagte BBW-Chef Volker Stich am 12. Oktober in Stuttgart. Stich appellierte an die Politik, durch entsprechende Präventionsmaßnahmen der besonderen Belastungssituation von Lehrern im Zuge der Dienstrechtsreform Rechnung zu tragen. Gleichzeitig sprach er sich für weit reichende Korrekturen der Verwaltungsreform im Bildungsbereich aus.
Zunehmender Stress durch wachsende Probleme im Berufsalltag ist nach Überzeugung des BBW der Grund dafür, dass Lehrer heute häufiger als Vertreter anderer Berufsgruppen krankheitsbedingt vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheiden. Vor Journalisten berief sich Stich auf das Ergebnis der "Potsdamer Studie", und forderte ein Präventions- und Gesundheitsförderungsprogramm für Lehrer.
Bei der "Potsdamer Studie" (von 2000 bis 2006) handelt es sich um eine vom dbb beamtenbund und seinen Lehrerverbänden in Auftrag gegebene Lehrerbelastungsstudie, in deren Verlauf der Potsdamer Psychologieprofessor Uwe Schaarschmidt und sein Team 20 000 Pädagogen befragt, ihre Angaben ausgewertet und analysiert haben.
Prof. em. Dr. rer. nat. habil. Uwe Schaarschmidt, bis zum Ende des Sommersemesters 2006 Leiter der Abteilung für Persönlichkeits- und Differentielle Psychologie am Institut für Psychologie der Universität Potsdam, räumt in dieser Studie mit dem Vorurteil der "beneidenswerten Halbtagsjobber" auf und bescheinigt den Lehrern, dass sie - was ihre seelischen Belastungen angeht - einen äußerst anstrengenden Beruf ausüben. Andere Berufsgruppen, etwa Pflegekräfte, Polizisten oder Ärzte, die ebenfalls psychosozialen Beanspruchungen ausgesetzt sind, würden nicht annähernd eine so hohe Zahl von Personen mit Risikomustern ausweisen. Besonders bedenklich sei das häufige Auftreten von Resignation. Sehr viele Lehrkräfte wendeten die noch verbliebene Kraft nur noch dazu auf, irgendwie über die Runden zu kommen. Schaarschmidt kommt zu dem Schluss: Lehrer brauchen personenbezogene Maßnahmen wie Gruppentraining und individuelle Beratung. Beide Methoden hätten sich in der Erprobung nicht nur bei Lehrkräften, sondern auch bei Lehramtsstudierenden und Referendaren bewährt. Sie seien geeignet zur Problembewältigung und dienten obendrein dazu, die Widerstandsfähigkeit gegenüber den berufsspezifischen Belastungen zu verbessern.
Die Schaarschmidt-Studie untermauert die Überzeugung des BBW, dass Lehrer professionelle Anleitung brauchen, um im Schulalltag soziales Fehlverhalten der Schüler und mangelnde Lernbereitschaft in die richtigen Bahnen zu lenken. Genauso dringend brauchten sie aber auch die Rückzugsmöglichkeit am Arbeitsplatz, um Stress abzubauen, bevor sie zur nächsten Unterrichtsstunde vor die Klasse treten, sagte BBW-Chef Stich und forderte ein Bündel an Maßnahmen, wie
- den Aufbau eines individualisierten Hilfestellungssystems, das Fortbildung, Beratung, und psychologische Unterstützung beinhaltet;
- den Einsatz von lehrfernen Fachkräften, vor allem Psychologen;
- die Verbesserung der Kompetenz der Schulleitungsorgane;
- Hilfestellung im sozialen Bereich bei verhaltens- und lernauffäl-ligen Schülern;
- den Aufbau von Unterstützungssystemen in den Kollegien bzw. durch die Schulleitungen;
- Maßnahmen zur Beseitigung pädagogisch problematischer Klas-sen- und Gruppengrößen;
- die Verringerung der Deputatsverpflichtung beziehungsweise eine belastungs- und altersabhängige Deputatsermäßigung.
Renate Renner erwies sich als souveräne Moderatorin der Veranstaltung.