Kommentar
Die neueste Milchmädchenrechnung
Professor Klaus Hurrelmanns von der Universität Bielefeld: 0 Fortbildung + ältere Lehrkraft = Burnout!
Jetzt wissen wir es endlich - von einem Professor für Sozial- und Gesundheitswissenschaften (!): Am Burnout sind wir Lehrkräfte selbst schuld! Gegenüber der in Düsseldorf erscheinenden Rheinischen Post (Ausgabe vom 20. 9. 2007) meinte Klaus Hurrelmann nämlich: Ein Viertel aller Lehrer ist mit dem Job an der Schule überfordert. Etwa die Hälfte der älteren Pädagogen über 50 nähme nicht an Fortbildungen teil und stünden deshalb nicht auf dem neuesten Stand der gesellschaftlichen und technischen Entwicklung. "Diese Lehrer verlieren den Kontakt zu ihren Schülern, werden ihnen nicht mehr gerecht und oft nicht mehr ernst genommen", so Hurrelmann. Das erzeuge ein Gefühl von Überforderung und Ausgebrannt-Sein. Die Überforderung vor allem der älteren Pädagogen sei Hauptursache einer außerordentlich hohen Zahl an Frühpensionierungen. Im weiteren Verlauf des Gesprächs schlug Hurrelmann vor: Ältere Lehrer, die mit dem Unterricht überfordert sind, könnten als Pausenaufsicht oder in der Verwaltung eingesetzt werden.
Wir müssen uns also nach Ansicht von Klaus Hurrelmann nur brav stetig fortbilden, dann fallen wir nicht der Gesellschaft durch Frühpensionierung nach Burnout zur Last. Das erinnert mich an Münchhausen, der sich angeblich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen vermochte! Verhaltensprävention ist nur ein Baustein von mehreren beim Arbeits- und Gesundheitsschutz. D.h., wir Lehrkräfte sollen uns natürlich um den Erhalt unserer Gesundheit bemühen und ggf. mit Unterstützung - und das schließt Fortbildungen als eine Möglichkeit der Unterstützung ein - einer Gesundheitsgefährdung durch permanente Be- und Überlastung gegensteuern. Das entbindet den Dienstherrn zusammen mit dem Schulträger - und auch die Eltern - nicht von ihren Verpflichtungen! Die Verhältnisprävention muss mit der Verhaltensprävention Hand in Hand gehen! Zum Beispiel mit Klassengrößen, in denen das Gestalten von Beziehungen - laut Prof. Dr. Joachim Bauer eine grundlegende Voraussetzung für gelingenden Unterricht - möglich ist. Zum Beispiel mit Orten der Ruhe und Erholung für echte Pausen im Schulbetrieb. Zum Beispiel mit adäquater Akustik in den verschiedenen Schulräumen für einen bestmöglichen Unterrichtsverlauf ohne störende, belastende Geräuschkulisse. Zum Beispiel mit Wertschätzung gegenüber uns Lehrkräften in Bezug auf unsere Person und unsere Arbeit, incl. eines echten Arbeitsplatzes. All diese Aspekte vermisse ich in den Ausführungen Herrn Hurrelmanns. Zudem gehören Aufsichten und gewisse Verwaltungsarbeiten bis jetzt zu unseren Dienstpflichten und sind meist ohne Deputatsanrechnung zu leisten. Unsere Stellen reichen noch nicht einmal, um den Pflichtunterricht abzudecken, wie die jährlich eingerichteten "Bugwellenstunden" belegen. Herr Hurrelmann müsste also zuerst einmal auf eine ausreichende Lehrerversorgung abheben, bevor er viele zusätzliche Stellen für ältere Lehrkräfte mit Aufsichts- und Verwaltungstätigkeit irrealistisch voraussetzt! Denn in Baden-Württemberg wurden und werden ja unter dem Stichwort Effizienzrendite Stellen im öffentlichen Dienst gestrichen!
Klaus Hurrelmann hat mit seinen Äußerungen unter Stammtischniveau dem Arbeits- und Gesundheitsschutz an den Schulen und uns Lehrkräften einen Bärendienst erwiesen! Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, stellt zu Recht in seiner Stellungnahme (Bonn, 20. 9. 2007) zu obigen Äußerungen Herrn Hurrelmanns mit Verweis auf "gerade viele Lehrer über 50 Jahre" fest: "Ohne deren Erfahrung und Engagement wären Schulbetrieb und Schulinnovation nicht zu leisten." Seinem abschließenden Resümee kann ich mich nur anschließen: "In keinem anderen Land der Welt erlauben sich Politiker und Wissenschaftler solche Äußerungen über Lehrer. Deshalb ist die Arbeit der Lehrerschaft dort auch einfacher, denn die Lehrerschaft genießt dort einen größeren Rückhalt in der Gesellschaft, als dies in Deutschland der Fall ist."
Ursula Kampf, HPR Gymnasien