Editorial

Verehrte Leserin,
verehrter Leser,

das zurückliegende Jahr hat wegen seiner Schulstrukturdebatten mit ihren zum Teil stark sich unterscheidenden Pisa-Interpretationen für manchen bildungspolitischen Wirbel gesorgt. Das Bedauerliche an der einerseits erfreulichen, aber andererseits bundesweit sich inzwischen im Kreis drehenden Diskussionen ist lediglich, dass der Schlüssel zum Tor der optimalen Bildungserfolge noch nicht gefunden wurde. Dabei sollte es doch eigentlich gar nicht so schwer sein, ein vernünftiges Bildungskonzept auf den Weg zu bringen, das Erfolg verspricht, und zwar ohne die bewährten Schulstrukturen irreversibel zu verbiegen oder - wie es einige gerne sähen - endgültig zu beseitigen.

Wir meinen: Investition in Bildung kann nicht bedeuten, ein erfolgreiches Bildungssystem abzuschaffen, um an dessen Stelle ein Einheitsschulsystem zu setzen, das weder dem Leistungsstarken noch dem Leistungsschwachen gerecht wird. Interessant ist da die Studie zur Wirksamkeit der Gesamtschule in Bezug auf Bildungsgerechtigkeit von Prof. Helmut Fend, der als Erziehungswissenschaftler in Konstanz und Zürich lehrte. Die Studie untersucht in Fortführung einer Längsschnittstudie zur ´Entwicklung im Jugendalter´ (1979 bis 1983) die psychosoziale Entwicklung von 1527 Personen von 12 bis 35 Jahren im Großraum Frankfurt und zwei Nachbarkreisen hinsichtlich ihrer Schullaufbahn und ihres Lebenslaufs. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Gesamtschule nicht mehr Bildungsgerechtigkeit als das dreigliedrige Schulsystem erreicht. Ausschlaggebender für den Bildungserfolg der Kinder ist ihre soziale Herkunft.

"Selten hat mich das Ergebnis meiner Forschungen so überrascht und enttäuscht wie diesmal: Die Gesamtschule schafft unterm Strich nicht mehr Bildungsgerechtigkeit als die Schulen des gegliederten Schulsystems", konstatiert der Vater dieser Langzeitstudie, Helmut Fend, in der ZEIT Nr. 2 vom 3. Januar 2008. Und man kommt aus dem Staunen nicht heraus, wenn man dann noch Folgendes von dem inzwischen emeritierten Pädagogikprofessor zur Kenntnis nehmen darf: "Die größte Enttäuschung entsteht beim Blick auf die soziale Selektivität bei den verschiedenen Stufen des Bildungs- und Berufsweges. Sie wird durch Förderstufen oder Gesamtschulen nicht reduziert. Bei ehemaligen Kindern aus Gesamtschulen, Förderstufen und dem dreigliedrigen Bildungswesen bestimmt die soziale Herkunft gleichermaßen mit, welche Schulabschlüsse, Ausbildungen und Berufe sie erreichen. Wer behauptet, dass die Familie in der Moderne an Bedeutung verloren habe, wird angesichts dieser Ergebnisse unglaubwürdig", so der Erziehungswissenschaftler. Verschweigen darf man dabei allerdings nicht, und diese Meinung wird auch von Fend vertreten, dass für die meisten Kinder die Schule "die wichtigste, wenn nicht die einzige Chance des sozialen Aufstiegs und der kulturellen Erfahrungen" ist.

Es ist also richtig, wenn der Philologenverband - auch im Blick auf eine bessere Integration von Migrantenkindern und Kindern aus bildungsfernen Familien - für alle Kinder ein verpflichtendes Vorschuljahr vor dem Eintritt in die Grundschule zur Behebung von Sprachdefiziten fordert. Wie Ministerpräsident Günther Oettinger gleich zu Beginn des neuen Jahres bekannt gab, sollen zum Schuljahresbeginn 2008/2009 verbindliche Sprachstandsdiagnosen in Verbindung mit der Einschulungsuntersuchung eingeführt werden. Darauf hatte besonders Justizminister Ulrich Goll (FDP) gedrängt. Dieser Schritt, dem ein verpflichtendes Vorschuljahr folgen muss, geht in die richtige Richtung.

Ziel der Landesregierung ist es auch, die Zahl der Ganztagsschulen zu erhöhen. Bis zum Jahr 2015 sollen wenigstens 40 Prozent aller öffentlichen allgemeinbildenden Schulen ganztägig betrieben werden. Dabei müssen auch die Gymnasien im Blick bleiben, die nach der G8-Umstellung zunehmend zu Ganztagsschulen werden.

Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch an die repräsentative Umfrage in Bayern zur Schulstruktur (s. Gymnasium 11-12/2007) und die vom Deutschen Lehrerverband und Deutschen Philologenverband in Auftrag gegebene Forsa-Umfrage, die ergab, dass 60 Prozent der Befragten eine "Schule für alle" ablehnen. Die vom München-Institut für Marktforschung (MIFM) durchgeführte Umfrage ergab, dass eine Mehrheit im Freistaat Bayern davon überzeugt ist, dass Gemeinschaftsschulen die Bildungsqualität verschlechtern würden.

Welche Schlüsse lassen sich aus den Studien ziehen? Investition ins Bildungssystem muss heißen: Deutlich mehr Mittel für Bildung, für Schulgebäude, Ausstattung und Personal zur Verfügung stellen, professionelle Fortbildungskonzepte anbieten, die Durchlässigkeit zwischen den Schularten verbessern und dafür sorgen, dass die Klassen kleiner werden. Zur Verbesserung der schulischen Rahmenbedingungen gehört auch, dass es für Lehrerinnen und Lehrer im zunehmenden Ganztagsschulbetrieb Rückzugsmöglichkeiten gibt und dass sich die Arbeitsplatzausstattung an modernen arbeitsmedizinischen Erkenntnissen orientiert.

Die Fend-Ergebnisse geben im Übrigen Anlass, mehr noch als bisher den Blick auf jene Elternhäuser zu richten, in denen Kinder mehrstündig vor dem Fernseher geparkt und mit Fastfood-Produkten "ruhig" gestellt werden. Hier ist Aufklärung nötig, müssen Hilfsangebote betroffene Familien - Mütter und Väter - tatsächlich erreichen, auch im Sinne der Prävention eskalierender Gewalt. Das ist nicht allein Aufgabe der Schule, die hier nur unterstützend wirken kann.

Wo ein Wille ist, da findet sich auch ein Weg. Das gilt für die Verbesserung des Bildungssystems ebenso wie für die Erreichung erstrebenswerter Bildungsziele, die ohne eben jenen Willen unerreichbar bleiben.

Mit freundlichen und kollegialen Grüßen
Ihr Hans-Eckhard Giebel
Redaktion "Gymnasium Baden-Württemberg"

Weitere Beiträge in dieser Ausgabe: