Schulvertretertagung des Philologenverbandes, Bezirk Nordwürttemberg,
15./16. November 2007 in Schwäbisch Gmünd
Philologenverband aus pädagogischen Gründen für ein gegliedertes Schulwesen und differenzierte Förderung nach Begabung
Bezirksvorsitzender Knut Krüger:
Wachsende Belastungen an den Schulen
In seinem Jahresrückblick wies Knut Krüger darauf hin, dass die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte im letzten Jahr deutlich stärker geworden sei. Die Zahl der Konferenzen habe, bedingt durch die Evaluation erheblich zugenommen, das gelte nicht nur für die einzelne Schule sondern auch für neue, externe Zusammenkünfte wie die Sprengeltagungen mit ihren umfangreichen Vor- und Nachbereitungen für die Kollegen. Hinzu kämen die wachsenden Normenverletzungen durch Schüler. Besonders betroffen seien auch die Referendare, die im zweiten Ausbildungsabschnitt generell einen durchgehenden Lehrauftrag von zwölf Unterrichtsstunden selbstständig zu bestreiten hätten. Ein Ausgleich für die Mehrarbeit der Unterrichtenden bestehe nicht. Erst im Jahr 2009 sei mit einer Gehaltserhöhung zu rechnen. Trotzdem gelte es weiterhin, die Einheitsschule zu stoppen; denn die große Mehrheit der Kollegen an den Gymnasien setze sich für den Erhalt eines nach Schularten getrennten mehrgliedrigen Schulsystems ein.
Landesvorsitzender Karl-Heinz Wurster:
Für ein gegliedertes Schulwesen - aus pädagogischen Gründen
Auch Karl-Heinz Wurster unterstrich die pädagogische Bedeutung eines gegliederten Schulwesens für die optimale Förderung der Schüler. Dabei könne er sich durchaus vorstellen, dass aufgrund der demographischen Entwicklung, die einen weiteren Geburtenrückgang erwarten lasse, an manchen Schulstandorten Kooperationen der verschiedenen Schularten, wie beispielsweise zwischen Hauptschule und Realschule oder Realschule und Gymnasium, unter besonderen Umständen notwendig bzw. sinnvoll seien. An der vierjährigen Grundschule sollte aber unbedingt festgehalten werden.
Den vorzeitigen Englischunterricht schon in der Grundschule sah Karl-Heinz Wurster eher kritisch, da der Anfangsunterricht den kompetenten Fremdsprachenlehrer erfordere, um bei den Schülern später nicht mehr gutzumachende Fehler auszuschließen. Diese Kompetenz für das achtjährige Gymnasium werde sowohl durch das Fachstudium der späteren Lehrer an den Universitäten mit Abschlussprüfung nach vier Jahren als auch durch die pädagogische Ausbildung am Seminar und an den Gymnasien in zwei Ausbildungsabschnitten mit Abschlussprüfung garantiert. Wurster: "Wir schlagen vor, die Grundschule nach unten zu verlängern durch ein verpflichtendes Vorschuljahr mit besonderem Schwerpunkt 'Erwerb der sprachlichen Kompetenz in der Verkehrssprache Deutsch', eine Kompetenz, die für die weiterführenden Schularten eine wesentliche Voraussetzung ist.
Auch die beiden Referenten - Prof. Dr. Dieter Neumann vom Institut für Pädagogik der Universität Lüneburg und Prof. Dr. Walter Schweidler vom Institut für Philosophie an der Bochumer Ruhr-Universität - unterstrichen die optimale Förderung der Schüler, ihren Fähigkeiten entsprechend, in einem differenzierten Schulsystem. So wies Prof. Neumann auf die Ergebnisse langjähriger Untersuchungen bei eineiigen und zweieiigen Zwillingen hin, die zweifelsfrei die Abhängigkeit der Intelligenz von erblichen Voraussetzungen belegen. Es gebe seiner Meinung nach "keine anerzogene Intelligenz", dieses Training führe nur zu "Frust und Stress", genauso wie es kein "angstfreies" Lernen gebe. Beide Ergebnisse fordern geradezu kleine, homogene Lerngruppen und damit ein an den Fähigkeiten der Schüler ausgerichtetes, differenziertes Schulsystem. Die Vorträge der beiden Referenten befinden sich hier im Internet auf der Homepage des Philologenverbandes. (s. auch ausführliche Zusammenfassung des Vortrags von Prof. Dr. D. Neumann)
Bildung existiere nur in der lebendigen Weitergabe
von Generation zu Generation
Prof. Dr. Schweidler ging in seinem Vortrag "Zur Aktualität der Allgemeinbildung und zu den gesellschaftlichen Erwartungen an das Gymnasium" von einem vorgegebenen Spannungsverhältnis zwischen Bildungsbegriff und den - häufig kurzfristigen -- Erwartungen der Gesellschaft aus, die manchmal auch das Ziel hätten, gesellschaftliche Veränderungen über die Erziehung durchzusetzen. Dem stehe der Erzieher(Lehrer, Hochschullehrer) als "gebildeter Mensch" gegenüber, der in seiner Arbeit die legitimen Erwartungen der Gesellschaft erfüllt habe, damit aber auch ein gewisses Recht habe, die Erwartungen der Gesellschaft an das Bildungssystem kritisch zu überprüfen und weiter zu entwickeln. Die Arbeit des "gebildeten Menschen" bestehe in der Weitergabe der Bildungsinhalte an den "zu Bildenden" und damit erfülle er eine lebenswichtige, zivilisatorische Aufgabe der Gesellschaft; denn Bildung existiere nur in der lebendigen Weitergabe von Generation zu Generation.
Das Leben sei eben nicht planbar
und die Zukunft keine feste Größe
Eine zweite wichtige Aufgabe von Bildung sei die Weitergabe der "Maßstäbe eines erfüllten und gelingenden Lebens", das sich der Einmaligkeit und Endlichkeit bewusst sein müsse. Das gelte auch für die Bildung, die wegen der zeitlichen Begrenzung des Lebens nicht wiederholt werden könne. Dazu gehöre die Einsicht des Individuums in seine Talente, sozusagen in die Erfüllungsmaßstäbe eines gelingenden Lebens; dazu gehöre aber auch die Erkenntnis seiner eigenen Defizite. Zu dieser "Selbstbewertung" käme noch die Bewertung durch den Lehrer, die um individuell gerecht zu sein, im Idealfall immer ein dualistischer Vorgang zwischen Lehrer und Schüler bleiben sollte. Nur Missbräuche rechtfertigten die Einschaltung Dritter. Daraus ergebe sich zwangsläufig die Überlegenheit der Notengebung in einem gegliederten Schulsystem gegenüber der in einer Gesamtschule, weil sie jeweils nur für ähnlich befähigte Schüler gelte und deshalb präziser sein könne.
Zur Bildung gehöre ebenfalls die Vermittlung des Bewusstseins von der "Unverfügbarkeit des Lebens". Das Leben sei eben nicht planbar und die Zukunft keine feste Größe. Hier müsse uns die Bildung die Fähigkeit und Stärke vermitteln, irgendwann einmal zu sagen: "Das war´s, wofür ich gelebt habe", sozusagen die Fähigkeit, sich mit dem eigenen Leben voll zu identifizieren. Hier sind die geisteswissenschaftlichen Fächer gefragt, um die Sinnhaftigkeit der Lebensformen der Gesellschaft und auch des Individuums kritisch tradieren zu können.
Lehrer sollten mehr Selbstbewusstsein zeigen
Auch in der Diskussion appellierte Prof. Schweidler an die besondere Rolle und Aufgabe des Lehrers als Garant der Bildung und kritisierte Beliebigkeit und Banausentum("Wir amüsieren uns zu Tode") und forderte die Lehrer auf, mehr Selbstbewusstsein zu zeigen, äußerte sich positiv zum Element der Überforderung im Lernprozess, warnte vor einer "Verwechslung der Schule mit einem Produktionssystem von Absolventen und Zufriedenheit" und bezeichnete die Evaluation als "eine aus der behavioristischen Ecke kommende Konditionierungsmethode, die mit Anreizen arbeitet, statt zu überzeugen, und die ihre Sanktionsmechanismen Kräften außerhalb der Schule überträgt."
Damit wandte er sich zwar gegen den Zeitgeist gängiger Trends, erinnerte aber damit auch manchen Kollegen und manche Kollegin daran, welche wichtige Aufgabe sie als Pädagogen eigentlich zu bewältigen haben.
Im Focus: Die Arbeit im Hauptpersonalrat
Im dann folgenden Tagungsabschnitt berichtete die neue HPR -Vorsitzende, Annette Laur, "Aus der Arbeit der Stufenvertretungen" über die Tätigkeit des Hauptpersonalrats. Zur Arbeitszeitfrage sagte sie, dass alle Musterklagen gegen die 25-Unterrichtsstundenwoche abschlägig beschieden wurden. Auch bestehe keine Möglichkeit mehr, gegen die 12-Unterichtsstundenwoche der Referendare im 2. Ausbildungsabschnitt Einspruch zu erheben. Der HPR werde aber im Zusammenhang mit der Erhöhung des Pensionierungsalters auf 67 Jahre eine Ausweitung der Altersermäßigung (bisher zwei Stunden ab 60) fordern. Aus aktuellem Anlass warnte sie die älteren Kollegen davor, einen akuten Stundenbedarf an der Schule durch eine "Hinausschiebung des Ruhestands auf eigenen Wunsch" abzudecken. Damit verzichteten die Kollegen auf ein Jahr Pension. Viel besser wäre es, als Pensionär mit einem Nebenlehrervertrag von 6-7 Unterrichtsstunden ohne Einbußen bei der Pension zu unterrichten.
Achtung: Das Internet ist ein öffentlicher Raum!
Aus der Arbeit im HPR und BPR
Ein echtes Problem stelle in zunehmendem Maße das Thema "Schule und Internet" dar, was auch aus der Presse belegt werden könne. Annette Laur erinnerte die Kollegen und Kolleginnen daran, konsequent zu beachten, dass das Internet ein öffentlicher Raum sei. Die bisher vor Gericht verhandelten Fälle von Lehrermobbing hätten bisher zu keiner Verurteilung geführt, da man der Meinung sei, dass das ein Lehrer aushalten müsse. Natürlich könne die Schule ihre Homepage nur unter Beachtung der privaten Schutzrechte der Betroffenen erstellen. Es sollte aber auch nicht vorkommen, dass Vertretungspläne der Schulen mit dem Namen des zu vertretenden Lehrers gekennzeichnet werden. Das Ministerium werde abklären, was von seiner Seite und von den Schulleitungen unternommen werden könne, um "mobbing" zu verhindern.
Außerdem sprach sie zu den Themen Referendarausbildung, Evaluation, Fortbildung, Lehrereinstellung, Verbeamtung und Beförderung, Aufsicht und Arbeit und Gesundheitsschutz. Einzelheiten sind der Homepage des PHV-Landesverbandes unter www.phv-bw.de zu entnehmen.
Dr. Gertrud Benarab und Ursula Kampf (HPR Stuttgart) erläuterten Probleme der Lehrer im Arbeitnehmerverhältnis (früher: Angestelltenverhältnis)
Die Vorsitzende der Jungen Philologen, Sabine Grobe, stellte die Arbeitsgruppe für Referendare und Assessoren "Junge Philologen" vor. Die Referendare stünden heute wegen der Kürzung der Ausbildungszeit auf anderthalb Jahre und der Verpflichtung zu 12 Unterrichtsstunden pro Woche im zweiten Ausbildungsabschnitt unter einem überproportionalen Arbeitsdruck.
Eine Gesprächsrunde mit Knut Krüger, Hadmut Emmerling (beide BPR Stuttgart), Gerd Isringhausen (Vors. BPR Stuttgart) und dem Plenum beendete die Tagung mit Fragen zur Versetzung, zum Arbeits- und Gesundheitsschutz, zur Vorladung von Kollegen beim Regierungspräsidium und zur Evaluation.
Karl Heinz Petzold