Tod in Raten: vom langsamen Sterben der Pädagogischen Zentralbibliothek Stuttgart
Von Prof. Dr. Dieter Wolf
Dass Studierende der Pädagogik an der Universität Stuttgart, dass Lehramtsanwärter und Referendare der Stuttgarter Seminare, dass Lehrer der Stuttgarter Schulen, die Erzieherinnen, die Eltern und alle pädagogisch interessierten Stuttgarter Bürger einen möglichst einfachen Zugang zur pädagogischen Fachliteratur haben sollten, war für mich eine schiere Selbstverständlichkeit. Und ich ging davon aus, dass diese Meinung von allen, die mit Schule und Erziehung zu tun haben, geteilt würde. Dies aber nur bis zum 20. November 2006, dem Tag nämlich, an dem in der Stuttgarter Zeitung zu lesen war, dass die Pädagogische Zentralbibliothek Stuttgart (PZB) die Ausleihe in Kürze einstelle und Ende März 2007 endgültig geschlossen werde.
Das Landesinstitut für Schulpädagogik (LS), hieß es weiter, müsse Stellen einsparen. Zwei, drei oder gar vier Stellen. Man benötige das vorhandene und das neu hinzu kommende Personal für das Haupt- und Kerngeschäft, die Evaluation, die Vorbereitung von Vergleichsarbeiten, für die hoch gelobten Verbesserer der Qualität des Unterrichts an allen Schularten und auf allen Schulstufen, für die Problemlöser vom Dienst. Zu einer Weiterführung der Stuttgarter Lehrerbibliothek fehle überdies eine gesetzliche Grundlage. Ein für die Verwaltung offensichtlich unlösbares Problem. Was mit den Beständen der in ihrer Art einmaligen Lehrerbibliothek geschähe, immerhin 130 000 Bücher und 200 Fachzeitschriften, sei im Augenblick noch offen. Kein Wunder, dass diese Nachricht auf die gänzlich unvorbereiteten Bibliotheksbenutzer wirkte wie ein Blitz aus heiterem Himmel, dass sie die Schließung der PZB als Katastrophe empfanden und im Rahmen ihrer bescheidenen Möglichkeiten dagegen Sturm liefen.
Der Philologenverband Baden-Württemberg hat den Protest gegen die Schließungspläne nach Kräften unterstützt. Wir haben dem Ministerpräsidenten des Landes, dem zuständigen Kultusminister, den Landtagsfraktionen unsere Argumente für die Erhaltung der PZB vorgetragen und die geplante Maßnahme als kurzsichtigen Schildbürgerstreich charakterisiert.
Manches Schreiben blieb ohne Antwort. Die Grünen immerhin haben eine Landtagsanfrage auf den Weg gebracht, die FDP war zumindest gesprächsbereit, ließ es aber auf einen Streit mit dem Koalitionspartner nicht ankommen, von der SPD und CDU kam aus dem Landtag keine Reaktion. Die Antwort des Kultusministeriums war - sie ahnen es schon - der gängige Kanzleitrost: Das in der Sache zuständige Landesinstitut habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Wie tröstlich! Man sei "aber an das Wissenschaftsministerium herangetreten, um die Möglichkeit einer An- bzw. Eingliederung der PZB an bzw. in eine wissenschaftliche Bibliothek des Landes zu erörtern". Man wolle erörtern. Ganz toll. Kanzleitrost eben, für den sich die frustrierten Bibliotheksbenutzer nicht das Geringste kaufen konnten.
Immerhin haben die Proteste der Studenten, der Referendare, des Runden Tisches der Fachverbände (Gymnasien), des Hauptpersonalrats außerschulischer Bereich und des Philologenverbandes dazu beigetragen, dass eine Gnadenfrist eingeräumt wurde, will heißen, dass der ursprünglich geplante Termin für das Aus der PZB von Frühjahr 2007 auf das Jahresende 2008 verschoben worden ist und dass der gesamte Bücherbestand der PZB erhalten bleibt. Nicht die auch befürchtete Entsorgung über die grüne Tonne also.
Der gefundene Kompromiss freilich ist mehr als faul und fragwürdig. Die zentral gelegene PZB wird in die Bibliothek der PH Ludwigsburg eingegliedert, also aus dem Stuttgarter Zentrum auf die grüne Wiese abgeschoben. Dort wird der Bücher- und Zeitschriftenbestand der PZB eigentlich nicht gebraucht. Aber einem geschenkten Gaul.... Sie wissen, was folgt. Ob die ursprüngliche Absicht der Verantwortlichen, durch die Schließung der Stuttgarter Bibliothek Personal und Finanzmittel zu sparen, tatsächlich erreicht wird, mag glauben, wer will. In Ludwigsburg werden für die Einarbeitung und Katalogisierung von 130 000 Bänden in den vorhandenen Bestand mit Sicherheit über Jahre hin mehr Bibliothekskräfte benötigt, als die alte PZB jemals zur Verfügung hatte. Und da der vorhandene Platz anscheinend nicht ausreicht, muss um- und angebaut werden. Eine Sparmaßnahme? Wie bewertet wohl der Landesrechnungshof eine solche Lösung?
Mir will scheinen, dass im Grunde ein lediglich haushaltstechnisches Problem zwischen dem Kultus- und dem Wissenschaftsministerium zu einer verhängnisvollen Fehlentscheidung geführt hat. Auf Kosten des Kultusministeriums natürlich. Einmal mehr hat der Kultusminister im Konflikt mit dem Wissenschaftsminister den Kürzeren gezogen. Die PH Ludwigsburg profitiert, ihre Bibliothek wird aufgewertet; die Stuttgarter Klientel der PZB, die Studenten, Referendare und Lehrer haben das Nachsehen. Bessere Rahmenbedingungen für die Ausbildung und Arbeit der Lehrer in der Landeshauptstadt zu schaffen, sieht anders aus!
Wie dem auch sei. Die Hauptleidtragenden sind die ihrem Ende entgegen gehende PZB, ihr Personal und die vielen pädagogisch engagierten Bürgerinnen und Bürger von Stuttgart. Menschen also, die gerne und oft die Dienste ihrer PZB in Anspruch genommen haben. Wie viele davon künftig Lust haben und sich die Zeit nehmen werden, nach Ludwigsburg zu fahren, bleibt abzuwarten. Ein Spitzenbeamter des Kultusministeriums hat geäußert, dass er Bedenken bezüglich der Lage und Erreichbarkeit des künftigen Standorts angesichts der S-Bahn-Anbindung der PH Ludwigsburg nicht nachvollziehen könne. Der Mann kann leicht reden, schließlich hat das Kultusministerium eine Bibliothek im eigenen Hause. Aber die Sicht des Kultusministeriums war schon immer eine etwas andere als die der Basis.