Editorial
Verehrte Leserin,
verehrter Leser,
die Lehrpläne sollen "entrümpelt" und die Schüler so entlastet werden, dass sie ab 16.00 Uhr Freizeit haben. Das ist die am Aschermittwoch (6. Februar 2008) von Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger verkündete Rezeptur für eine Reform des vor knapp vier Jahren unter der Regie der damaligen baden-württembergischen Kultusministerin und heute amtierenden Bundesbildungsministerin Annette Schavan eingeführten generellen achtjährigen gymnasialen Bildungsgangs. Mit dem im Jahr 2004 blitzschnell eingeführten Bildungsreformwerk sollten "Bildungsbremser" wachgerüttelt werden ? zum Teil vorbei an kritischen Hinweisen und Mahnungen von Schulpraktikern und Verbänden. Nach nunmehr fast vier Jahren ist die Freude über den generellen achtjährigen gymnasialen Bildungsgang etwas verhallt, und es mehren sich Rufe nach Korrekturen.
Die wohl eher persönlichen Vorschläge des Ministerpräsidenten, die in der Koalition offenbar nicht abgesprochen waren, sollten den sich mittlerweile regenden Unmut über einige Reform-Schwachpunkte in zustimmenden Beifall verwandeln. Da wurde die Notwendigkeit physikalischer Formeln in Frage gestellt, und es wurden Vorschläge unterbreitet, biologische und chemische Lerninhalte des Bildungsplans 2004 zu streichen. Immerhin: Fächer wie Mathematik und Fremdsprachen sollten keine Kürzung erfahren. Dass es sich hierbei um eine Privatmeinung handelte, offenbarten die Reaktionen des CDU-Landtagsfraktionsvorsitzenden Stefan Mappus ("Der Großteil der Schüler hat kein Problem mit der Stofffülle") und von FDP-Fraktionschef Ulrich Noll, die beide übereinstimmend eine einseitige Stoffreduzierung bei den Naturwissenschaften ablehnten. Auch Kultusminister Helmut Rau gab zu bedenken: "Das Land braucht Naturwissenschaftler und Ingenieure." Ministerpräsident Oettinger modifizierte daraufhin seinen Vorstoß dahingehend, er sehe keinen großen Änderungsbedarf, es seien nur "gewisse Flexibilisierungen und Ausdünnungen wünschenswert" (Stuttgarter Zeitung, 13.02.2008). Eine "Rückreform" des achtjährigen Gymnasiums werde es aber nicht geben.
Wir erinnern uns: Im Jahr 2004 hatte die damalige baden-württembergische Kultusministerin und heutige Bundesbildungsministerin, Annette Schavan, in ihrem Vorwort zum Bildungsplan 2004 lobend herausgestellt:
"Dieser Bildungsplan 2004 ist das Ergebnis einer mehrjährigen intensiven Vergewisserung über Inhalte und Standards schulischer Bildung, die zu einer anregenden und motivierenden Lernkultur für Schülerinnen und Schüler beitragen und die Qualität schulischer Arbeit weiterentwickeln."
Wie steht es nach fast vier Jahren um jene "anregende und motivierende Lernkultur"? Sollten da nur stressgeplagte Schüler, unzufriedene Eltern und Lehrer, die durch die mühselige Erstellung und schwierige Umsetzung der Schulcurricula in nach wie vor zu großen Klassen demotiviert sind, bei dieser Reform herausgekommen sein?
Im gleichen Vorwort lesen wir auch Folgendes:
"Die Einführung der Bildungsstandards soll die Vergleichbarkeit der Ergebnisse erleichtern, die Unterscheidung von Kerncurriculum und Schulcurriculum stärkt die pädagogische Selbstständigkeit in der Gestaltung der Lernkultur. Von seiner Struktur her ist dieser Bildungsplan deshalb ein pädagogischer Meilenstein in der Entwicklung unserer Schulen."
Inzwischen klingt das etwas differenzierter: Auf die Frage, ob die Schüler mit dem achtjährigen Gymnasium überfordert seien, hört man nun von Bundesbildungsministerin Schavan: "Mancherorts sicher, anderenorts sicher nicht. In einigen Ländern spielt das Thema keine Rolle, etwa in Sachsen, das in jeder Pisa-Studie zur Spitzengruppe gehört. In anderen Ländern ist die Kritik groß, zum Beispiel in Hessen oder Bayern. Die Kritik an den Lehrplänen ist dann berechtigt, wenn in acht Jahren alles gelehrt wird, was früher in neun Jahren gelehrt wurde. Das überfordert die Kinder. Lehrpläne sind in der Regel von Praktikern erarbeitet, also von Lehrern. Die müssten es eigentlich am besten wissen, aber diese Rechnung ist offenbar nicht überall aufgegangen. Ich mache den Ländern daher folgendes Angebot: Lasst uns in jedem wichtigen Fach die besten Köpfe in Deutschland zusammenbringen, damit sie sich mit der Frage beschäftigen: Was gehört in einen sinnvollen Lehrplan?" (Quelle: "Welt am Sonntag"-Interview vom 30. März 2008)
Es ist also keine Rede mehr von einem Bildungsplan, der noch vor wenigen Jahren als "pädagogischer Meilenstein in der Entwicklung unserer Schulen" bezeichnet wurde. Warum wurden nicht schon früher "beste Köpfe" für die Konzeption "sinnvoller" Lehrpläne ausgewählt?
Allein mit der Kürzung von Bildungsinhalten ist es nach Auffassung des Philologenverbandes Baden-Württemberg keineswegs getan. Zunächst müssen die eigentlichen Ursachen für schulische Fehlentwicklungen als solche erkannt und beseitigt werden: zum Beispiel große Klassen mit zum Teil 30 und mehr Schülern, in denen eine differenzierte Förderung kaum möglich ist. Zu klären ist auch: Soll sich zu den bisher existierenden Lehrplänen des auslaufenden G9, des alten Turbo-G8 und des neuen generellen G8 nun noch eine vierte G8-Lehrplan-Variante gesellen? Sollte der unter großem Kraft- und Zeitaufwand in die Lehrplan- und Curricula-Arbeit eingebrachte Einsatz der Kolleginnen und Kollegen etwa umsonst gewesen sein? Ist denn ein schulischer Ganztagsbetrieb ohne Hausaufgaben und vielleicht sogar ohne Noten wirklich die Lösung? War denn der Weg zum Abitur bisher wirklich nur ein Weg durch "Bildungsgerümpel" und entbehrlichen "Bildungsschrott"? Welchen Wert soll das Abitur künftig haben? Auf viele Fragen gibt es noch keine befriedigende Antwort.
Mit einem gymnasialen Bildungsgang, reduziert auf Kompetenzen ohne Inhalte, in dem Klassen mit über 30 Schülern keine Ausnahme sind und ein verpflichtender schulischer Ganztagsbetrieb mit nicht professionell ausgebildetem Personal die Regel ist, dürfte der Abschied vom Qualitätsabitur endgültig besiegelt sein, abgesehen von den Kosten, die bei einer professionell organisierten schulischen Ganztagsgestaltung anfallen. Man darf nun gespannt sein auf die Höhe der im Haushaltsplan 2009 angesetzten Mittel für die G8-Korrekturen, die zum Schuljahr 2009/10 wirksam werden sollen. Zu warnen ist vor Stunden- und Lehrplankürzungen.
Fest steht: Der Philologenverband Baden-Württemberg wird nicht nachlassen, positive schulische Entwicklungen und Reformen konstruktiv zu begleiten, er wird aber auch mit Kritik an Fehlentwicklungen nicht sparen, die zu Unruhe und Irritationen an den Schulen führen und dort das Lernklima trüben. Der Philologenverband wird sich weiter für die Schulart Gymnasium im gegliederten Schulsystem einsetzen, in dem eine gute Bildungsvermittlung unter vernünftigen Rahmenbedingungen im Mittelpunkt steht. Gewarnt wird vor Stundenkürzungen der Fächer, die eine Verringerung der Übungsphasen zur Folge hätten, die Belastungen der Schüler erhöhen und die Qualität des gymnasialen Bildungsangebotes absenken würden.
Mit freundlichen und kollegialen Grüßen
Ihr Hans-Eckhard Giebel
Redaktion "Gymnasium Baden-Württemberg"
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