"Wenn Schüler Lehrern Noten geben: Mobbing oder konstruktives Feedback?"

Cord Santelmann repräsentierte den Philologenverband Baden-Württemberg auf der 'didacta' beim 'forum bildung' überzeugend

Das seit einiger Zeit existierende Internetportal "spickmich.de", das bislang von Gerichten nicht gestoppt wurde, stößt bei Kolleginnen und Kollegen auf berechtigte Kritik. Verletzen solche Portale die Persönlichkeitsrechte der Lehrer? Wird der Datenschutz verletzt? Mit diesen und anderen Fragen befasste sich eine Diskussionsrunde beim 'forum Bildung' im Rahmen der 'didacta'-Bildungsmesse, an der Cord Santelmann teilnahm und die Position des Philologenverbandes Baden-Württemberg überzeugend vertrat.

Weitere Teilnehmer dieser 'didacta'-Diskussionsrunde, die von Dr. Marcus Sander, Redakteur der Stuttgarter Zeitung, moderiert wurde, waren außer Cord Santelmann das GEW-Bundesvorstandsmitglied Marianne Demmer, Bernd Dicks, der für die Internetseite "spickmich.de" mitverantwortlich zeichnet, und der Vorsitzende des Landesschülerbeirates Baden-Württemberg, Frank Wendel. Das umstrittene Internetportal, wo Schüler ihre Lehrer anonym beurteilen, fördert nach Auffassung des Philologenverbandes das Misstrauen in den Schulen. Benotete Lehrer fühlen sich verunglimpft. Inzwischen reichen Klagen bis hin zum Bundesverfassungsgericht. Letzte Instanz ist ggf. der Gesetzgeber, das heißt die Politik. Fest steht: Dem Rechtsgut auf Information und freie Meinungsäußerung steht das Recht auf persönliche Würde und Persönlichkeitsschutz gegenüber. Hier besteht Klärungsbedarf.

Cord Santelmann bringt es gleich zu Beginn der Podiumsdiskussion deutlich auf den Punkt: "Wir wenden uns gegen die anonyme Benotung von Lehrerinnen und Lehrern durch Schüler im Internet, weil eine solche Verfahrensweise Misstrauen schafft und keinen Beitrag zu einer offenen, transparenten Feedback-Kultur leistet. Der pädagogische Erziehungsauftrag der Schule wird gefährdet, die Persönlichkeitsrechte der Lehrkräfte werden verletzt und der Datenschutz wird missachtet."

"Lehrernoten im Internet müssen unterbunden werden"

Für Cord Santelmann stellt das Internetportal 'spickmich.de' eine moderne Form des Mobbings dar, mit dem Lehrerinnen und Lehrer öffentlich an den Pranger gestellt werden. Die Anonymität der Schüler und auch die Möglichkeit der Manipulation durch mehrfache Anmeldung auf einer Internetseite, die Schülern und auch anderen (sogar schulfremden) Personen die Möglichkeit bietet, Lehrer zu beurteilen, werden von Santelmann äußerst kritisch gesehen. Grund: Man muss sich lediglich mehrere E-Mail-Adressen beschaffen, um damit die Plattform "spickmich.de" zu missbrauchen. Das Persönlichkeitsrecht der Lehrerinnen und Lehrer muss auf jeden Fall höher eingestuft werden als die geringe Einschränkung der Meinungsfreiheit der Schüler durch ein Verbot des Portals. Santelmann verweist in diesem Zusammenhang auf bereits bestehende Möglichkeiten der Meinungsäußerung und des Feedbacks in der Schule. Die Community, das Chatten mit Freunden und ein Forum zum allgemeinen Meinungsaustausch bewertet er positiv. Menschenverachtende Internetaktivitäten, darunter auch Lehrer-Benotungen im Internet, sollten aber unterbunden werden.

Für Schülersprecher Frank Wendel wird mit der Internetseite ein "Community"-Bedürfnis der Schüler erfüllt, die so eine Möglichkeit erhalten, den Lehrern ein Feedback zu geben. Ob ein solches Feedback überhaupt geeignet ist, den Unterricht in der Schule tatsächlich zu verbessern, sieht der Landesschülerbeiratsvorsitzende Wendel eher skeptisch: "Ein solches Feedback wie auf 'spickmich.de' kann nicht dazu dienen, dass ein Lehrer daraus konkrete Schlüsse für seinen Unterricht zieht".

Marianne Demmer, die in dieser Frage ggf. auch den Gesetzgeber gefordert sieht, zeigte einerseits "ein gewisses Verständnis dafür, dass Schülerinnen und Schüler das Bedürfnis haben, ihren Lehrern gegenüber - unter Umständen eben auch anonym - zu äußern, was sie von ihnen halten und ob sie den Unterricht gut oder schlecht finden und ob sie sich gut oder schlecht unterstützt fühlen", meint aber andererseits auch, dass ein solches Feedback in die jeweilige Schule, nicht aber ins Internet gehört.

Die Kriterien müssen transparent sein

Wenn statt anonymer Lehrerbenotungen im Internet eine Feedback-Kultur an den Schulen gepflegt wird, dann kann sich bei Schülern sogar ein positiver Lerneffekt einstellen", folgert Santelmann mit dem Hinweis: "Schüler müssen dann lernen, sich mit den Lehrern auseinanderzusetzen, Konflikte konstruktiv anzugehen und die bundesweit in den Schulen bereits existierenden Möglichkeiten zur Konfliktbewältigung mutig zu nutzen." Santelmann verwies auf die Möglichkeit, Vertrauenslehrer, Schulleitung und Eltern einzuschalten und besonders gelagerte Fälle gerichtlich klären zu lassen. Schließlich müssen auch Lehrer für die von ihnen erteilten Noten "geradestehen". Noten müssen schließlich transparent sein!

Cord Santelmann sieht einen wesentlichen "Teil des Erziehungsauftrags" darin, auf dem Weg zur Persönlichkeit mit Kritik angemessen umzugehen. Dieser lasse sich leichter erfüllen, wenn Schüler lernten, ihre Konflikte 1:1 auszutragen, zu ihrer Meinung zu stehen und diese auch zu äußern. Wenn die schulinternen Voraussetzungen für vernünftige Konfliktlösungen nicht vorhanden seien, dann müssten diese eben geschaffen werden. Das Internetportal "spickmich.de" biete hierfür keine Alternative. Selbstverständlich könne ein Feedback auch anonym erfolgen, zum Beispiel durch eine vom Lehrer organisierte Umfrage ohne Namensnennung unter seinen Schülern.

Den erzieherischen Aspekt in der Lehrerausbildung stärken

Die im Internet ausdruckbaren Zeugnissse für Lehrer sind diskriminierend, weil auch sachlich irrelevanteFähigkeiten und Persönlichkeitsmerkmale von Lehrern durch Noten beurteilt werden. Und noch etwas: Schüler ? oft sind es nur wenige ? entladen oft ihren Frust über die von ihnen selbst verschuldeten schlechten Noten. Möglichkeiten zur Verbesserung der Feedback-Kultur in den Schulen sieht Cord Santelmann zum Beispiel in einer Stärkung des erzieherischen Aspektes. Die Konflikt- und Kommunikationskultur müsse ein Bestandteil in der Gymnasiallehrerausbildung sein. Hierfür sei geschultes Personal erforderlich.

Bernd Saur, PhV-Bezirksvorsitzender des Bezirks Südwürttemberg, stellte in der anschließenden Fragerunde fest, dass die zum Teil sehr persönlich die Lehrer in ihrer Würde treffenden Beurteilungen nicht ins weltweit einsehbare Web gehören. "Zu behandeln sind schulische Konflikte nicht anonym, sondern in der Schule, wo die Menschen lernen müssen, aufeinander zuzugehen und eine Feedback-Kultur zu entwickeln und zu pflegen."

Cord Santelmann wies abschließend darauf hin, dass die unter "spickmich.de" ausgewiesenen Zeugnisse mit Kopfnoten vergleichbare Beurteilungen enthielten, die datenschutzrechtlich äußerst fragwürdig seien. ? Ein ausführliches Positionspapier zum Thema "Anonyme Benotung von Lehrern durch Schüler im Internet" befindet sich auf der Homepage des Philologenverbandes Baden-Württemberg unter
ww.phv-bw.de