PhV: Auf die Grundschulempfehlung sollte nicht verzichtet werden
Nachdem die FDP Anfang Januar dieses Jahres auf ihrem Parteitag in Stuttgart eine Abschaffung der der Grundschulempfehlung und eine Schulwahl, die sich allein am Elternwillen orientiert, diskutierte, stimmten wenige Tage später SPD, GEW, Grüne, Landeselternbeirat (LEB) und Landesschulbeirat in diese Diskussion zustimmend ein. "Viele Lehrer schauen nur auf die Noten", kritisierte Elternsprecherin Christiane Staab in den Stuttgarter Nachrichten (16.01.08). Dabei fielen Begriffe wie "Zwangsempfehlung". Der Philologenverband sieht in den jüngsten Forderungen nach einer Abschaffung der Grundschulempfehlung keine Alternative für ein gerechteres und dem Leistungsstand des Kindes entsprechendes Übergangsverfahren auf die weiterführende Schulart.
Kultusminister Rau sprach sich für die Beibehaltung aus und erklärte gegenüber der Stuttgarter Zeitung (16.01.08), das Verfahren biete genügend Raum, um den Elternwillen zu berücksichtigen. Die Empfehlung beruhe auf den schulischen Leistungen und den daraus erkennbaren Entwicklungspotenzialen der Kinder. Entscheidend seien auch die pädagogische Einschätzung der Lehrer und der "intensive Dialog mit den Eltern". In diesem Zusammenhang verwies Baden-Württembergs Kultusminister auch auf das "pädagogisch differenzierte Beratungs- und Testverfahren" und die Möglichkeit einer Aufnahmeprüfung. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) ist ebenfalls für die Beibehaltung und schlägt vor, den Fächerverbund Mensch, Kultur, Natur mit einzubeziehen.
"Das in Baden-Württemberg gängige Aufnahmeverfahren unterstützt, wie es in der geltenden Verwaltungsvorschrift heißt, Eltern und Schüler bei der Wahl einer auf der Grundschule aufbauenden weiterführenden Schulart", so der Landesvorsitzende des Philologenverbandes, Karl-Heinz Wurster, mit dem Hinweis: "Auf eine Grundschulempfehlung sollte also nicht verzichtet werden." Der Philologenverband räumt zugleich ein, dass im Verlauf der weiteren Schullaufbahn Korrekturen an der durch die Grundschule getroffenen Empfehlung - gerade auch im Blick auf das inzwischen auf acht Jahre verkürzte Gymnasium - möglich sein müssen. Die Durchlässigkeit zwischen den Schularten in den Klassenstufen 5 und 6 und auch danach muss unbedingt gewährleistet sein, um auch Spätentwicklern einen Wechsel ihres Bildungsweges zu ermöglichen.
Philologenverband für verpflichtendes Vorschuljahr
Der generelle Verzicht auf eine Schulempfehlung hat aus Sicht des Philologenverbandes nicht nur einen Andrang von Schülern auf die Gymnasien in den größeren Städten zur Folge, sondern wirkt sich auch auf das Übergangsverhalten in ländlichen Gebieten aus, wo Eltern ihre Kinder trotz Gymnasialempfehlung zunehmend auf die Realschule schicken. "Diese Trends würden sich ohne Grundschulempfehlung verstärken. "Begabung, Leistungsfähigkeit, Arbeitsverhalten und Entwicklungsstand des Kindes sind wichtige Kriterien, um nach der Grundschule eine differenzierte Förderung und Forderung in der für das Kind geeigneten Schulart zu gewährleisten; für eine Verlängerung der Grundschulzeit besteht bei einer zu verbessernden Durchlässigkeit zwischen den Schularten kein Anlass; im Übrigen plädiert der Philologenverband für ein verpflichtendes Vorschuljahr, so Landesvorsitzender Wurster.
Der Philologenverband erinnerte daran, dass Erziehungsberechtigte, die mit der Grundschulempfehlung nicht übereinstimmen, ihr Kind an einem besonderen Beratungsverfahren teilnehmen lassen können. Unter Berücksichtigung der Ergebnisse des besonderen Beratungsverfahrens spricht die Klassenkonferenz zusammen mit der Beratungslehrkraft eine gemeinsame Bildungsempfehlung aus. Entspricht auch diese "gemeinsame Bildungsempfehlung" nicht den Vorstellungen der Eltern, haben diese die Möglichkeit, ihr Kind an einer Aufnahmeprüfung teilnehmen zu lassen.
Manche Eltern erliegen der Gefahr, durch falschen Ehrgeiz Schulversager zu produzieren, heißt es hierzu in einer vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) am 2. März herausgegebenen Pressemitteilung. Eltern sollten sich, so VBE-Chef Rudolf Karg, nicht von eigenen Karriereträumen oder von einem am Abitur ausgerichteten Prestigedenken leiten lassen, sondern ausschließlich von der Begabung des Kindes und dessen schulischer Leistungsfähigkeit, und sich auf keinen Fall an dessen Leidensfähigkeit orientieren.
Kontrovers diskutiert
Kontrovers diskutiert wurde am 29. Februar 2008 im Rahmen der SWR-Landesschau zwischen dem PhV-Landesvorsitzenden Karl-Heinz Wurster und der Vorsitzenden des Landeselternbeirates (LEB), Christiane Staab die Notwendigkeit bzw. Abschaffung der Grundschulempfehlung. Für Karl-Heinz Wurster besteht kein Zweifel an der Notwendigkeit der Grundschulempfehlung; Karl-Heinz Wurster sich das Verfahren noch verbessern lasse, so könnten auch Leistungen in der Fremdsprache noch mit herangezogen werden. Unerwähnt blieb von ihm nicht, dass ehrgeizige Eltern ihre Kinder in der Zeit vor dem Schulübergang überforderten. Die Vorsitzende des Landeselternbeirates, Christiane Staab, vertritt hingegen den Standpunkt, dass Eltern mitzuentscheiden hätten, welche Schulart ihre Kinder nach der Grundschulzeit besuchen sollten.
heg/phv-pm