Editorial
Verehrte Leserin,
verehrter Leser,
die schul- und bildungspolitischen Debatten sorgen weiter für Zündstoff. Da werden trügerische Hoffnungen verbreitet, die Installation so genannter Basisschulen, Einheitsschulrezepte wie "Eine Schule für alle" und "sechsjährige Grundschule" seien die einzig und allein passenden Schlüssel für mehr Chancengleichheit. Sie allein würden den "Bildungserfolg für alle" garantieren. Im Verbund mit populistischen Rufen nach Abschaffung der Noten und des Sitzenbleibens soll das gegliederte Schulsystem aus seiner angeblich verkrusteten Erstarrung befreit und letztlich aufgehoben werden. Dabei ist fast jedes Mittel recht. Da werden sogar Ergebnisse wissenschaftlicher Studien, die sich zunächst nicht ins verklärte Bild ideologischer Bildungsreformer fügen, akribisch gedreht interpretiert und schließlich passend gemacht. Ziel ist die Abschaffung des Gymnasiums!
Kaum erwähnt wird die Tatsache, dass für ein erfolgreiches Durchlaufen der Bildungs- und Berufswege - egal, in welcher Schule oder sonstigen Bildungseinrichtung - vorrangig Bildungsbereitschaft, Fleiß, Anstrengung und ein von Ausdauer gekennzeichnetes strukturiertes Lernen wesentliche Voraussetzungen sind. Wo sind die Bildungsexperten, die sich ernsthaft stark machen für den Erwerb und die Pflege dieser Grundtugenden, mit denen sich vorhandene Bildungsdefizite, Sprach- und Verständnisprobleme beheben lassen und gezielte Fördermaßnahmen erfolgreich greifen? Um auch Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern zu erreichen, sie für Bildung und Weiterbildung zu begeistern, muss das mehrgliedrige Schulsystem nicht aufgegeben werden.
Noch nie war das Bildungsangebot so vielfältig wie heute. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Orientierungsmaßstäbe in dieser irritierenden Medienwelt verloren zu gehen scheinen. "Das Gymnasium wird immer mehr zum Volksgymnasium", stellt Landesvorsitzender Karl-Heinz-Wurster in einem dpa-Interview fest und schlägt neben achtjährigen auch neunjährige Gymnasialzüge vor. Das Argument der G-8-Befürworter, den G-9-Zug gebe es für Schüler, die nach der Realschule das berufliche Gymnasium absolvieren, lässt er nicht gelten. Schließlich bereite das Gymnasium viel gezielter und umfassender auf ein Hochschulstudium vor. Wäre mit einem solchen differenzierteren Parallelangebot der gymnasialen Geschwindigkeiten nicht die gewünschte Förderung und begabungsgerechte Forderung besser leistbar? Das Niveau müsste nicht gesenkt werden, und für Leistungsschwächere stünde mehr Zeit für Übung und Wiederholung zur Verfügung. Auch für Lehrer wäre das entlastend, die an den Gymnasien unverändert in viel zu großen Klassen unterrichten müssen.
Werfen wir einen Blick ins Bundesland Hessen. Der hessische Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) plant dort inzwischen eine Änderung des erst im vergangenen Jahr flächendeckend eingeführten achtjährigen Gymnasialzugs. So soll dort nicht nur den kooperativen Gesamtschulen die Entscheidung überlassen bleiben, ob sie ihre Schüler in acht (G 8) oder in neun Jahren (G 9) zum Abitur führen. Auch den Gymnasien will man diese Wahlmöglichkeit einräumen. Derzeit gibt es an den hessischen Gymnasien ausschließlich das G 8.
Eines steht fest: wenn alle Schüler - auch unter Mithilfe pädagogisch gut ausgebildeter Assistenten - besser gefördert werden sollen, muss es dafür mehr Lehrerstunden geben. Schließlich sollen Lehrer auch Pädagogen sein und nicht nur, wie es kürzlich ein Kollege formulierte, zu "Korrigiermaschinen degradiert" werden. Wenn in den unteren Klassen gefördert werden soll, muss die Zeit irgendwoher kommen. Nachdenken sollte man darüber, ob sich die Prüfungszeiten im Schriftlichen Abitur nicht verkürzen lassen. "In Französisch hat eine Schülerin glatt 2500 Wörter geschrieben - vor zehn Jahren waren es noch 500", hört man von Kollegen. "Und dann nur zwei Korrekturtage! Es sollte jedem einleuchten, dass es nicht unendlicher Schreib- bzw. Schwafelrunden benötigt, um zu beurteilen, ob ein Schüler eher eine gute oder mangelhafte Leistung abliefert."
Doch es gibt auch Positives zu berichten: Die Landesregierung hält erfreulicherweise am mehrgliedrigen Schulsystem fest, und Ministerpräsident Oettinger hat eine deutliche Erhöhung der Gehälter für Landesbedienstete für 2009 angekündigt. Auch das Staatsexamen soll für angehende Gymnasiallehrer trotz Bachelor- und Masterstudiengängen vorerst noch erhalten bleiben. Und noch etwas: Das Thema "Altersermäßigung" ist noch nicht vom Tisch. Eine diesbezügliche neue Verwaltungsvorschrift ist von den Gremien noch nicht abgesegnet worden. Es bleibt also bis auf Weiteres noch bei der alten Regelung. In jedem Falle gilt auch hier die Bestandsschutzregelung.
Mit freundlichen und kollegialen Grüßen
Hans-Eckhard Giebel
Redaktion 'Gymnasium Baden-Württemberg'
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