OECD-Wirtschaftsbericht sorgt für kritische Reaktionen

Die Mängelliste, die die OECD, Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) am 9. April im "Wirtschaftsbericht für Deutschland" zukommen ließ, war umfangreich. Zu entnehmen war dem Bericht: Viel zu wenig Bildungschancen für Schüler aus armen Familien und für Migrantenkinder - und damit zu viele "verschenkte" Begabungsreserven, zu schlecht ausgebildete Erzieher und Lehrer in Kindergärten wie Schulen und zu wenig Jungakademiker und beruflich ausgebildete Fachkräfte, wenn Deutschland langfristig seine Konkurrenzfähigkeit auf den Weltmärkten behaupten wolle. Einen drohenden Fachkräftemangel könne Deutschland nur verhindern, wenn es Haupt- und Realschulen zusammenlege und Kinder länger zusammen lernen lasse, heißt es dazu in dem Bericht. Für die Gutachter gilt die Hauptschule als Auslaufmodell. Das deutsche Bildungssystem sei ungerecht. Wenn es überhaupt durchlässig sei, dann nur nach unten, Deutschland verschenke sein Bildungspotenzial.

Deutscher Philologenverband (DPhV) widerspricht der OECD-Einschätzung

Mit Blick auf alle verfügbaren empirischen Studien, die dazu in Deutschland durchgeführt wurden, hat auch der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, der Einschätzung der OECD widersprochen, durch eine Verlängerung der Grundschulzeit könne Deutschland sein Bildungssystem verbessern. "Weder in Bezug auf Leistungsfähigkeit noch in Bezug auf Chancengerechtigkeit kann die sechsjährige Grundschule in Berlin und Brandenburg punkten. Im Gegenteil: Zwölfjährige Gymnasiasten hängen ihre gleichaltrigen Mitschüler in Berlin um Längen ab!", betonte Meidinger.

Der DPhV bekräftigte, dass im frühzeitig begabungsgerecht differenzierenden deutschen Schulsystem auch Spätentwickler gute Chancen haben. Und ein Sprecher des bayerischen Kultusministeriums sagte. "Wir sehen keinen Handlungsbedarf, an einem gut funktionierenden Schulwesen etwas zu ändern."

Heftige Kritik vom Deutschen Lehrerverband (DL) an OECD-Aussagen über deutsches Bildungssystem

In scharfen Worten hat Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), die bildungspolitischen Ratschläge der OECD zurückgewiesen. Wörtlich sagte Kraus dazu:
"Die OECD spielt sich erneut zu einer Art Aufsichtsrat einer Deutschland-AG auf. Von der Steuer- und Haushaltspolitik über die Rentenpolitik, den Kündigungsschutz, die Krankenversicherung bis hin zu Fragen des Ehegattensplittings, des Frauenbilds und der Bildungspolitik meint sie, Deutschland nach ihren Vorstellungen kolonisieren zu müssen. Das ist in hohem Maße arrogant und bedarf der entschiedenen Zurückweisung durch die Politik in Deutschland." Wie ignorant sich die OECD zugleich verhalte, so Kraus weiter, würden ihre bildungspolitischen Empfehlungen zeigen. Mit ihren Ratschlägen, die gemeinsame Schulzeit zu verlängern und die Abiturientenquote zu erhöhen, mache sich die OECD zum wiederholten Male zum "Stichwortgeber einer linksideologischen Bildungspolitik". Dabei ignoriere sie zum einen alle wissenschaftlichen Studien, die einer verlängerten Grundschule und einer Gesamtschule in Deutschland miserable Zeugnisse ausstellen. Zum zweiten zeige die OECD mit ihrer Forderung nach einer Erhöhung der deutschen Abiturienten- und Studierquote, dass sie von den weltweit anerkannten Strukturen und Ansprüchen des beruflichen Bildungswesens in Deutschland immer noch nichts verstanden habe und auch von der Tatsache nichts wissen wolle, dass rund die Hälfte aller deutschen Studienanfänger aus nicht-gymnasialen Bildungsgängen komme. "Jedenfalls werden die Besserwissereien der OECD nicht dadurch richtiger, dass sie im Quartalsrhythmus gebetsmühlenhaft wiederholt werden", so Kraus abschließend.

"Einheitsschule" wäre das Ende für das Gymnasium

Die Befürworter der Einheitsschule sehen das anders. Auch die GEW bläst unbelehrbar weiter ins Horn der Einheitsschule. GEW-Kommentar zum OECD-Wirtschaftsbericht: "Bei der Achilles-Ferse des deutschen Schulsystems, der frühen Auslese zehnjähriger Kinder in Haupt-, Realschüler und Gymnasiasten, bekommt Deutschland glücklicherweise international keine Ruhe?.. Für die GEW ist das Ansporn, weiter für die 'Eine Schule für alle Kinder' zu werben." Mit diesem Bekenntnis verabschiedet sich diese Bildungsgewerkschaft vom Gymnasium und vom Anspruch, eine Interessenvertretung für a l l e Lehrer zu sein. Denn die Einheitsschule wäre das Ende des Gymnasiums.

Kultusminister Rau: Kein "hilfreicher Beitrag" in der laufenden Debatte

Auch Baden-Württembergs Kultusminister Helmut Rau kritisiert den OECD-Bericht. In dem vorgelegten Wirtschaftsbericht ignoriere die OECD das hohe Maß an Durchlässigkeit des Schulsystems in Deutschland und Baden-Württemberg, sagte Rau. Die von der OECD erneut befürwortete Änderung der Schulstruktur sei kein "hilfreicher Beitrag" in der laufenden Debatte um die Verbesserung der Qualität von Schule und Unterricht. Entscheidend für die Zukunftsperspektiven junger Menschen sei ein Bildungssystem, das differenzierte und individuelle Förderung anbiete und eine Vielzahl von schulischen Anschluss- und Aufstiegsmöglichkeiten eröffnen. Es sei dabei bezeichnend, dass das deutsche System der beruflichen Bildung in dem Bericht praktisch keine Erwähnung finde. In diesem Bereich finde im Südwesten der Aufstieg zu höheren Schulabschlüssen statt. 45 Prozent der Hauptschüler in Baden-Württemberg würden über das berufliche Schulwesen einen mittleren Bildungsabschluss erwerben. "Es irritiert mich auch, dass ausgerechnet für eine internationale Wirtschaftsorganisation wie die OECD der Übergang auf den Arbeitsmarkt offenbar von nachrangiger Bedeutung ist. Gerade auf diesem Gebiet hat Baden-Württemberg große Erfolge und europaweit die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit aufzuweisen", so Rau abschließend.

Fest steht, und darin sind sich die Bildungsexperten einig, dass die Investitionen in den Schul- und Bildungsbereich deutschlandweit deutlich erhöht werden müssen.

-heg-

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