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Bündnis 90 / Die Grünen
G 8 und doppelter Abijahrgang
Von Renate Rastätter, MdL
Die Äußerungen von Ministerpräsident Oettinger am Rande einer Aschermittwochsveranstaltung waren eine Reaktion auf das schlechte Abschneiden der Union bei der Hessenwahl. Denn Wahlanalysen hatten gezeigt, dass die negative Bewertung der Schulpolitik, insbesondere die Kritik am G 8, einen erheblichen Anteil an der verheerenden Wahlniederlage der hessischen Christdemokraten hatte. Mit seinen unausgegorenen Schnellschüssen, die Lehrpläne zu "entrümpeln", die Unterrichtsstunden in den Naturwissenschaften zu reduzieren und bei Nachmittagsunterricht die Hausaufgaben zu streichen, gelang dem Ministerpräsidenten allerdings kein Befreiungsschlag von den gravierenden Problemen des achtjährigen Gymnasiums in Baden-Württemberg. Vor allem der Vorschlag, Stunden in den Naturwissenschaften zu kürzen, löste angesichts des wachsenden Nachwuchsmangels an Ingenieuren und Naturwissenschaftlern einen Sturm der Entrüstung aus. Kultusminister Rau, von der Aschermittwochsaktion seines Regierungschefs total überrascht, legte auch sofort Widerspruch ein und kündigte die Einberufung von runden Tischen zum G 8 an. Auf der Basis der Ergebnisse soll das G 8 besser umgesetzt und falls erforderlich soll die Reform des Gymnasiums "nachjustiert" werden. Gleichzeitig versucht Kultusminister Rau den Lehrkräften indirekt die Schuld für die Misere des G 8 in die Schuhe zu schieben, indem der darauf verweist, dass es an vielen Schulen wunderbar gelänge, den neuen Bildungsplan umzusetzen, aber viele Lehrkräfte damit noch Schwierigkeiten hätten und noch nach den alten Stoffplänen unterrichten würden. Diese Lehrkräfte müssten endlich lernen, den standardorientierten Bildungsplan umzusetzen.
Das Herumkurieren an den Symptomen wird aber die seit Jahren andauernde Kritik am G 8 nicht zum Verstummen bringen. Die Probleme des G 8 sind grundsätzlicher Natur und können nicht gelöst werden, solange die Landesregierung an den zwei großen Lebenslügen festhält, unter denen sie das G 8 eingeführt hat. Die erste Lebenslüge ist, dass mit den neuen Bildungsplänen im achtjährigen Gymnasium bei einem Jahr weniger Lernzeit tatsächlich ein Jahr weniger Stoff unterrichtet wird als zuvor im neunjährigen Gymnasium. Dabei würde das gymnasiale Niveau gehalten und die Schülerinnen und Schüler nicht mehr belastet als vorher im G 9. Die zweite Lebenslüge lautet: Das achtjährige Gymnasium ist keine Ganztagsschule und kann in der bisherigen Halbtagesform weitergeführt werden. Die damalige Kultusministerin Schavan behauptete im Jahr 2002 in einem Zeitungsinterview sogar, mit dem G 8 werde es keinen zusätzlichen Nachmittagsunterricht geben.
Nötig ist aus meiner Sicht, dass endlich diese beiden Lebenslügen aufgegeben werden. Wir Grünen fordern, dass die Rahmenbedingungen im achtjährigen Gymnasium so verbessert werden, dass das Gymnasium zu einer Schule der individuellen Förderung wird.
Für mich bedeutet das: ein achtjähriges Gymnasium ist ohne Niveauverlust und als Ort der umfassenden Persönlichkeitsbildung für alle Schülerinnen und Schüler nur als rhythmisierte Ganztagsschule möglich. Für diese Ganztagsschulen muss das Land die erforderlichen Ressourcen bereitstellen. Wir Grünen fordern bereits zum kommenden Schuljahr 1000 zusätzliche Lehrerdeputate für die Gymnasien. Damit sollen zusätzliche Übungszeiten und Vertiefungszeiten außerhalb der regulären Unterrichtsstunden der Kontingentstundentafel ermöglicht werden, in denen Fachlehrerinnen und Fachlehrer als Lernbegleiter zur Verfügung stehen: für individuelle Beratung und Unterstützung sowie für zusätzliche Aufgabenstellungen für leistungsstarke Schülerinnen und Schüler. Konkret stellen wir uns das so vor, dass die Schulen für diese Phasen in Fachbereiche aufgeteilt werden und die Schüler je nach Förderbedürfnissen oder Aufgabenstellungen in die dafür vorgesehenen Räume gehen, in denen die Fachlehrerinnen und Fachlehrer als Lernbegleiter anwesend sind.
Eine schnelle Verbesserung der Lernbedingungen im G 8 sind wir der derzeitigen und kommenden Schülergeneration schuldig, denn auch nach dem Abitur im Jahr 2012 steht diese Schülergeneration vor riesigen Hürden, dann nämlich, wenn zwei Abiturjahrgänge gleichzeitig die Schule verlassen und Studienplätze benötigen. Verschärft wird diese Situation dadurch, dass unabhängig vom Doppeljahrgang 2012 die Studienplätze für die Studienbewerber nicht ausreichen. Bereits heute steigt die Zahl der Abiturienten, während die Zahl der Studienplätze faktisch sinkt. Seit Jahren wächst die "Schere" zwischen Studienplatzangebot und -nachfrage. Mit dem "Masterplan 2012" will die Landesregierung nun 16 000 zusätzliche Studienplätze aufbauen. Diese Zahl reicht aber nicht aus, nötig sind mindestens 22 000 Plätze. Erschreckend ist dabei, dass nach dem Masterplan der Regierung in den letzten beiden Jahren 4000 Studienplätze geschaffen werden sollten, tatsächlich aber über 1000 Studienplätze abgebaut worden sind, im Saldo also 5000 Studienplätze fehlen. Fazit: Für Schulabsolventen mit Hochschulzugangsberechtigung wird das Tor zur Hochschule immer enger. Die Lage wird insbesondere für die Absolventen des Jahres 2012 dramatisch, wenn nicht sofort mit dem Aufbau zusätzlicher Studienplätze begonnen wird. Wir dürfen aber nicht zulassen, dass junge Menschen, die ihr Abitur gemacht haben und studierwillig sind, wegen fehlender Studienplätze in eine berufliche Ausbildung ausweichen müssen und dabei Realschüler und Hauptschüler verdrängen.