Philologenverband im Gespräch mit der FDP

Große Übereinstimmung mit den bildungspolitischen Vorstellungen der FDP

Keine Einheitsschule, keine verbindliche Ganztagsschule, keine Verlängerung der Grundschulzeit - aber: Senkung der Klassengröße

Am 17. Juni trafen sich der amtierende PhV-Landesvorsitzende Karl-Heinz Wurster und PhV-Pressesprecher Hans-Eckhard Giebel zu einem Gespräch in der Landeshauptstadt mit Landtagsabgeordneten der FDP-Fraktion, und zwar mit der schulpolitischen Sprecherin Dr. Birgit Arnold,dem bildungspolitischen Sprecher Dieter Kleinmann und dem Parlamentarischen Berater, Dietmar Schöning. Im Mittelpunkt des Gesprächs, zu dem die FDP den Philologenverband nach Stuttgart eingeladen hatte, stand die aktuelle Schul- und Bildungspolitik mit den Schwerpunkten "Ganztagsschule" und "achtjähriges Gymnasium" (G8).

"Ja" zu Ganztagsschulen - aber nicht für alle Schulen verbindlich

Zu Beginn des Gesprächs wurde auf die Übergangsquoten an den Gymnasien eingegangen. So gebe es beispielsweise in Tübingen wie auch an Gymnasien auf dem Stuttgarter Killesberg inzwischen eine Übergangsquote von bis zu 60 Prozent, also mehr als in Heidelberg, wo die hohen Übergangsquoten an den Gymnasien schon seit einigen Jahren für Schlagzeilen sorgen. In diesem Zusammenhang gab Wurster klar zu verstehen, dass auch von PhV-Seite die Notwendigkeit der Einrichtung von mehr Ganztagsschulen gesehen werde. "Aber", so Wurster weiter, "wir wollen nicht, dass alle Gymnasien grundsätzlich Ganztagesschulen werden; wir wollen Ganztagesangebote." Wurster nannte als Beispiel Gymnasien mit drei fünften Klassen, von denen eine Klasse ein verbindliches Ganztagsangebot erhalten könnte. "Wir hören in Gesprächen immer wieder Eltern, die sagen, dass sie keine Ganztagsschule brauchen, wenn ihre Kinder zweimal nachmittags Unterricht haben. Deshalb wollen wir das offen lassen", begründete Karl-Heinz Wurster die Position des Verbandes.Es sei etwas anderes, wenn der Bedarf tatsächlich vorhanden sei und das auch von den Kommunen so gesehen werde. Auch die FDP vertrat diese Position. "Wir wollen niemandem einen schulischen Ganztagesbetrieb aufzwingen", so Dr. Birgit Arnold. Dietmar Schöning ergänzte, dass diese Auffassung auch für andere Schularten gelte.Aus eigener kommunaler Praxis nannte Schöning Beispiele. So könne beispielsweise eine von drei Grundschulen mit einem überlappenden Einzugsbereich - sogar über Schulbezirksgrenzen hinweg - als Ganztagsschule geführt werden. Eltern hätten so die Möglichkeit, sich entweder für den klassischen Vormittagsunterricht oder für einen Ganztagsbetrieb zu entscheiden.

Gerade für Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern sieht auch der Philologenverband die Notwendigkeit eines schulischen Ganztagsangebots mit Unterstützungssystemen, Hausaufgabenbetreuung und anderen sinnvollen Angeboten. Eine "hausaufgabenfreie" Schule werde es nie geben, prognostizierte Wurster und bekam Unterstützung von Dieter Kleinmann: "Hausaufgaben haben durchaus einen Sinn." Allerdings, meinte Wurster, dürfe es nicht so sein, dass Kinder mit ihren Aufgaben völlig allein bleiben, wennes zum Beispiel um Lösungsprobleme im Fach Mathematik und in den Fremdsprachen gehe. Insgesamt zeigte sich in dem Gespräch, dass es auch in der FDP unterschiedliche Ansichten über die Notwendigkeit verbindlicher Ganztagsschulen gibt. Kleinmann ("sie wird kommen") ist davon überzeugt, dass die Ganztagsschule in einigen Jahren an allen Schulen des Landes verbindlich sein werde. Schöning meint: "Schüler sollen aber nach wie vor nicht die ganze Zeit zwischen 7 und 17 Uhr in der Schule sein müssen!"

Eine Gemeinschaftsschule kommt für die FDP nicht infrage!

Die zurzeit laufende Schulstrukturdebatte wurde in dem Gespräch nur kurz gestreift. Grundsätzliche Übereinstimmung besteht zwischen Philologenverband und FDP in der Ablehnung einer so genannten Gemeinschaftsschule, die aus rein politischen Gründen von einigen Parteien propagiert werde. Dieter Kleinmann brachte es auf den Punkt: "Eine Gemeinschaftsschule von Hauptschülern, Realschülern und Gymnasiasten bis zur 10. Klasse wie in Schleswig-Holstein kommt für die FDP nicht infrage!" Und: Bei einer Kooperation zwischen Haupt- und Realschule gehe es darum, ein Stück weit mehr individuelle Förderung zu ermöglichen. FDP und Philologenverband wollen grundsätzlich am bewährten mehrgliedrigen Schulsystem festhalten.

Das Thema G8

Karl-Heinz Wurster sprach von einem "G8-Geburtsfehler" und wies darauf hin, dass das G8 nicht genügend vorbereitet worden sei. Wenn die Schulzeit verkürzt werde und parallel dazu die Übergangsquote steige, dann müsse in zugleich zunehmend heterogeneren Klassen für qualifiziertes zusätzliches Personal gesorgt werden. "Wir haben auch an den Gymnasien Kinder, die langsamer lernen", sagte Wurster und plädierte im Sinne des Verbandes fürparallel geführte G8- und G9-Klassen. Zum Beispiel könnten in Stuttgart von 22 Gymnasien drei Gymnasien einen G9-Zug anbieten.

Argumenten von FDP-Seite, dass es auch schon früher Kurzschuljahre gegeben habe, die problemlos ohne zusätzliche Unterstützung bewältigt worden seien, hielt der PhV entgegen, dass gesellschaftliche Veränderungen mit einem größeren Maß an Ablenkung und der starke Medienkonsum negativen Einfluss habe auf den Schulbetrieb, auf die Lernbereitschaft, auf das Konzentrationsvermögen und auf das allgemeine Verhalten der Kinder. Katastrophal seien im Übrigen die negativen Auswirkungen eines öffentlichen Schlechtredens der Hauptschule.

Auch müssten genügend Stunden für Hausaufgabenbetreuung, Differenzierung und Förderung (z.B. jeweils zwei Förderstunden in Mathematik für Fünftklässler und je zwei in den zwei Fremdsprachen) zur Verfügung gestellt werden. Wurster nannte die Zahl von insgesamt 24 erforderlichen zusätzlichen Förderstunden in den Kernfächern Mathematik und Fremdsprachen für die Klassen 5 bis 10 pro Gymnasium/Woche. Gefordert wurde von PhV-Seite ferner eine mögliche Klassenteilung ab 30 Schülern. Sinnvoll wäre eine Begrenzung der Schülerzahl auf maximal 25 Schüler pro Klasse. Wurster: "Grundsätzlich machen wir keine Panik mit G8, aber wir fordern mehr Geld dafür. Die FDP deutete an, dass sie u.a. die Kosten für einen abgesenkten Klassenteiler berechnen lassen wolle. Im Übrigen geht Kleinmann davon aus, dass spätestens in fünf Jahren, wenn die Schülerzahlen zurückgehen, auch die Klassengrößen abgesenkt werden können.

Budget für jede Schule

Dass jeder Schule künftig ein zusätzliches Budget für die Hausaufgabenbetreuung zur Verfügung stehen soll, wird vom Philologenverband als erster Schritt in die richtige Richtung begrüßt, allerdings mit dem Hinweis, dass gerade auch in weniger attraktiven Randgebieten bei der Personalbeschaffung Steuerungs- und Unterstützungsmaßnahmen erforderlich seien.

Wie Dietmar Schöning erklärte, werden für die Organisation der Hausaufgabenhilfe zusätzlich 76 Lehrerdeputate zur Verfügung gestellt; außerdem bekommt jedes Gymnasium rund 4000 Euro, um die Betreuung der Schüler - zum Beispiel durch ältere Gymnasiasten -
zu ermöglichen. Insgesamt sind dies, so Schöning, 5,5 Millionen Euro.

Gegen eine sechsjährige Grundschule

Weitere Themen des Gesprächs waren die PhV-Forderung eines verpflichtenden Vorschuljahres und eine Zuordnung mit verpflichtender Grundschulempfehlung der Schüler in verschiedene Schularten, wobei die Klassen 5 und 6 bei der weiterführenden Schulart bleiben müssten. Es müsse aber am Ende der Klasse fünf noch ein Wechsel von der Haupt- zur Realschule und von dort auch noch (also noch vor dem Beginn der 2. Fremdsprache) zum Gymnasium möglich sein. Vorstellbar sei eine Orientierungsstufe in den Klassen 5 und 6, allerdings müssten die Klassenstufen bei der weiterführenden Schule bleiben. Im Übrigen müssten auf jeden Fall die zum Gymnasium wechselnden Kinder in den Klassen fünf und sechs von fremdsprachlich ausgebildeten Gymnasiallehrern unterrichtet werden. Die schulpolitische Sprecherin Dr. Birgit Arnold sprach sich klar gegen eine Verlängerung der Grundschulzeit aus. "Ich bin gegen eine sechsjährige Grundschule", so Birgit Arnold.

Gesprochen wurde im Rahmen des Gesprächs außerdem über Unterrichtsausfall, Krankheitsvertretungen, Lehrerbedarf und Lehrereinstellung. Nach wie vor besteht ein Mangel an Lehrern in Mathematik und in den naturwissenschaftlichen Fächern. Weitere Themen waren Sprachstandserhebung, Kindergartenpflicht und die geplante ärztliche Pflichtuntersuchung für alle Kinder im Vorschulbereich.

Hans-Eckhard Giebel

www.phv-bw.de