PhV nahm bei öffentlicher Anhörung der "GRÜNEN" Stellung zur 'Umsetzung von G 8'
G8-Folgen weder inhaltlich noch finanziell im Vorfeld konsequent durchdacht
Im Rahmen einer öffentlichen Anhörung der Grünen am 29. Mai 2008 zur Umsetzung des G8 im Landtag bezog der amtierende Landesvorsitzende Karl-Heinz Wurster mit einer Stellungnahme für den Philologenverband Baden-Württemberg Position. Nachfolgend die Stellungnahme im Wortlaut:
"Meine sehr verehrten Damen und Herren,
das G 8 wurde umgesetzt gegen die differenzierte Argumentation und gegen den ausdrücklichen Rat des PhV BW und anderer Lehrerorganisationen, und wir gehen davon aus, dass wir etwas von Bildung, speziell gymnasialer Bildung verstehen.
Die Probleme, die die Kürzung um ein Schuljahr an der Schulart Gymnasium mit sich bringt, waren im Jahre 2004 schon deutlich sichtbar; die Ergebnisse der Schulversuche - der Parallelführung von G 8 und G 9 - waren keine ausreichende Grundlage für die flächendeckende Einführung; im Übrigen gab es auch keine wissenschaftliche Begründung für die generelle Schulzeitverkürzung.
Auswirkungen der Schulzeitverkürzung
bewusst an den Rand gedrängt
Tatsache ist: 2004 wurde die Einführung des achtjährigen Bildungsganges für alle Gymnasien in Baden-Württemberg politisch durchgesetzt. Die Folgen dieser Entscheidung sind weder inhaltlich noch finanziell im Vorfeld konsequent durchdacht worden; im Gegenteil, die möglichen Auswirkungen der Schulzeitverkürzung auf den Schulalltag - wir haben wiederholt darauf hingewiesen - wurden in der politischen Argumentation bewusst an den Rand gedrängt.
Auch die Abstimmung mit den Schulträgern war, so behaupten wir, nicht ausreichend. Die Verlängerung des Unterrichts in die Nachmittage und die daraus folgenden finanziellen und organisatorischen Konsequenzen wurden vorher nicht kalkuliert; z.B. überließ das KM die Einrichtung von Mensen weitgehend örtlichen Initiativen.
Bildungspläne statt Lehrpläne, Output statt Input, die Reduktion auf das Exemplarische, das Methodische bzw. die Kompetenzen vor dem Inhaltlichen, dieser 'Paradigmenwechsel' sollte die Kürzung um ein Schuljahr vermittelbar machen.
Dies ist offensichtlich nicht gelungen; auch deshalb nicht, weil gleichzeitig die Übergangsquote auf die Gymnasien gestiegen ist und sich damit die Differenzierungsproblematik an dieser Schulart verschärft stellt.
Heterogenität erfordert mehr Übung und Vertiefung
Trotz mangelnder Vorbereitung von G 8 seitens des Landes und der Kommunen steckt das Gymnasium nicht in einer existenziellen Krise. Die Gymnasien vor Ort unternehmen alle Anstrengungen, um den achtjährigen Bildungsgang in den Griff zu bekommen.
Allerdings können wir die Gymnasien nicht allein lassen und müssen die Probleme gemeinsam lösen, die zweifellos mit der Einführung von G 8 auftreten. Sicherlich nicht dadurch, dass, wie der Ministerpräsident neulich meinte, weitere Inhalte herausgenommen oder ganze Fächer gestrichen werden, bzw. dass man die Zahl von 265 Unterrichtswochenstunden reduziert.
Das Gymnasium hat einen Bildungsauftrag. Er lautet, die allgemeine Studierfähigkeit der Schülerinnen und Schüler zu erreichen. Aus vielen Elementen bzw. Fächern entsteht im Zusammenwirken das, was wir Allgemeinbildung nennen. Das Gymnasium muss an seinem Kanon - ein Grundbestand an Kenntnissen und Fähigkeiten -
festhalten, und es muss Kompetenzen und Methoden mit Inhalten füllen. Ein gemeinsamer Fundus an Wissen ist die Grundlage für Kommunikations- und Studierfähigkeit. Auch wenn in vielen Fächern exemplarisch gearbeitet werden kann, wird es immer notwendig sein, mit den Schülerinnen und Schülern Entwicklungen und Zusammenhänge zu erarbeiten. Wegen der zunehmenden Heterogenität der gymnasialen Schülerschaft ist auch ein Mehr an Übung und Vertiefung erforderlich; insbesondere Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern können so besser mitgenommen werden.
Forderungen müssen erfüllt werden,
wenn G8 gelingen soll
Im Folgenden führe ich einige Forderungen auf, deren Erfüllung für den PhV BW die Voraussetzung darstellt, um das politisch durchgesetzte G 8 "gewissenhaft" umzusetzen:
Die nachfolgenden Forderungen richten sich an die Schulträger, wobei bei diesen Fragen auch das Land grundsätzlich in der Pflicht steht, da es diese und andere Reformen in die Welt gesetzt hat:
Finanzielle Konsequenzen
Natürlich haben diese Forderungen finanzielle Konsequenzen. Der PhV BW schätzt den Mehrbedarf an Lehrern auf 600 bis 1000; den Mehrbedarf für die infrastrukturellen Maßnahmen auf mindestens 400 Mio. €. Unter diesen Voraussetzungen kann die Umsetzung von G 8 gelingen.
Im Übrigen ist der PhV BW davon überzeugt, dass bei weiterhin steigender Übergangsquote eine Differenzierung bzw. Binnendifferenzierung am Gymnasium unausweichlich ist, und zwar nicht durch die Einführung weiterer "Elitezüge", sondern am besten durch die Parallelführung von G 8 und G 9. Vor allem für Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern wäre dies die richtige Lösung. Diese Lösung wird auch in anderen Bundesländern diskutiert und in Erwägung gezogen."