Philologenverband Baden-Württemberg (PhV BW) begrüßt Finanzspritze für G8 als "richtigen Schritt"
PhV-Forderung: Weitere Stellen und Gelder zur Senkung des Klassenteilers und für Maßnahmen zur Differenzierung
"Der Philologenverband begrüßt, dass die Landesregierung nun endlich die Initiative nach vorn ergreift und 5,5 Millionen Euro für 76 zusätzliche Lehrerstellen an den Gymnasien für die Organisation der Hausaufgabenbetreuung und 4000 Euro im Schnitt pro Schule für die Durchführung der Hausaufgabenbetreuung - zum Beispiel durch Oberstufenschüler -zur Verfügung stellt", so der Kommentar am 24. Juni 2008 des amtierenden PhV-Landesvorsitzenden Karl-Heinz Wurster zum jüngsten Vorstoß der Landesregierung, das G8 auf einen solideren Sockel zu stellen.
Wurster: "Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, dem weitere Schritte folgen sollten!" Ministerpräsident Günther H. Oettinger und Kultusminister Helmut Rau hatten am gleichen Tag die vom Ministerrat beschlossene "Qualitätsoffensive Gymnasium" vorgestellt, wonach Schüler entlastet werden sollen. Außerdem können nun alle Gymnasien Ganztagsschulen werden. In das Konzept zur Weiterentwicklung des G8 seien die Ergebnisse der Diskussionen mit Eltern, Schülern, Lehrkräften und Schulleitungen an Runden Tischen eingeflossen, hieß es in einer Presseverlautbarung des Staatsministeriums.
Bereits im Sommer 2007 hatte das Kultusministerium mit den ersten Gesprächsrunden begonnen. Problematisiert worden seien insbesondere "die unzureichende Koordination und der Umfang der Hausaufgaben". Mit den Verbesserungsmaßnahmen reagiere die Landesregierung auf die Wünsche, die Schüler - und damit auch die Eltern -
abends nach einem langen Schultag zu entlasten, betonten Oettinger und Rau.
Freiräume für Schulen sollen erhalten bleiben
"Wir entwickeln das Gymnasium weiter, ohne die organisatorischen und pädagogischen Freiräume der Schulen zu beschneiden, die wir ihnen mit der Bildungsplanreform 2004 gegeben haben. Die Erfahrungen seit Einführung des achtjährigen Gymnasiums zeigen, dass es richtig war, den Schulen neue Verantwortlichkeiten zu übertragen", erklärten Oettinger und Rau.
Stundenpläne der Kinder entlastet
Das Konzept "Qualitätsoffensive Gymnasium" setzt sich aus einer Reihe von Maßnahmen zusammen, wie den Einsatz von fünf der zehn zur Verfügung stehenden, nicht für Fachunterricht gebundenen Stunden (so genannte Poolstunden) zur fachspezifischen Förderung in geteilten Klassen, die Integration weiterer Übungs- und Vertiefungsphasen in das Schulcurriculum, klare Festlegungen zur inhaltlichen und zeitlichen Gestaltung bei der "Gleichwertigen Feststellung einer Schülerleistung" (GFS) und den Unterricht in Doppelstunden, erläuterte Rau und stellte fest: "Um den Bildungsplan zu erfüllen, reichen 260 Jahreswochenstunden Fachunterricht aus. Es ist nicht notwendig, dafür weitere Poolstunden einzusetzen. Wenn die Schulen diese frei verfügbaren Stunden stattdessen zur Förderung in geteilten Klassen verwenden, werden die Stundenpläne der Kinder wirkungsvoll entlastet." Damit nutze man die Spielräume, die die jüngsten Beschlüsse der Kulusministerkonferenz dem Land gegeben hätten: Belastungen, die mancher als Überforderung empfinde, würden spürbar verringert, "ohne dass die fachliche und pädagogische Qualität des Gymnasiums darunter leidet", erklärten Oettinger und Rau.
Oettinger und Rau kündigen "Konkrete Hilfe bei Umsetzung der Bildungsstandards" an
Bei den mit Lehrkräften, Eltern und Schülern durchgeführten Runden Tischen seien zumeist nicht die Anforderungen der neuen Bildungsstandards hinterfragt worden, sondern deren Umsetzung. Oettinger und Rau kündigten an, dass den Lehrkräften noch mehr Handreichungen, konkrete Unterrichtskonzepte und gelungene Umsetzungsbeispiele zur Verfügung gestellt würden. Zudem werde ein Schwerpunkt bei der Lehrerfortbildung gesetzt und die Ausbildung von Lehrkräften als Multiplikatoren weiter verstärkt.
Angesprochen wurde auch das Jahr 2012, in dem der letzte Jahrgang des neunjährigen Gymnasiums und der erste Jahrgang des achtjährigen Gymnasiums das Abitur ablegen. Beide Jahrgänge sollen bereits in den letzten beiden Schuljahren zusammengeführt werden und im Abitur gemeinsame Prüfungsaufgaben absolvieren. Rau machte deutlich, dass jetzt schon die Schnittmengen des verpflichtenden Kursstufen- bzw. Bildungsplans definiert würden. Derzeit werde die curriculare Grundlage der Abiturprüfung 2012 erarbeitet. Dies gebe den Gymnasien die Möglichkeit, sich sorgfältig und ohne Zeitdruck auf die gemeinsame Kursstufe und die Abiturprüfung 2012 vorzubereiten, sagte Kultusminister Rau.
Philologenverband fordert mehr Lehrerstellen und Senkung des Klassenteilers
Der Philologenverband Baden-Württemberg, der sich am bayrischen Beispiel orientiert, hätte sich gern einen noch größeren Schritt von der Landesregierung gewünscht: mehr Lehrerstellen zur Senkung des Klassenteilers und zur stärkeren Differenzierung in Form von Förderstunden. Denn nicht nur an den Hauptschulen sei mehr Förderung notwendig, sondern vielmehr aufgrund der hohen Übergangsquoten auch an den Gymnasien. Als äußere Differenzierungsmöglichkeit wurde vom PhV erneut die Parallelführung von G8- und G9-Zügen vorgeschlagen, wie dies in Hessen praktiziert werden soll.
Nicht nur Fünftklässler müssten beispielsweise im Fach Mathematik zunehmend stärker als bisher aufgrund der insgesamt heterogener gewordenen Schülerschaft auch an den Gymnasien gefördert werden. Dringend erforderlich sei eine Absenkung des Klassenteilers auf 30 Schüler. "Besser noch wäre es, wenn künftig in einer Klasse nicht mehr als 25 Schüler sitzen", so Wurster.
Die vom Kultusministerium angekündigte Fortbildungsoffensive zur Umsetzung der Bildungspläne sieht der PhV skeptisch. Wurster: "Gerade um Fortbildungen zu differenzierten Fördermaßnahmen in heterogenen Klassen anzubieten, müsste den unterbesetzten Regierungspräsidien mehr Personal zugewiesen werden." Der PhV wiederholt dabei seinen Vorschlag einer Fortbildung 'aus erster Hand', d.h. allen betroffenen Lehrkräften Fortbildungsmaßnahmen direkt anzubieten.
Der Philologenverband mahnt mit Bezug auf die geplante Ausweitung der Ganztagesangebote die dringend notwendige Einbeziehung der Schulträger an. "Hier hätten wir uns eine gemeinsame Erklärung nach dem Motto gewünscht 'so schaffen wir G8' ", erklärte Wurster.
Hausaufgabenbetreuung wird Pflicht
"Künftig sind alle Gymnasien verpflichtet, eine Hausaufgabenbetreuung, vorrangig in den Klassenstufen 5-7, anzubieten",teilt das Kultusministerium mit und verspricht, dass Schulen dabei auf die Unterstützung durch das Land zählen könnten: Durchschnittlich solle jede Schule fünf Lehrerstunden zur Organisation des Angebots undzur Qualifizierung der Hausaufgabenbetreuer sowie ein Budget zur Aufwandsentschädigung der Hausaufgabenbetreuer von 4000 Euro erhalten. Insgesamt wendet das Land für das G8-Programm zur Hausaufgabenbetreuung 5,3 Millionen Euro auf.
Nach Auffassung des Philologenverbands ist dies ein längst überfälliger Schritt in die richtige Richtung. Immerhin wolle das Land über fünf Millionen Euro zusätzlich für die G8-Gymnasien ausgeben und die Entrümpelungsdebatte beenden. Wenn man sich die Finanzspritze jedoch etwas genauer ansehe, dann entpuppe sich diese nur als 'Tropfen auf den heißen Stein?. "Die Finanzspritze ist sehr bescheiden ausgefallen", kommentiert der amtierende PhV-Landesvorsitzende Karl-Heinz Wurster dieZahlen. Er begründet seine Feststellung u.a. damit, dass auf der Basis der genannten Zahlen jedes einzelne Gymnasium der fast 400 Gymnasien nur etwa fünf Lehrerwochenstunden für die Hausaufgabenhilfe mehr erhalten würde;etwa 100 Euro pro Woche gebe es für die Bezahlung zusätzlich einzusetzenden externen Personals.
Wie Wurster weiter feststellt, würden es sich "Regierungskreise" etwas zu einfach machen, wenn sie behaupten, es gäbe Problemgymnasien und die Schulverwaltung habe die Schulen im Stich gelassen. "Jedes Gymnasium, jede Schulleitung und jedes Kollegium bemühen sich, G 8 so gut wie möglich umzusetzen", sagt Wurster und kritisiert, dass die Landesregierung seit Jahren Stellen in der Schulverwaltung abgebaut hat.
Es soll Stundenentlastung geben
Mindestens die Hälfte der zehn Poolstunden soll zur fachspezifischen Förderung in geteilten Klassen, insbesondere in der Unterstufe, eingesetzt werden. Um den Bildungsplan zu erfüllen, würden nach Auffassung des Kultusministeriums 260 Jahreswochenstunden Fachunterricht ausreichen. Es sei daher nicht notwendig, Poolstunden für den Fachunterricht zur Erfüllung des Bildungsplans anzusetzen. Kultusminister Rau stellte fest, dass die zur Förderung in geteilten Klassen verwendeten Poolstunden die Stundenpläne der Kinder entlasten würden, weil sie zu den Stunden für den Fachunterricht nach Kontingentstundentafel nicht zusätzlich dazukämen.
Stoffreduktion und 'best-practice'-Angebote
Kultusminister Rau wies außerdem darauf hin, dass gleichzeitig mit der Umstellung auf die "kompetenzorientierten Bildungspläne" die Stofffülle der alten Lehrpläne "deutlich reduziert" worden sei. Nicht alle Schulen und Lehrkräfte hätten ihren Unterricht aber dieser reduzierten Stofffülle angepasst. Die Runden Tische, die zwischen Februar und Mai systematisch Fach für Fach auf den Prüfstand gestellt hatten, hätten bestätigt, dass das Problem weniger in den Vorgaben der Bildungspläne liege als in deren Umsetzung. Es müsse deshalb in erster Linie darum gehen, die Umsetzung der Bildungsplanreform noch intensiver durch Unterstützungsmaterialien oder 'best-practice'-Angebote zu begleiten als das bisher der Fall gewesen sei.
Hinweise zum Nachmittagsunterricht
Für die Klassen 5 und 6 sei bereits eine Wochenstundenzahl von 32 (einschließlich Poolstunden) empfohlen worden, teilte das Kultusministerium mit und gab zu verstehen, es sei nicht zwingend, dass in diesen Jahrgangsstufen an mehr als einem Nachmittag verpflichtender Unterricht stattfinde. Und noch etwas: An Tagen mit verpflichtendem Nachmittagsunterricht dürfe es keine schriftlichen Hausaufgaben von diesem auf den nächsten Schultag geben. Diese Regelung wird von Kollegen zum Teil skeptisch gesehen. Wenn zum Beispiel nur noch Doppelstunden unterrichtet werden sollen, würden die Übungsphasen verringert.
Alle Gymnasien mit durchdachtem Konzept
und geeigneten Voraussetzungen können Ganztagsschulen werden
Alle Gymnasien, die ein "durchdachtes Konzept vorweisen können und über die entsprechenden räumlichen Voraussetzungen verfügen", würden als Ganztagsschulen genehmigt, teilt das Kultusministerium mit.Dies gelte unabhängig davon, ob es in zumutbarer Entfernung bereits ein Ganztagsgymnasium gebe oder nicht. Für jeden Zug im Ganztagsbetrieb erhalte ein Gymnasium zusätzlich sieben Lehrerwochenstunden.
GFS, Organisation von Unterricht und Klassenarbeiten
An die GFS (Gleichwertige Feststellung von Schülerleistungen) dürfen grundsätzlich keine höheren Anforderungen gestellt werden als an eine Klassenarbeit. Den Schulen wird empfohlen, schulinterne Festlegungen zur inhaltlichen und zeitlichen Gestaltung sowie zum Einsatz von Medien bei der GFS zu treffen. Wie es hierzu in einem Brief des Kultusministeriums an die Schulleiter heißt, wird empfohlen, den Unterricht vorwiegend in Doppelstunden zu organisieren.
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