Anonyme Lehrerbenotung im Internet:
Kehrtwende bei Spickmich?
Lehrerbenotungsportal ändert Konzept
Das Lehrerbenotungsportal www.spickmich.de steht seit seiner Gründung im Februar 2007 in der Kritik, weil es anonyme Lehrerbenotungen im Internet ermöglicht. Schüler konnten Lehrerinnen und Lehrer in den Kategorien sexy / cool und witzig / beliebt / motiviert / menschlich / gelassen / guter Unterricht / leichte Prüfungen / faire Noten Noten von 1 bis 6 geben. Ab der 4. Beurteilung wurden Durchschnittsnoten auf eine Dezimalkommastelle genau angezeigt. Die Betreiber der Seite stellten Spickmich in einem offenen Brief an die KMK als "als freie, demokratische Meinungsplattform mit hohem Fairnessanspruch" dar und präsentierten ihr Konzept als "transparente, objektive und demokratische Form des Feedbacks von Schülern für Lehrer".
Von Beginn an haben der Deutsche Philologenverband und der PhV BW dieses Konzept als Verletzung der Persönlichkeitsrechte und des Datenschutzes der Lehrkräfte scharf kritisiert: Schnell konnten vier Schüler (aber auch Schulfremde) rufschädigend schlechte Beurteilungen zusammenklicken und einzelne Kolleginnen und Kollegen im Internet öffentlich an den Pranger stellen. Und was ist an anonymer Benotung schon transparent? Was demokratisch, wenn es nur für Schüler gilt, nicht für Lehrer? Wie spiegelt sich der "hohe Fairnessanspruch" in der Kategorie "sexy" wieder?
"Sexy" ist nun "vorbildliches Auftreten"
Schon vor einiger Zeit haben die Spickmich-Betreiber deshalb begonnen, ihr Konzept zu überarbeiten: So wurde die Kategorie "sexy" umbenannt in "vorbildliches Auftreten", "leichte Prüfungen" heißt jetzt "faire Prüfungen" unddie Kategorie "gelassen" gibt es nicht mehr. Neu hinzu kamen dagegen "fachlich kompetent" und "gut vorbereitet". Bisher waren zwar alle Versuche, der anonymen Internetbenotung in Deutschland per Gericht einen Riegel vorzuschieben, vergeblich, aber die Umgestaltung der Kategorien zeigt doch, dass den Betreibern von Spickmich deren Fragwürdigkeit klargeworden ist.
Das Ziel kann für den PhV allerdings nicht sein, Spickmich in Richtung "sinnvoller" Benotungskategorien weiterzuentwickeln. Denn eins ist klar: anonyme Benotung im Internet ist kein konstruktives Feedback! Es geht beileibe nicht darum, Schülern eine Meinung über Lehrkräfte oder Kritik in der Schule zu verbieten. Ganz im Gegenteil: eine schulinterne Feedback-Kultur ist hilfreich und sollte zur Regel werden; aber sie gehört in die Schule und in die Lerngruppe - nicht ins Internet!
Missbrauch wird schwerer
Eine weitere Neuerung bei Spickmich zeigt, dass dessen Macher die leichte Manipulierbarkeit der Benotungen erkannt haben und den Missbrauch erschweren wollen. Es reichen jetzt nicht mehr vier Schülerbenotungen für die Anzeige von individuellen Durchschnittsnoten: Eine Lehrkraft muss nun mindestens von zehn Schülern bewertet worden sein. Außerdem konnte man früher, wenn man auf Spickmich registriert war, die "Noten" aller Lehrer aller deutschen Schulen einsehen - soweit welche vorhanden waren. Auch das geht jetzt nicht mehr: wer sich als Schüler einer bestimmten Schule bei Spickmich registriert hat, sieht nur noch die Noten der Lehrer der eigenen Schule. Wer sich als "Eltern" registriert, sieht überhaupt keine Lehrernoten, sondern nur die Bewertung der Schule insgesamt, und zwar auf dem Spickmich-Ableger www.schulradar.de, auf den man weiter verwiesen wird.
Kommerzialisierung statt Feedback-Kultur
Das eigentliche Anliegen der Spickmich-Betreiber wird übrigens immer offensichtlicher: es geht ums Geldverdienen. Spickmich ist schon seit Mai 2007 eine GmbH mit Sitz in Köln, seit Januar 2008 verdient das Portal Geld durch Werbeeinblendungen und wer bei Spickmich registriert ist, erhält unaufgefordert Werbemails.
Nun ist Gewinnstreben an sich nichts Verwerfliches. Doch wenn eine Geschäftsidee auf der Verletzung von Persönlichkeitsrechten und Datenschutz aufbaut, dann muss sie unterbunden werden! Das veränderte Spickmich-Konzept zeigt, dass die öffentliche Kritik - auch und vor allem von Seiten des Philologenverbands - erste Wirkungen gezeigt hat. Es bleibt zu hoffen, dass eine baldige höchstrichterliche Entscheidung der anonymen Lehrerbenotung im Internet ein definitves Ende bereitet.
Cord Santelmann
Philologenverband BW
Berufspolitisches Referat
Weiterführende Informationen:
Offener Brief der Spickmichbetreiber:
http://www.presseportal.de/pm/66898/1001563/spickmich_gmbh?pre=1
GBW 7-8/2007 "Spickmich - Mobbing oder Meinungsfreiheit"
http://www.phv-bw.de/Veroeffentlichung/Publikationen/GBW_2007_07/09.html,
PhV-Teilnahme an der Podiumsdiskussion auf der didacta 2008
http://www.phv-bw.de/Veroeffentlichung/Publikationen/GBW_2008_03/05-Didacta-Forum-Lehrerbenotung.html
PhV-Pressemitteilung vom 28.11.2007 zur Spickmich-Rechtsprechung
http://www.phv-bw.de/Veroeffentlichung/Pressemitteilungen/2007/pm_43-07.html
PhV BW-Thesenpapier zur anonymen Lehrerbenotung von Februar 2008
http://www.phv-bw.de/Standpunkte/Berufspolitik/Lehrerbenotung-im-Internet.html
PhV-Pressemitteilung zum Pariser Lehrerbenotungsurteil
http://www.phv-bw.de/Veroeffentlichung/Pressemitteilungen/2008/pm_11-08.html