Gesamtschule gescheitert - Bildungschancen sind dort nicht besser
Ein Blick über die Landesgrenzen
Wenn eine preisgekrönte französische Erfolgsautorin mit Migrationshintergrund wie Brigitte Smadja ein Buch über die Benachteiligungen schreibt, die das französische Gesamtschulsystem hervorgebracht hat, sollte das aufhorchen lassen. Sie richtet in ihrem Buch "Il faut sauver Sa?d" einen flammenden Appell an Politiker, Eltern und Lehrer, die Grundsätze von "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" im französischen Schulsystem wieder einkehren zu lassen. Für sie selbst, die erst mit 8 Jahren aus Tunesien einwanderte, war es über das Gymnasium noch möglich, sich kraft eigener Anstrengung aus einem benachteiligten Milieu hochzuarbeiten. Für die Kinder am heutigen "collège uni" (integrierte Gesamtschule) ist dies nicht mehr möglich, und das, obwohl eines der zentralen Anliegen der Einführung der Gesamtschule der Wunsch nach mehr Chancengleichheit für alle war. Brigitte Smadja arbeitete lange als Lehrerin in Frankreich und kennt die "stetig wachsenden Belastungen und Aufgabenfelder der Lehrkräfte", und auch ein Vierteljahrhundert nach Beendigung ihrer Lehrertätigkeit kann sie die Kinder nicht vergessen, die etwas lernen wollten, aber durch die besondere Problematik der Gesamtschule am Lernen gehindert wurden. Ihr Buch widmet sie den Kindern, die "Lust haben zu lernen und dieses nicht können".
Von besseren Bildungschancen für benachteiligte Gruppen
kann gerade im Gesamtschulsystem nicht die Rede sein
Wer sich ausführlich mit der Schulstrukturdebatte befasst, weiß schon lange, dass die Diskussion über Gerechtigkeit im Bildungssektor, wie sie hierzulande geführt wird, lediglich an der Oberfläche kratzt, inhaltlich aber extrem veraltet ist, da die Gesamtschulsysteme von mit Deutschland vergleichbaren Ländern wie Großbritannien, Frankreich und den USA schon lange den Beweis erbracht haben, dass es nicht genügt, lediglich die Schulstruktur zu ändern, um mehr Chancengleichheit zu erreichen. Wer französische, englische und amerikanische Zeitungen liest, weiß schon lange, dass der Tenor dort lautet, dass von besseren Bildungschancen für benachteiligte Gruppen gerade im Gesamtschulsystem nicht die Rede sein kann. Gerade den Gruppen, die man hierzulande so gerne ins Feld führt, kann durch die Gesamtschule nicht geholfen werden. Und das, obwohl in französischen Schulen zusätzlich zu den Lehrkräften pädagogisches und medizinisches Personal und Fachkräfte im Bereich der Schulküche die pädagogische Arbeit an den Schulen unterstützen. Eine hauptamtlich tätige Krankenpflegekraft mit einem Krankenzimmer und der entsprechenden Einrichtung gehört in französischen Schulen dazu. In Deutschland machen sich die wenigsten Gedanken darüber, wer das Schulmittagessen zubereitet oder was mit Schülern passiert, die während des Unterrichts erkranken und deren Eltern nicht unmittelbar erreichbar sind.
Trotz Lehrerassistenten, Personal in der Schulküche und medizinischem Personal und erheblichen Mehrausgaben im Bildungssektor als in Deutschland üblich, lesen wir seit längerem in französischen Zeitungen vom "Scheitern der Gesamtschule". Die Sprecher von Lehrergewerkschaften räumen ein: "Die Gesamtschule funktioniert nicht wirklich. Darüber sind sich alle einig." Als Maßnahmen zu einer Verbesserung der Situation schlagen sie die Reduzierung der Klassenstärke und die Arbeit mit kleinen Schülergruppen vor.
Situation in Frankreich
In Frankreich gehört die Vorschule zum staatlichen Bildungsbereich. In der Grundschule wird fünf Jahre gemeinsam gelernt. Bereits nach dieser langen Phase "gemeinsamen Lernens" gelten am Ende der Grundschule 15 Prozent der Schüler/-innen als "schulisch gescheitert". Ihnen muss man noch 25 Prozent "gefährdeter" Schüler hinzufügen. Im Klartext ist das erschreckende Fazit, dass die französische Vorschule und Grundschule so gut wie jeden 3. Grundschüler nicht erreicht! Dieser großen Zahl von Schülern/innen mit Lernproblemen kann die französische Gesamtschule nicht helfen. Die Absolventen des sog. "lycée professionel" ("berufliches Gymnasium") haben auf dem Arbeitsmarkt kaum Chancen, da jeder Arbeitgeber weiß, dass es sich hierbei um die "Restschule" für akademisch wenig begabte Schüler handelt, auch wenn es dem Namen nach "Gymnasium" heißt.
Englische und amerikanische Zeitungen vermelden dasselbe. Vor allem Jungen aus dem Arbeitermilieu haben kaum Chancen auf eine qualifizierte Ausbildung, obwohl in diesen Ländern die öffentlichen Schulen fast ausschließlich Gesamtschulen sind! Die Problematik ist dieselbe! In der Terminologie der Gesamtschulverfechter hieße dies: Die Gesamtschule "produziert" Verlierer!
Man überlegt sich in Frankreich nun, wie es weitergehen soll. Es wurde bereits über größere Differenzierung im Schulsystem nachgedacht, aber angesichts finanzieller Probleme stehen auch Sparmaßnahmen zur Debatte.
"Schule für alle" gescheitert
Eine Maßnahme, die inzwischen ergriffen wurde, zeigt aber in aller Deutlichkeit, dass die "Schule für alle" definitiv gescheitert ist. Die wohnortgebundene Schulplatzvergabe soll zum Schuljahr 2008/09 abgeschafft werden! Trotz der bisher existierenden Zuweisung eines Schulplatzes je nach Wohnort sind noch nie alle Schüler/innen an dem der für sie zuständigen Schulort zur Schule gegangen. Die "Schule für alle" war de facto immer ein Wunschtraum und wird dies auch immer sein! Eltern, denen das Wohl ihrer Kinder am Herzen liegt, werden sich immer viel einfallen lassen, um ihre Kinder nicht ungelösten gesamtgesellschaftlichen sozialen Problemen in der Schule auszusetzen. Es ist schon lange bekannt, dass in Paris ca. 40 Prozent der Eltern den Wohnort ihrer Kinder manipulieren, damit diese nicht in Problembezirken zur Schule gehen müssen! Die Möglichkeiten sind vielfältig: Melden des Kindes bei Verwandten oder Bekannten, Anmieten eines Zimmers oder auch ein Umzug im Interesse der Kinder, ganz zu schweigen von den finanziellen Möglichkeiten bestimmter Gruppierungen, die ihre Kinder lieber auf Privatschulen schicken! Die "Schule für alle", in der sich alle sozialen und persönlichen Probleme in Luft auflösen, ist Wunschdenken!
Steigende Schülerzahlen an Privatschulen
Und gerade die Länder mit Gesamtschulsystem haben ein ausgeprägtes Privatschulsystem, in dem die finanziell besser gestellten Gruppen unter sich bleiben! Nach fast einem halben Jahrhundert Gesamtschulsystem in Großbritannien bleibt dieses Land eine Klassengesellschaft. Absolventen von Gesamtschulen haben wenig Chancen auf Aufnahme an den Eliteuniversitäten, an zweiter Stelle werden dort die Absolventen der wenigen verbliebenen Gymnasien aufgenommen. Die Mehrzahl der Studenten in Oxford und Cambridge kommt noch immer von einer Privatschule!
Auch in Deutschland nimmt die Zahl der Schüler privater Schulen zu. Laut Focus ist eine Gruppe von Privatschul-Investoren bereits dabei, eine Art "Kette" von 50 Privatschulen in 50 Städten aufzubauen und verspricht sich nach wenigen Jahren Vorleistung dank stattlicher staatlicher Zuschüsse satte Gewinne... Das mediale "Schlechtreden" des deutschen Bildungssystems kommt solchen Anbietern von "Bezahlschulen" sehr entgegen... Auch die materiellen Interessen zahlreicher Anbieter von Bildungs- und Therapieeinrichtungen tragen ihren Anteil in diesem Prozess bei und haben dabei vor allem finanzielle Interessen im Blick... Vor diesem Hintergrund der materiellen Interessen ist es auch nicht verwunderlich, dass über eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen in den Medien wenig berichtet und diskutiert wurde. Ihr Titel lautet: Die PISA-Verlierer - Opfer ihres Medienkonsums.
Aktueller Lesetipp zu Unterlaufungsstrategien bereits vor Umsetzung der "Gemeinschaftsschule" in Hamburg: Der Spiegel 24/2008, "Droht das totale Chaos".
Silvana Stärr, Kirchberg