Editorial
Verehrte Leserin,
verehrter Leser,
es ist zu hoffen und zu wünschen, dass Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen an den Gymnasien des Landes, gut erholt aus der unterrichtsfreien Zeit der Sommerferien an Ihren Arbeitsplatz Schule zurückgekehrt sind. - Die Diskussionen rund um Schule und Bildung boten auch in den letzten Wochen wieder eine stattliche Palette an Vorschlägen und Forderungen, aber auch Neuerungen, die für Diskussions- und Zündstoff in den Medien sorgten.
Da forderte Justizminister und Vizeregierungschef Ulrich Goll (FDP) nur noch Grundschulempfehlungen für die Werkrealschule, Realschule und das Gymnasium. Er plädierte für die Abschaffung dieser Empfehlung für die Hauptschule und traf damit sogar auf offene Ohren des Kultusministers, der meinte, dass man im Rahmen der Umsetzung der "Qualitätsoffensive Bildung" diesen Vorschlag "konstruktiv miteinander erörtern" könne. Der PhV lehnt diese Forderung zwar ab, ist aber davon überzeugt, dass sich das Übergangsverfahren auf der Basis objektiver Beurteilungsverfahren sicher noch verfeinern lässt. Die vor der Sommerpause sowohl in den eigenen FDP-Reihen als auch beim Philologenverband auf heftigen Widerstand stoßende Forderung von FDP-Fraktionschef Ulrich Noll, Schüler statt vier künftig sechs Jahre gemeinsam lernen zu lassen, ist vom Tisch. Noll nahm - auch auf Drängen seiner schulpolitischen Sprecherin Dr. Birgit Arnold (MdL) - in einer Klausurtagung diese Forderung wieder zurück. Am 16. September 2008 berichten die Stuttgarter Nachrichten, Noll werde "in dieser Legislaturperiode keine sechsjährige Grundschule verlangen". Die FDP-Fraktion im Landtag will auch an der Hauptschule festhalten, so FDP-Fraktionsvize Michael Theurer gegenüber den Stuttgarter Nachrichten.
Mit der Präsentation der in finanzpolitischer Hinsicht bislang einmaligen 528 Millionen schweren "Qualitätsoffensive Bildung" wagte Ministerpräsident Günther Oettinger nach Auffassung des Philologenverbandes einen längst überfälligen offensiven Schritt in die richtige Richtung. Bis zum Jahr 2011/12 soll der Klassenteiler auf 30 und in der folgenden Legislaturperiode schrittweise auf 28 abgesenkt werden. Das sind zwar erfreuliche Aussichten, die aber den Ist-Zustand an den Gymnasien mit seinen nach wie vor zu großen Klassen, mit den noch nicht abgebauten Bugwellen-Stunden, mit seinen vielerorts zu kleinen Lehrerzimmern und einer viel zu kleinen Lehrerreserve für Krankheits- und Mutterschutzvertretungen für das gerade gestartete Schuljahr noch nicht entscheidend verbessern. Sie lassen lediglich hoffen. Auf heftigen Protest stießen beim PhV die jüngst von Finanzminister Willi Stächele (CDU) gemachten Forderungen, Arbeitszeitkonten für Lehrer einzuführen.
In einem Brief an Kultusminister Helmut Rau fordert PhV-Landesvorsitzender Bernd Saur folgerichtig u.a. als Sofortmaßnahme, die an den Schulen einen Motivationsschub bewirken würde, die Abschaffung der 25. Stunde ab 2012. Zusätzlich sollte der Klassenteiler sofort gesenkt werden.
Sollen Ganztagsschul- und Hausaufgabenbetreuung, aber auch die in diesem Schuljahr an ausgewählten Schulen beginnende Fremdevaluation sowie all die mit dem Bildungsplan 2004 verbundenen Maßnahmen und über den reinen Unterricht hinausgehenden Aufgaben fachlich und pädagogisch gut umgesetzt werden, müssten sofort viel mehr Lehrer eingestellt werden. Doch woher nehmen, wenn nicht stehlen? Mit wenig beachteten Anzeigenkampagnen ist es nicht getan, zumal andere Bundesländer mit attraktiveren Gehältern und besseren Arbeitsbedingungen locken und mit der Lehreinstellung früher beginnen. Hier muss sich die Landesregierung bewegen und etwas einfallen lassen, um gerade auch qualifizierte Lehrkräfte in den Naturwissenschaften für die Gymnasien zu gewinnen. Zu fragen ist: Warum kann das Land Baden-Württemberg den Lehrernachwuchs nicht schon zum 1. August fest vertraglich mit attraktivem Gehalt binden, warum wartet man bis September?
Zu fragen ist auch: Welchen Wert haben Studien und Statistiken, was lässt sich daraus ableiten, wenn Länder mit unterschiedlichen Bildungssystemen und Bildungsabschlüssen, mit unterschiedlicher Zahl an Unterrichtsstunden in den Fächern, mit und ohne unterstützende Assistenten und mit unterschiedlichem Deputat miteinander verglichen werden?
Interessant ist da eine Studie des Bildungsökonomen Bernd Süßmuth von der TU München. Sie kam zu dem Ergebnis, dass sich bereits aus dem Ausfall einer Mathematikstunde von 60 Minuten pro Woche in einem Bundesland eine Verschlechterung um drei Ränge innerhalb der Pisa-Konkurrenten der verschiedenen Bundesländer ergibt.
Immerhin: Ganz so schlecht, wie oft dargestellt, ist das Bildungssystem in Baden-Württemberg mit Sicherheit nicht. Die jüngste Bildungsstudie der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft im Auftrag des Instituts der Deutschen Wirtschaft stellte im Bildungsreport 2007 fest: Die besten Bildungsvoraussetzungen bietet Sachsen, gefolgt von Baden-Württemberg, Thüringen und Bayern. Da müssen sich die Befürworter von Einheitsschulsystemen im Land fragen lassen: Warum sollte man ein bewährtes gegliedertes Schulsystem gegen ein sehr fragliches Einheitsschulsystem tauschen und Schüler aller Schularten gemeinsam bis zur zehnten Klasse lernen lassen, wenn sie in einem differenzierten Schulsystem individueller und wesentlich besser nach Eignung, Leistungsvermögen und Begabung gefördert werden können?
Der Philologenverband fordert die Stärkung des gegliederten Schulsystems, frühe sprachliche Integration, gemeinsames längeres Lernen im Vorschul- und Primarbereich und ein Arbeitsumfeld, das diese Forderung durch schulartspezifische Förderung am besten erfüllt.
Mit freundlichen und kollegialen Grüßen
Hans-Eckhard Giebel
Redaktion 'Gymnasium Baden-Württemberg'
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