Individuelles Lernen als Thema von Anhörungen
der Grünen und der SPD im Landtag
Am 20. Juni 2008 luden "Die Grünen" in die Lobby des Landtags ein. Über 400 Interessierte aus Schulen, Seminaren, Hochschulen und Verbänden, Eltern und Schüler folgten dem Ruf.
Fraktionsvorsitzender Winfried Kretschmann gab gleich anfangs zu bedenken, dass das soziale Gesicht einer Gesellschaft von gerechten Bildungschancen abhänge. Die Grünen würden integrative Schulformen als Mittel zum Zweck sehen; bis diese verwirklicht seien, könnte und sollte individuelles Lernen in allen Schulformen Besserung bringen. Renate Rastätter, die bildungspolitische Sprecherin der Grünen, legte nach und behauptete, dass heterogene Lerngruppen mehr und besser lernten. Begabungsgerechte Differenzierung stoße aber heute schnell an Systemgrenzen, daher sollten Schulleiter das Recht bekommen, integrative Modelle zu entwickeln.
Die erste Referentin, Frau Prof. Elsbeth Stern von der ETH Zürich, räumte mit einigen zur Gewohnheit gewordenen Überzeugungen auf. So mochte sie nicht zwischen abstraktem und konkretem Lernen unterscheiden. Alle Schüler würden gleich lernen und bräuchten beides, sie würden sich allerdings bezüglich der Geschwindigkeit des Lernens unterscheiden. Intelligenztests hätten zudem gezeigt, dass 68 Prozent der Kinder sich in ihren Merkmalen ziemlich ähnlich seien - und es von daher keine Rechtfertigung einer Aufteilung gäbe, so wie sie bei uns praktiziert werde. Ab dem zehnten Lebensjahr stabilisiere sich der IQ, eine Aufteilung vor diesem Alter verbiete sich daher von selbst.
Guter Unterricht habe übrigens zwar schülerzentriert, aber dennoch lehrergesteuert zu sein und zeichne sich durch Methodenvielfalt aus. Und so unterschiedlich die Schüler auch seien: Ein Mehr an Fleiß könne ein Weniger an Begabung ausgleichen. Üben und mehr Zeit zu haben waren ihre Wünsche für den Unterricht.
Norman Green, ehemaliger Direktor des Georgian College in Ontario, brach eine Lanze für das kooperative Lernen. Grundsätzlich sollten die Schüler arbeiten und die Lehrer sie begleiten - und nicht der Lehrer arbeiten und die Schüler konsumieren. Wissensvermittlung bei gleichzeitiger Stärkung der Sozialkompetenz und Teamentwicklung standen im Mittelpunkt seiner auf Englisch gehaltenen Ausführungen. Und um seinen Gedanken Nachdruck zu verleihen, munterte er zusammen mit seiner Frau Kathy die Anwesenden gleich zu einigen partnerschaftlich ausgerichteten Aktivitäten auf. Kriterien für den Vergleich von Schulen seien, inwieweit sich die Schulen um die Lern- und Lebenschancen ihrer Kinder kümmern würden, Merkmale wie Innovation und Weiterentwicklung, die Leistungsfähigkeit der Lehrkräfte und die Kooperation.
Eine Schule, die vielen dieser Kriterien gerecht wird, stellte Peter Fratton, Schulleiter aus Romanshorn in der Schweiz vor. Seine Schule heißt "Haus des Lernens", die Lehrer sind zu Lernbegleitern geworden. In einer sehr ansprechenden und kurzweiligen Art sprach er von Dingen, die bisweilen wie aus einer anderen Welt klangen. Bei den Reformen an seiner Schule habe er zunächst einmal daran gedacht, wie es ihm als Lehrer gut gehen könnte - und er kam zu dem Schluss, dass er Zeit haben müsse, um sich zu sammeln und zu sich zu kommen. So unterrichte er eine Einheit (45 Minuten) und sei froh, danach die Schüler bei ihrer Eigenarbeit begleiten zu können - und nicht der nächsten Gruppe wieder Input vermitteln zu müssen. Kopien und Korrekturen übernähmen bei ihm Assistenten, dafür sei er allerdings von 8.00 bis 17.30 Uhr an der Schule und für seine Schüler da, ein Lehrerzimmer gebe es bei ihm gar nicht mehr. Abends habe er allerdings auch wirklich frei und könne abschalten. Mit vier verblüffenden "pädagogischen Urbitten" startete er seinen Vortrag - mit vier Ergänzungen am Schluss beendete er seine Thesen:
Bringe mir nichts bei - lass mich teilhaben.
Erkläre mir nichts - gib mir Zeit zu erfahren.
Erziehe mich nicht - begleite mich.
Motiviere mich nicht - aber dich!
Die Veranstaltung der SPD am darauf folgenden Samstag, die nicht in der lichtdurchfluteten Lobby, sondern im fensterlosen Sitzungssaal des Landtags stattfand, war nur halb so gut besucht.
Der Fraktionsvorsitzende der SPD, Claus Schmiedel, gab bekannt, dass die SPD im individuellen Fördern den Schlüssel sehe, den "verhängnisvollen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg" aufzubrechen. Auch er betonte, dass man mit einer solchen Förderung nicht warten solle, bis sich die Schulstrukturen verändert haben. Gleichwohl sei das Ziel der SPD, so Norbert Zeller, Vorsitzender des Schulausschusses im Landtag, alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam bis zum zehnten Schuljahr zu unterrichten.
Den Vormittag bestritt Prof.Dr. Krawitz vom Institut für Pädagogik an der Universität Koblenz-Landau. Auch er plädierte für einen Paradigmenwechsel in Richtung einer individuellen Pädagogik. Dabei mutete er seinen Zuhören einen überladenen Parforceritt mittels eines Power-Point -Vortrags zu. Da nützte es auch nichts, dass Krawitz selbst darauf hinwies, seine Vortragsweise entspreche nicht dem, was er inhaltlich fordere: Und das waren zum Teil die schon bekannten Forderungen, die einer schwarzen Pädagogik, die Wissen nach "Nürnberger-Trichter" Art in den Schüler stopfe, gegenübergestellt wurden, als da zum Beispiel wären: didaktische Differenzierung und Individualisierung des Unterrichts, selbstständiges und selbstgesteuertes, interessengeleitetes Lernen, aktives Forschen, Laborlernen, Dialog, Interaktion, Prozessorientierung und eben auch wieder Lernbegleitung durch Kooperation.
Nach der Mittagspause stellten vier Bildungseinrichtungen vor, wie das Konzept der individuellen Förderung bei ihnen in die Praxis umgesetzt wird: die Kindertageseinrichtung Kolpingstraße und die Grund- und Hauptschule Fasanenhof aus Stuttgart, der katholische Kindergarten St. Martin aus Sindelfingen-Maichingen und die Bodenseeschule aus Friedrichshafen. Letztere ist eine freie katholische Grund-, Haupt- und Werkrealschule in Ganztagesform. Ihr Schulleiter Gerhard Schöll zeigte, wie ein Tagesablauf in seiner Schule aussieht - und dass die intensive Begleitung unter anderem dadurch möglich ist, dass idealerweise zwei oder drei Lehrkräfte den ganzen Unterricht in einer "Klassenfamilie" bestreiten. Auch machte er noch einmal deutlich, dass Ganztagesschule nicht heißen kann, die übliche Vormittagsschule auf den Nachmittag auszudehnen.
Klaus Nowotzin