Philologenverband Baden-Württemberg:
"Wir brauchen keine Arbeitszeitkonten, sondern endlich vernünftige Arbeitsbedingungen an den Schulen!"
Heftiger PhV-Protest gegen bildungspolitische Vorschläge von Finanzminister Willi Stächele (CDU)
"Kaum sind die Worte des Ministerpräsidenten in seiner Regierungserklärung zu Ferienbeginn verklungen, dass Baden-Württemberg mit seinen Bildungsausgaben an der Spitze steht und mit der 'Qualitätsoffensive Bildung' über 500 Millionen Euro in die schulische Bildung gesteckt werden sollen, da meint sein Finanzminister Willi Stächele (CDU), über Arbeitszeitkonten der Lehrer wieder Geld aus den Taschen der Lehrer zurückholen zu können; das ist ein schlechter Kuhhandel", so die empörte Reaktion des PhV-Landesvorsitzenden Bernd Saur am 12. September 2008 auf die jüngsten Forderungen des Finanzministers, Arbeitszeitkonten für Lehrer einzuführen. "Der Finanzminister wäre gut beraten, im 'Kinder- und Bildungsland Baden-Württemberg' seinem Kultusminister nicht in den Rücken zu fallen und ihm die Bildungspolitik zu überlassen."
In einer dpa-Meldung vom 12. September hieß es wörtlich: "Finanzminister Willi Stächele (CDU) will die Leistung der Lehrer im Südwesten genauer unter die Lupe nehmen. Angesichts der millionenschweren Bildungsoffensive des Landes müsse die Arbeitszeit der Pädagogen besser genutzt werden?Wir müssen uns darüber unterhalten, bei der Dienstrechtsreform Jahreszeitkonten einzuführen. Dabei muss je nach Schulfach geklärt werden, wie viel Zeit ein Lehrer tatsächlich zur Vorbereitung braucht." Baden-Württembergs Finanzminister Stächele bekannte sich zwar zum "Vorrang der Ausgaben für die Bildung", hob aber hervor, "dort, wo viel Geld eingesetzt wird, müssen wir dafür sorgen, dass die wertvollen Steuergelder optimal eingesetzt werden." Stächele plädierte auch dafür, die Pädagogischen Tage nicht länger zur Unterrichtszeit zu zählen. Außerdem brauche es in dieser Zeit auch keine Lehrerausflüge, und es müsse eine klare und fächerbezogene Vereinbarung geben, wie die Vorbereitungszeiten der Lehrer zu bewerten seien.
Arbeitszeitkonten: Unvertretbarer Verwaltungsaufwand
"Wir haben als einzige Lehrergruppe in den letzten Jahren zweimal eine Erhöhung unserer Unterrichtsverpflichtung erhalten, den 55- bis 57-jährigen Kolleginnen und Kollegen wird jetzt die Altersermäßigung gestrichen, und wir schieben eine steigende Bugwelle von über 500 Deputaten vor uns her", sagte Saur und erinnerte in diesem Zusammenhang an die Ergebnisse einer im Jahr 2003 eingesetzten Arbeitszeitgruppe "Arbeitszeit der Lehrerinnen und Lehrer", die zu dem Ergebnis kam, dass Arbeitszeitkonten mit einem unvertretbar hohen Verwaltungsaufwand verbunden seien.
Wochenarbeitszeit von über 50 Stunden!
Berechnungen des Philologenverbandes haben ergeben, dass ein volles Stundendeputat der Lehrkräfte an Gymnasien mit Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, mit Korrekturzeiten, Konferenzen, Teamabstimmungen und Lehrplanarbeit und vielen weiteren außerunterrichtlichen Tätigkeiten im Durchschnitt einer Wochenarbeitszeit von über 50 Zeitstunden entspricht. Arbeitszeitkonten könnten für den Finanzminister also sehr teuer werden! "Dieser Schuss könnte nach hinten losgehen", so Saur.
Seit Jahren wird den Lehrern an Gymnasien durch immer neue Reformen, neue Unterrichtsmethoden und Belastung mit unterrichtsfernen Aufgaben mehr Arbeit aufgebürdet, ohne im Gegenzug die Rahmenbedingungen mit kleineren Klassen und gut ausgestatteten Arbeitsplätzen zu schaffen. Saur: "Das ist für uns nicht mehr hinnehmbar, gefährdet die Gesundheit der engagierten Lehrkräfte und bleibt nicht ohne Folgen für die Qualität des Unterrichts."
Arbeitsbedingungen haben sich zunehmend verschlechtert
Die Arbeitsbedingungen haben sich insbesondere an den Gymnasien in den letzten Jahren zunehmend verschlechtert, und zwar durch unverändert große Klassen mit zum Teil mehr als 33 Schülern, durch eine Schülerschaft, die hinsichtlich ihrer Belastbarkeit und ihres Leistungsvermögens sich stärker als früher unterscheidet und differenziert gefördert werden muss, aber auch durch die Zunahme außerunterrichtlicher Tätigkeiten und Verpflichtungen.
"Wir brauchen keine Arbeitszeitkonten, die den Spaltpilz in die Kollegien treiben würden, sondern gute Arbeitsbedingungen, die uns in den schwieriger gewordenen pädagogischen Aufgaben unterstützen, die für Motivation und ein positives Arbeitsklima an den Schulen sorgen und junge Menschen für einen attraktiven Lehrerberuf begeistern; wer Referendarinnen und Referendare im Land halten will, was ja angesichts der Unterrichtsversorgung dringend geboten ist, der ist schlecht beraten, zugesagte Verbesserungen nur wenige Wochen später zu konterkarieren. Politisches Fingerspitzengefühl sieht anders aus", so Bernd Saur.
"Ja" zu mehr und professioneller Fortbildung,
"nein" zu verordneter Zwangsfortbildung in den Ferien
Bereits am 18. Juli hatte Stächele für Wirbel gesorgt. Schon damals hatte Baden-Württembergs Finanzchef gemeint, man könnte Pädagogische Tage und Fortbildungen in die unterrichtsfreie Zeit verlegen. Der PhV konterte damals mit dem Hinweis, dass Lehrer schon immer die Ferien genutzt hätten, um sich fortzubilden, Unterrichtsmaterialien neu zusammenzustellen, Arbeitskonzepte zu entwickeln, sich mit Kolleginnen und Kollegen abzusprechen und insbesondere in den Sommerferien den Unterricht für die unterschiedlichen Klassenstufen zu planen und vorzubereiten. Das gelte ganz wesentlich auch für die kleineren Ferienabschnitte, die zu großen Teilen zusätzlich mit Korrekturen gefüllt seien. Ein Großteil der Fortbildungen laufe ohnehin an unterrichtsfreien Nachmittagen.
Wichtig ist angesichts der vielen Reformen, dass jetzt die Qualität der Fortbildungsangebote verbessert und dass in beste Fortbildung aus erster Hand investiert wird. Fortbildungsangebote müssen das ganze Jahr über laufen, damit jede Lehrerin, jeder Lehrer davon profitiert, und zwar aus professioneller erster Hand. Hier sind Kultusministerium und Landesinstitut für Schulentwicklung in enger Zusammenarbeit mit Schulpraktikern und auch die Hochschulen gefordert. Beklagt wird vom Philolologenverband, dass die Mittel für Fortbildungen jährlich zurückgefahren wurden. Saur: "Beispielsweise haben Lehrer für Fortbildungen im fremdsprachlichen Bereich die Kosten für Sprachreisen mit Fortbildungscharakter immer schon selbst finanziert." Seit Jahren würden Eltern und Schüler in die Planung und Durchführung Pädagogischer Tage mit einbezogen, was in den Ferien nicht möglich wäre.
Erheblicher Verbesserungsbedarf besteht nach Auffassung des Verbandes im Bereich der regionalen Fortbildung und der so genannten Sprengelfortbildung. Im Übrigen sind nicht nur für Fortbildner, sondern für a l l e Lehrkäfte Fortbildungsangebote an Akademien und Universitäten zu schaffen. Verkehrt sei es, wenn Lehrkräfte auf Fortbildungen verzichten müssten, weil Unterrichtsausfälle befürchtet würden.
Da jetzt mehr Gelder zur Verfügung stünden, wobei der Einstieg in die Senkung des Klassenteilers ja erst ab übernächstem Schuljahr erfolgen wird, werde es auch seitens der Schulen möglich sein, Unterrichtsausfälle durch Vertretungen weitgehend zu vermeiden. Saur: "Man sollte es nun erst einmal den Schulen überlassen, sich mit den neuen Möglichkeiten der Qualitätsoffensive auseinanderzusetzen; ein 'Hauruck'-Verfahren ist da wenig nützlich."
FDP will bezahltes Fortbildungssemester für Lehrer nach zehn Jahren Schuldienst
Übrigens: Kürzlich machte die FDP einen Vorschlag zum Thema Fortbildung. In einem Bericht der "Welt am Sonntag" vom 14. September 2008 hieß es, die FDP wolle Lehrern alle zehn Jahre ein bezahltes Fortbildungssemester an den Hochschulen ermöglichen. "So können sie neue Impulse für den Unterricht erhalten und sich über die neuesten Methoden unterrichten", sagte der stellvertretende FDP-Vorsitzende Andreas Pinkwart der "Welt am Sonntag". Der stellvertretende Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen möchte diese Forderung beim Bildungsgipfel von Bund und Ländern am 22. Oktober in Dresden einbringen. Derzeit betrügen die Investitionen in die Lehrerfortbildung nicht einmal 0,5 Prozent des gesamten Personalbudgets im Schulbereich, hieß es in dem Welt-Bericht. Pinkwart forderte eine schrittweise Verdreifachung der Ausgaben für die Weiterbildung. Das Fortbildungssemester würde seiner Berechnung nach zwei Milliarden Euro im Jahr kosten.
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