Editorial
Verehrte Leserin,
verehrter Leser,
die letzten Wochen seit Schuljahrsbeginn waren geprägt vom Bildungsgipfel, von den Ergebnissen der Pisa-E-Länderstudie und von weiteren emotionalen Schulstrukturdebatten. Während die Ergebnisse des Bildungsgipfels deutlich hinter den Erwartungen vieler Bildungsexperten und Verbände zurückgeblieben sind, haben die Ergebnisse der Pisa-E-Ländervergleichsstudie eine zentrale Überzeugung des Philologenverbands bestätigt: Es besteht kein Grund für die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems. Die Länder Sachsen, Bayern, Baden-Württemberg und Thüringen - alle haben ein gegliedertes Schulsystem - nehmen in diesem Ländervergleich die vier ersten Plätze ein.
Enttäuscht ist der PhV jedoch über die mageren Ergebnisse des Bildungsgipfels in Dresden, denn die schulischen Rahmenbedingungen und der eklatante Lehrermangel waren bei dem Treffen der 16 Regierungschefs kein Thema. Im Vorfeld des Treffens hatte der Philologenverband Baden-Württemberg einen umfangreichen Katalog an Forderungen und Vorschlägen zur Lehrergewinnung und zur Verbesserung der schulischen Rahmenbedingungen vorgelegt. Davon war nach dem Gipfel nichts zu hören oder zu lesen. Immerhin: Neben Enttäuschung und Zweifeln gab es auch etwas Hoffnung. So ist festzuhalten, dass sich die Regierungschefs darauf geeinigt haben, die Ausgaben von Bund und Ländern für Bildung und Forschung bis zum Jahr 2015 auf zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen, und das trotz Finanzkrise. Das sind Milliardenbeträge, die aufgebracht werden müssen. So etwas hat es in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bislang noch nicht gegeben.
Zurzeit liegen die Ausgaben für Forschung und Bildung bei etwa sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Drei Prozent sollen also künftig auf die Forschung und sieben Prozent auf die Bildung entfallen. Bis Ende 2009 soll eine "Strategiegruppe" Vorschläge zur Finanzierung erarbeiten. Außerdem soll die Sprachförderung vorangebracht werden. So haben sich die Länder verpflichtet - verbindlich für alle Kinder -, rechtzeitig vor der Einschulung zu erhebende Sprachstandsbeobachtungen bis 2010 zu schaffen. Wie Bundeskanzlerin Merkel betonte, wird der Bund die Sprachförderung mit Integrationskursen für die Eltern flankieren. Das deckt sich mit Forderungen des Philologenverbandes.
Während SPD und Grüne weiterhin eine "Schule für alle" fordern, was einer Zerschlagung des Gymnasiums gleichkäme, will die CDU/FDP-Landesregierung im Sinne des Philologenverbandes das gegliederte Schulsystem erhalten und weiterentwickeln. Und wie der Südkurier am 5. November berichtet, will Helmut Rau auch an der vierjährigen Grundschule festhalten. An den Hauptschulen wird eine zehnte Klasse eingerichtet, die zum Werkrealschulabschluss führt, der der Mittleren Reife entspricht. Durchgeführt wird auch ein Modellversuch zur pädagogischen Kooperation von Haupt- und Realschulen. Daran nehmen insgesamt 19 Kooperationsverbünde teil. Ziel des Modellversuchs ist es, die Durchlässigkeit zwischen Haupt- und Realschule weiter zu erhöhen. Die Erprobungsphase startet im September 2009 und dauert insgesamt drei Schuljahre. Die Kooperation soll so ausgestaltet werden, dass alle Schülerinnen und Schüler gefördert werden können - die schwächeren genauso wie die leistungsstarken, heißt es aus dem Kultusministerium. Der PhV begrüßt das Festhalten der Landesregierung an der gegliederten Schulstruktur und ihr Bemühen, die Hauptschule in Baden-Württemberg zu stärken.
Der Philologenverband lehnt jedoch ebenso wie die Landesregierung die Forderungen von SPD und Grünen ab, wonach alle Schülerinnen und Schüler bis zur 9. oder 10. Klasse in sog. Basis- bzw. Gemeinschaftsschulen unterrichtet werden sollen. In einem solchen Schulsystem wäre eine an Begabungs- und Leistungskriterien sich orientierende gezielte und differenzierte Förderung wie im gegliederten Schulsystem nicht mehr möglich. PhV-Landesvorsitzender Bernd Saur: "Mit solchen Anträgen zur Schulgesetzänderung, wie sie jetzt die SPD und die Grünen gestellt haben, wird beabsichtigt, den Hauptschüler mit allergrößtem Förderbedarf bis Klasse 10 in ein und derselben Klasse zusammen mit dem leistungsstärksten Gymnasiasten zu unterrichten. Dies hätte nicht zu verantwortende Frustrationen bei allen Schülern zur Folge und würde im Übrigen die Abschaffung der soeben mit großem Aufwand eingerichteten Hochbegabtenzüge bedeuten." Außerdem würde die Gründung kostenpflichtiger Privatschulen gefördert. Diese Schulen können - wie man in Ländern mit vergleichbaren Gesamtschulsystemen sehen kann - nur von denen besucht werden, deren Eltern über die dafür erforderlichen Mittel verfügen. Der Philologenverband wird eine derartig unsoziale Auslese nach dem Geldbeutel der Eltern nicht unterstützen.
Am 9. November hat übrigens die Bundesdirektorenkonferenz (BDK), in der ca. 70 Prozent der Direktorinnen und Direktoren von Gymnasien in allen Bundesländern organisiert sind, nachdrücklich alle gesellschaftlich Verantwortlichen aufgefordert, angesichts der globalen Herausforderungen ein qualitativ hochwertiges Gymnasium ab Klasse 5 zu unterstützen und seine Existenz und Weiterentwicklung verlässlich zu garantieren. Aufbauend auf einer möglichst frühen Förderung im Kindergarten, in der Vorschule und in der Grundschule müsse das Gymnasium - auch aus entwicklungspsychologischen Gründen - vor der Pubertät beginnen. Daher sei der Beginn der Gymnasialzeit mit der Klasse 5 zur optimalen Ausschöpfung der Begabungspotenziale unverzichtbar. Wörtlich heißt es in der BDK-Erklärung: "Die Erfahrung der Grundschule und zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass nach vier Jahren gemeinsamen Lernens nachweisbar unterschiedliche Lernstände vorhanden sind. Förderung muss auf dieser Basis differenziert erfolgen. Ein gegliedertes Schulsystem bleibt daher unabdingbar."
Mit freundlichen und kollegialen Grüßen
Hans-Eckhard Giebel
Redaktion 'Gymnasium Baden-Württemberg'
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