Philologenverband Baden-Württemberg sieht sich nach Meldungen
aus 70 Gymnasien bestätigt:

"Überstundenzahl und Unterrichtsausfall im Pflichtbereich an Gymnasien weiter auf hohem Niveau!"

In den ersten Wochen des neuen Schuljahres gingen beim Philologenverband Baden-Württemberg (PhV BW) Meldungen zur Unterrichtsversorgung aus über 70 Gymnasien des Landes ein, aus denen eine klare Tendenz zu erkennen ist:

Von den insgesamt 4.925 Lehrerinnen und Lehrern der 70 Gymnasien, die sich über die Schulvertreter an den PhV BW gewandt hatten, leisten 1.530 Lehrkräfte (31 Prozent) insgesamt 2.332 Überstunden. Durchschnittlich werden in den 70 Schulen also derzeit 33,3 Überstunden geleistet. Verrechnet man diese Überstunden mit den durchschnittlich fünf Stunden an Gymnasien auch weniger unterrichteten Stunden, so bleiben immer noch durchschnittlich 28,3 Stunden pro Schule, die im nächsten Schuljahr wieder abgebaut werden müssen.

Von diesen 70 Gymnasien meldet eine große Anzahl trotz dieser Überstunden erhebliche Stundenausfälle im Bereich des Pflichtunterrichts, wobei
das Fach Sport mit 23 Prozent des Unterrichtsausfalls am stärksten betroffen ist, gefolgt von den Naturwissenschaften (20 Prozent), Bildender Kunst und Fremdsprachen (je 15 Prozent), Musik (10 Prozent) und Religion/Ethik (9 Prozent).

Auch die Umsetzung der Hausaufgabenbetreuung an Gymnasien, die zum Teil auf Kosten des Ergänzungsbereichs angeboten wird, leidet nach den vorliegenden Meldungen unter den augenblicklichen Rahmenbedingungen. Nur an etwa 60 Prozent der an der Umfrage beteiligten Gymnasien sind die für die Hausaufgabenbetreuung vorgesehenen Ermäßigungsstunden zum Schuljahr 2008/09 bereits zugeteilt worden, teilweise auch im Rahmen von Bugwellenstunden. Bemängelt wird in diesem Zusammenhang auch, dass nur in knapp 50 Prozent der Schulen die zuständigen Gremien GLK und ÖPR bei der Zuteilung der Ermäßigungsstunden für die Hausaufgabenbetreuung beteiligt wurden.

Die insgesamt ermittelten Zahlen sind angesichts der Meldungen von 17 Prozent der Gymnasien aussagekräftig. Hochgerechnet bedeutet dies, dass an den Gymnasien des Landes über 11.600 Überstunden gehalten werden und trotzdem noch ein Unterrichtsausfall von etwa 2.100 Stunden im Pflichtbereich festzustellen ist. Das bedeutet: Im laufenden Schuljahr fehlen zur Abdeckung der Unterrichtsversorgung rund 550 Lehrerstellen im Land, das sind 1,3 Stellen pro Gymnasium.

Dr. Andreas Horn

 

Unterrichtsversorgung 2006/07 2007/08 2008/09
An der Umfrage beteiligte Gymnasien 22 Prozent 25 Prozent 17 Prozent
Hochgerechnet auf alle Gymnasien
Anzahl der Überstunden an allen Gymnasien in BW
Pos. Bugwelle
11.977 14.212 13.756
Anzahl der weniger als das Deputat unterrichteten Stunden Neg. Bugwelle 2.697 2.523 2.071
Pos. und neg.Bugwelle verrechnet 9.279
(22,4 pro Schule)
11.689
(28,4 pro Schule)
11.685
(28,3 pro Schule)
Ausfallender Pflichtunterrichtan allen Gymnasien in BW 1.688(4,1 pro Schule) 2.252(5,5 pro Schule) 2.071
(5,0 pro Schule)
Bugwelle und Unterrichtsausfall zusammen 10.967 Stunden =
437 Lehrerstellen
13.941 Stunden =
558 Lehrerstellen
13.756Stunden=
550 Lehrerstellen

 


Ausfallender Pflichtunterricht 2008/2009
70 beteiligte Gymnasien davon 34 mit ausfallendem Pflichtunterricht


Musik
34
10 Prozent  
Sport
82
23 Prozent  
Bildende Kunst
51
15 Prozent  
Naturwissenschaften
71
20 Prozent  
ITG
15
4 Prozent  
Religion/Ethik
33
9 Prozent  

Geschichte/Gemeinschaftskunde
13
4 Prozent  
Mathematik
0
0 Prozent  
Englisch
6
2 Prozent  
Französisch
38
11 Prozent  
Spanisch
0
0 Prozent  
Deutsch
7
2 Prozent  
Erdkunde
1
0 Prozent  
Italienisch
7
2 Prozent  
Pool
6
2 Prozent  

insgesamt an den beteiligten Schulen
pro Schule
351 5,0!
hochgerechnet an allen Gymnasien zusammen
2071
   

 

Philologenverband:

"Über den Grundbedarf hinaus Lehrer einstellen!"

"Jetzt rächt es sich, dass man in den Jahren mit großem Angebot fertig ausgebildeter Lehrkräfte nicht bereit war, über den notwendigen Grundbedarf hinaus Lehrer einzustellen. Hätte man damals auf die Mahnungen des Philologenverbandes gehört, könnte man jetzt auf eine Lehrerreserve vor Ort zurückgreifen." so der PhV-Landesvorsitzende Bernd Saur angesichts der alarmierenden Zahlen.

Wenn in dieser schwierigen Situation der Lehrergewinnung Kolleginnen und Kollegen auf eigenen Wunsch über die Pensionsgrenze hinaus noch Unterrichtslücken füllen wollten, müsse das Land die für sie bestehende Zuverdienstgrenze aufheben, damit sie auch mehr als sechs Stunden unterrichten dürfen. Und wenn jetzt genügend Stellen vorhanden seien, aber die Lehrer hierfür fehlten, dann müsse die Landesregierung alle Register ziehen, um Lehrernachwuchs zu gewinnen. Bernd Saur: "Hierfür ist vorrangig eine deutliche Attraktivitätssteigerung des Lehrerberufs erforderlich." Kritisiert wurde, dass der jüngste Bildungsgipfel in Dresden keinen Beschluss zur Beseitigung des Fachlehrermangels gefasst habe.

KM-Antwort: "Schulen für Vertretungskonzept verantwortlich"

In einer Zumeldung äußerte sich noch am gleichen Tag das Kultusministerium zu den Feststellungen des PhV. Es räumte ein, dass es trotz intensiver Anstrengungen der Schulverwaltung und der Schulen selbst einen hundertprozentigen Ausgleich von Unterrichtsausfall auch in Zukunft nicht geben könne.

Nachfolgend weitere Inhalte der Pressemitteilung des Kultusministeriums im Wortlaut: "Die Schulen verfügen über Vertretungskonzepte, mit denen sie Unterrichtsausfall aufgrund kurzfristiger Erkrankungen vermeiden können. Zur Entwicklung solcher Konzepte stellt das Kultusministerium den Schulen im Internet "Best-practice"-Beispiele zur Verfügung. Zum Ausgleich längerfristiger Erkrankungen von Lehrkräften stehen den Schulen sowohl die fest installierte Lehrerreserve - insgesamt 1.250 Stellen, davon 250 für die Gymnasien - als auch Mittel für befristete Krankheitsvertretungen in Höhe von insgesamt bis zu 17 Millionen Euro zur Verfügung. Für Vertretungen aufgrund von Elternzeit, Mutterschutz, Tod oder vorzeitiger Zurruhesetzung gibt es keine Mittelbeschränkung. Um den Pflichtunterricht an den Gymnasien zu gewährleisten, hat das Kultusministerium zum Schuljahresanfang 1.340 neue Gymnasiallehrkräfte in den Schuldienst eingestellt, so viel wie in keiner anderen Schulart. Auch der ehemals hohe Altbewerberbestand ist nahezu abgebaut worden, das heißt alle einstellungswilligen und entsprechend mobilen Gymnasiallehrkräfte haben eine Einstellungschance erhalten."

Zur Hausaufgabenbetreuung hieß es in der KM-Pressemitteilung, Aufgabe der Lehrkräfte sei die Organisation und Koordination dieses Angebots sowie die Qualifikation der Hausaufgabenbetreuer. Die dafür notwendigen Lehrerwochenstunden, durchschnittlich fünf je Gymnasium, seien in der Gesamtlehrerzuweisung enthalten gewesen. Hausaufgabenbetreuer, beispielsweise Oberstufenschüler oder Jugendbegleiter, erhielten Aufwandsentschädigungen. Jedem Gymnasium stehe dazu ein Budget von durchschnittlich 4000 Euro zur Verfügung.

Bewerber sollen frühzeitig gebunden werden

Zum ersten Mal hat das Kultusministerium das Verfahren zur Lehrereinstellung in Baden-Württemberg bereits im November dieses Jahres gestartet. Im Internet wurden 1400 Lehrerstellen für die allgemein bildenden Gymnasien und rund 400 für die Beruflichen Schulen schulbezogen ausgeschrieben. Weitere Etappen der Lehrereinstellung folgen im Februar und im Frühjahr. Ingesamt werden voraussichtlich über 5000 Lehrkräfte für das Schuljahr 2009/10 eingestellt.

"Wir haben das Einstellungsverfahren optimiert und an die neuen Anforderungen durch die Qualitätsoffensive Bildung angepasst. Damit verfolgen wir das Ziel, eine große Zahl an Lehramtsbewerbern möglichst frühzeitig zu binden. Damit sollen Lehrkräfte gezielt für bestimmte Schulprofile, Engpassfächer und für bestimmte Regionen gewonnen werden.

Mit der Novemberausschreibung reagiert Baden-Württemberg nicht nur auf den deutlich gestiegenen Lehrerbedarf durch die Qualitätsoffensive Bildung, sondern auch auf den schärfer gewordenen Wettbewerb zwischen den Ländern um Lehrkräfte. (s. auch weitere Informationen im Internet unter www.lehrereinstellung-bw.de)

heg/phv-pm/km-pm

www.phv-bw.de