Ein Kommentar zum

"Englisch an Grundschulen"

Von Silvana Stärr

Als Fremdsprachenlehrer/in sieht man der Zukunft des Fremdsprachenunterrichts besorgt entgegen:

Das mit übertriebenen Erwartungen eingeführte "Englisch an Grundschulen" bescherte den Gymnasien und Realschulen lediglich eine "Erleichterung" in Form von vier bis sechs Wochen, da man sich den mündlichen Vorkurs sparen kann, wie allenthalben in Fachsitzungen der Fachschaften festgestellt wird.

Die Portfolio-Arbeit kennen die Schüler, d. h. sie können Ordner gestalten. Was aber den Erwerb von englischen Sprachkenntnissen, also der eigentlichen Sprachkompetenz betrifft, sind die Ergebnisse von vier Jahren "gemeinsamen" Englischlernens in der Grundschule ernüchternd, vor allem, wenn man bedenkt, dass parallel zur Einführung von Englisch in der Grundschule am Gymnasium umgerechnet zwei Schuljahre an Englisch-Unterricht in den letzten Jahren gestrichen wurden! Grundschullehrkräfte, die am Gymnasium hospitieren, zeigen sich beeindruckt von der Lerngeschwindigkeit, mit der gelernt wird.

Nach allem, was sich bereits an Veränderungen ergeben hat, stellt sich neben anderen Unwägbarkeiten die Frage, wie der Fremdsprachenerwerb beim propagierten "längeren gemeinsamen Lernen" vonstatten gehen soll. Wenn zum Beispiel Englisch in der gleichen Geschwindigkeit wie in der Grundschule gelernt wird, heißt das, dass die Schüler am Gymnasium in vier statt bisher in sieben und jetzt sechs Schuljahren auf das Kursstufen-Niveau gebracht werden müssen! Dies ist schlichtweg ein Ding der Unmöglichkeit. Die Entschleunigung in der Grundschule wird zu noch mehr Belastung durch Beschleunigung in der Mittel- bzw. Oberstufe an den Gymnasien führen - es sei denn, dass wieder einmal das Niveau gesenkt wird!

Ein weiteres Problem ist der Beginn der 2. Fremdsprache in Klasse 6 bzw. Klasse 5, eine der neueren "Reformen", die schnell umgesetzt wurden. Wird nur ein Teil der Schüler/innen mit der 2. Fremdsprache in Klasse 6 beginnen? Wer wird sie unterrichten? Ausgebildete Fachlehrer/innen der höheren Schulen oder (wie bei der Einführung des Grundschul-Englisch) Grund- und Hauptschullehrer, die an ein paar Nachmittagen "fortgebildet" werden?

Angesichts des allerorten spürbaren Fachlehrer-Mangels ist die 2. Möglichkeit mit den entsprechenden Folgen wahrscheinlicher...

Wird man eventuell die Schüler/innen in Kurse einteilen und sich dem Vorwurf einer erneuten "Selektion" aussetzen, um das Niveau des Fremdsprachenerwerbs zu halten? Was passiert mit Schülern/innen, die im Deutschen bereits immense Probleme haben und die von einer weiteren 2. Fremdsprache gänzlich überfordert wären?

Fragen über Fragen. Zu hoffen ist, dass nicht erneute "Schnellschüsse" unter dem Druck der öffentlich propagierten Meinung abgegeben werden, die ungeahnte Folgen haben. Im Lande des Exportweltmeisters stellt die Fremdsprachenkompetenz einen wirtschaftlichen Faktor dar. Viele Gymnasiasten erlernen heute mit Erfolg drei Fremdsprachen.

Welcher Politiker, welche politische Partei, will die Verantwortung dafür übernehmen, wenn das "gemeinsame Lernen" ähnlich katastrophale Folgen zeitigt, wie derzeit in Frankreich zu hören ist? In den siebziger Jahren eingeführt, ist vom Ende der Schule als Motor des sozialen Aufstiegs zu lesen: das Abitur ist nur noch in Verbindung mit einem Studium etwas wert, die Absolventen des sogenannten "beruflichen Gymnasiums haben auf dem Stellenmarkt so gut wie keine Chance, nur 14,5 Prozent der Kinder der Arbeiterschicht schaffen eine Aufnahme an eine Eliteuniversität, 40 Prozent der Studenten/innen geben ihr Studium vor Ende des 2. Studienjahres auf, jeder 5. Schüler nach der 5-jährigen gemeinsamen Grundschule hat bereits eine Klasse wiederholt, 40 Prozent der Grundschüler/innen können am Ende der fünfjährigen gemeinsamen Lernzeit weder lesen noch schreiben und 20 Prozent der 17-Jährigen an der Gesamtschule können immer noch nicht lesen! Und dazu kommt, dass in Frankreich die Jugendarbeitslosigkeit besonders hoch ist... (Zahlen nach écoute 2/2008).

Mehr als drei Jahrzehnte Gesamtschule - die Resultate sind ernüchternd und dabei findet sich in französischen Schulen mehr Betreuungspersonal als an deutschen Schulen. Führt längeres gemeinsames Lernen am Ende in eine Sackgasse?

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