Philologenverband und Berufsschullehrerverband lehnen "Basisschule" der Grünen ab

Der Philologenverband Baden-Württemberg und der Berufsschullehrerverband (BLV) treten weiterhin für eine begabungsgerechte Beschulung der Jugendlichen im gegliederten Schulwesen ein. Beide Verbände lehnen das Konzept der Grünen zur Einführung einer neun- bis zehnjährigen Basisschule ab und äußerten sich entsprechend zu einer Anhörung der Grünen im Stuttgarter Landtag. Der Berufsschullehrerverband setzt wie der Philologenverband vielmehr auf eine aussagekräftige Grundschulem­pfehlung und eine landeseinheitliche Weiterentwicklung des baden-württembergischen Bildungswesens. Das Land und nicht etwa die Landkreise sollten für die Gestaltung der Bildungswege die Federführung haben.

Ausufernde regionale Schulversuche ohne landeseinheitliche konzeptionelle Zusammenführung führten zu einer Zerfaserung der Bildungslandschaft, die die Mobilität der Schüler einschränke und dem Ziel vergleichbarer Lebens- und Bildungsverhältnisse im Lande abträglich sei, so der Vorsitzende des Berufsschullehrerverbandes, Waldemar Futter, in einer Presseverlautbarung vom 24. Oktober anlässlich jener Anhörung der Grünen. Diese Position wird auch vom Philologenverband vertreten.

Bernd Saur, der für den Verband im Rahmen der Anhörung eine Stellungnahme für den Philologenverband Baden-Württemberg abgegeben hat, gab unmissverständlich zu verstehen, dass der Philologenverband den Gesetzentwurf der Grünen ablehnt. Er fragte am Ende seiner Ausführungen expressis verbis nach, ob ernsthaft intendiert sei, den schwächsten Hauptschüler bis Klasse 10 in ein und derselben Klasse zusammen mit dem begabtesten Gymnasiasten zu unterrichten und bekam die klare Antwort "Ja". Und wenn er einmal erleben wolle, wie dies funktioniert, könne er gerne einmal in einer Grundschule hospitieren, wo dies ja praktiziert werde. Im Übrigen gebe es keinerlei wissenschaftliche Begründung für das gegliederte Schulwesen. - Zuvor waren drei Referenten zu Wort gekommen, deren Ausführungen die Einführung der Basisschule untermauern sollten:

Für Prof. Dr. Karl Zenke von der PH Ludwigsburg, der für die Grünen eine Untersuchung durchgeführt hatte, besteht die Kernfunktion des baden-württembergischen Bildungssystems in der Aussonderung nach unten. Es reflektiere die hierarchische, ehemalige ständische Privilegiengesellschaft. Es sei aber keine Gleichmacherei intendiert, sondern die Förderung von Individualität.

Prof. Dr. Christoph Schneider-Harpprecht (Oberkirchenrat Karlsruhe) erläuterte das neue schulpolitische Positionspapier der Evangelischen Kirchen. Bekanntlich setzen sich die beiden Kirchen darin für ein längeres gemeinsames Lernen möglichst bis zur 10. Klasse ein. Die Grundschulempfehlung dürfe nicht länger verbindlich sein und das Sitzenbleiben müsse abgeschafft werden. Die Kirchen seien bereit, Modellschulen zu gründen. Und ebenfalls mit Blick auf das längere gemeinsame Lernen bis zur 10. Klasse sagte der Oberkirchenrat wörtlich: "Dieses würden wir gerne an unseren Schulen ausprobieren."

Die Überlegenheit einer integrierten Sekundarschule (in Südtirol bleiben die Schüler bis zum Ende der 8. Klasse zusammen) sollten auch die Ausführungen des Südtiroler Schulamtsleiters, Dr. Peter Höllrigl, unterstreichen. Er verwies auf das gute Abschneiden Südtirols bei PISA 2006. Bald wurde jedoch deutlich, dass die dortigen geradezu traumhaften Verhältnisse nicht so einfach mit denen in Baden-Württemberg verglichen werden können. In Südtirol sind 50 Prozent der Grundschulen so klein, dass gar nicht alle Klassen gebildet werden können. Die Schüler-Lehrer-Relation bezeichnete der Schulamtsleiter als außerordentlich günstig. Es würden grundsätzlich mehr Lehrer zugewiesen als effektiv gebraucht werden. Auch investiere man viel Geld in die Lehrerfortbildung, und es gäbe praktisch keine Migrationsproblematik.

Norbert Brugger machte als Vertreter des Städtetags deutlich, dass dieser das Projekt Basisschule nicht unterstütze. Für den Präsidenten des Städtetages, den Ulmer OB Ivo Gönner, stehe die Qualität im Vordergrund, und die Struktur müsse der Qualität folgen. Auf Nachfrage berichtete er, dass die ermöglichte Kooperation von Haupt- und Realschulen daran scheitere, dass die Realschulen nicht mitzögen. Zwei Tage vor der Anhörung der Grünen hatte sich der Städtetagspräsident in Ulm dahin gehend geäußert, dass die Hauptschule eine letzte Chance erhalten solle und dass man nicht mehr an der Idee des Bildungshauses 3-12 (Jahre) festhalten wolle. Der Fokus sei vielmehr auf eine Stärkung des vorschulischen Bereichs zu legen und auf eine stärkere Vernetzung von Kindergarten und Grundschule.

Auch der Vertreter des Gemeindetags, Johannes Stingl, äußerte große Bedenken gegen den Gesetzentwurf der Grünen und sprach sich für das gegliederte Schulwesen aus.
Bernd Saur verwies darauf, dass die Verlängerung der Grundschule zur massiven Gründung von Privatschulen führen würde und dass dann der Zugang zu einer höheren Schulbildung von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern abhinge, was der PhV ablehne. Stingl betonte, dass der aktuelle Forschungsstand eindeutig für das gegliederte Schulwesen spräche.

Renate Rastätter, bildungspolitische Sprecherin der Grünen, beharrte jedoch auf ihrem Standpunkt und sagte mit Blick auf die Zuweisung der Grundschüler auf verschiedene weiterführende Schulen: "Die Trennung erfolgt nach sozialer Herkunft." Die von den Grünen angestrebte Verlängerung des gemeinsamen Lernens bis zur 10. Klasse würde das Schulsystem humaner und gerechter machen.

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