Wollen die Landeskirchen wirklich das Gymnasium abschaffen und die verpflichtende Ganztagsschule einführen?

Der Philologenverband fragt weiter:

"Entsetzt" äußerte sich der Philologenverband Baden-Württemberg am 27. September in einer Pressemitteilung über den Inhalt eines gemeinsam von der württembergischen und von der badischen Landeskirche herausgegebenen sechsseitigen Positionspapiers, in dem u.a. gemeinsames Lernen bis zur zehnten Klasse und eine gebundene Ganztagsschule gefordert wird.

Wörtlich heißt es in dem Papier: "Wir wollen längeres gemeinsames Lernen durch noch weiterzuentwickelnde Differenzierungskonzepte ermöglichen - möglichst bis zur 10. Klasse. So sollen möglichst viele Jugendliche zu einem mittleren Bildungsabschluss geführt und die Abitursquote und Hochschulzugänge gesamteuropäisch angepasst werden." Für den Philologenverband steht fest, dass die Umsetzung einer solchen Forderung das Ende des Gymnasiums bedeuten würde. Inzwischen gab es nicht nur vom Philologenverband Kritik an diesem Vorstoß.

"Mit einer Gemeinschaftsschule wird das in dem Papier anvisierte Ziel einer besseren Qualifikation für alle nicht erreicht", stellt PhV-Landesvorsitzender Bernd Saur fest, der im Übrigen darauf hinweist, dass sich der Philologenverband - bestätigt auch durch eine Reihe wissenschaftlicher Erkenntnisse und Umfragen - für ein mehrgliedriges Schulwesen einsetzt, in dem a l l e Kinder begabungsgerecht und differenziert gefördert werden können. Eine solche Förderung sei in einem Einheitsschulsystem mit großen Klassen und mit zum Teil enormen Begabungs- und Leistungsunterschieden der Schüler nicht machbar.

Weiter heißt es in dem Kirchenpapier: "Wir sprechen uns für eine flächendeckende Einführung der rhythmisierten Ganztagsschule in gebundener Form aus. Veränderte Lernzeiten mit konsequenter, pädagogischer Rhythmisierung auch im Sekundarbereich müssen angestrebt werden. Schüler sollen in unseren Schulen gefördert und befähigt und nicht als Sitzenbleiber entmutigt werden."

Kirchenvertreter für Gemeinschaftsschule bis Klasse 10

Obwohl in dem Papier "Perspektiven der Evangelischen Landeskirchen zur aktuellen Bildungs- und Schulpolitik in Baden-Württemberg" viele Positionen enthalten sind, die zu begrüßen sind, standen in der von den Kirchen selbst am 26. September herausgegebenen Presse-Erklärung (siehe Kasten auf dieser Seite) "Ganztagsschulen und gemeinsames Lernen bis Klasse 10" im Zentrum ihrer Forderungen. Geradezu selbstverständlich und keinesfalls willkürlich griffen deshalb wohl auch die Tageszeitungen insbesondere diese Forderungen in ihren Berichten auf. Inzwischen werden auch die Leserinnen und Leser des Evangelischen Gemeindeblatts für Württemberg, Nr. 41/ 2008, nach ihrer Meinung gefragt. Gefragt werden die Leser: "Glauben Sie, dass die Auflösung von Hauptschule, Realschule und Gymnasium etwas bringt?"

Philologenverband gegen verpflichtendes Ganztagsschulkonzept

Auch die Einführung einer für alle verpflichtenden Ganztagsschule geht nach Meinung des Verbandes an den Wünschen vieler Eltern vorbei. "Wir befürworten den bedarfsorientierten Ausbau von Ganztagsangeboten, lehnen aber eine ganztägige Zwangsbeschulung aller Kinder ab", so PhV-Chef Saur. Hingewiesen wurde vom PhV in diesem Zusammenhang auf die Forsa-Erhebung vom November 2007, nach der 60 Prozent aller Bundesbürger die Einführung einer Einheitsschule ablehnen und 89 Prozent sich für den Erhalt des Gymnasiums in Deutschland aussprechen. Es gebe in Baden-Württemberg ein vielfältiges Bildungsangebot von hoher Qualität, das jedem Kind offen stehe, sofern im Elternhaus ein Bewusstsein für die Bedeutung von Bildung und Anstrengung vorhanden sei.

Informatives Gespräch zwischen Philologenverband und Kirchenvertretern

In einem Gespräch mit den Bildungsdezernenten der Landeskirchen, Oberkirchenrat Werner Baur (Stuttgart), Oberkirchenrat Prof. Dr. Christoph Schneider-Harpprecht (Karlsruhe) und Herrn Böhm hat der Philologenverband, vertreten durch den Landesvorsitzenden Bernd Saur, den stellvertetenden PhV-Landesvorsitzenden Klaus Nowotzin und PhV-Pressesprecher Hans-Eckhard Giebel, die Position des Verbandes dargestellt. Bezüglich des Kernproblems "längeres gemeinsames Lernen - möglichst bis zur 10. Klasse" wurde darauf verwiesen, der PhV hätte in seiner Pressereaktion den Zusatz "durch noch weiter zu entwickelnde Differenzierungskonzepte" unberücksichtigt gelassen. Im Verlauf des Gesprächs, das von beiden Seiten als "sehr gut" bezeichnet wurde, machten die Dezernenten der beiden Landeskirchen keinerlei konkrete Angaben über ein solches "Differenzierungskonzept". Gesagt wurde, dass man seitens der Kirche hierzu noch keine konkreten Vorstellungen habe. Bernd Saur hat deutlich gemacht, dass bei allen Überlegungen und Bemühungen, zum Beispiel im Umgang mit der Heterogenität der Schüler, eines nicht zur Disposition steht: Das Qualitätsniveau des Abiturs. Saur: "Eine Angleichung nach unten akzeptieren wir nicht!"

Erfahrungsbericht aus langjähriger Schulpraxis

Gudrun Königstein, pensionierte Deutsch-Lehrerin und Oberstudienrätin mit langjähriger Berufserfahrung, die ebenfalls an dem Gespräch teilnahm, stellt fest, sie habe nur äußerst selten erlebt, dass Grundschulempfehlungen nicht zugetroffen hätten. Regelmäßige Kontakte und Gesprächsrunden zwischen den Lehrern der abgebenden Grundschulen und der weiterführenden Schulen hätten weitgehend übereinstimmende Urteile über die Eignung und Leistungsfähigkeit der etwa zehnjährigen Kinder ergeben. Und der Maßstab dafür sei keineswegs der Beruf der Eltern gewesen, wie immer und immer wieder in der Öffentlichkeit - und auch in den zitierten "Studien" - unterstellt werde! ?Ohne jeden Zweifel müssten benachteiligte Kinder ganz besonders gefördert werden, es sei aber unverantwortlich, Kinder als "Verlierer", als "stigmatisiert" zu bezeichnen, nur weil sie an der Hauptschule lernten, einer Hauptschule, die in passenden Konzepten ganz andere Fähigkeiten des jungen Menschen fördern könne als das Gymnasium oder die Realschule.

Kirchenvorstoß ein Versuchsballon?

Sollte der schulpolitische Vorstoß der beiden Oberkirchenräte nur ein Versuchsballon gewesen sein? Nach dem Lesen des erwähnten Beitrags, der im Württembergischen Gemeindeblatt erschienen ist, könnte man das meinen. Wörtlich heißt es in dem Bericht von Petra Ziegler: "Die beiden Oberkirchenräte wollen mit ihrem Papier einen Diskussionsprozess in Gang bringen, damit von Bildungsgerechtigkeit nicht nur geredet wird, sondern sie es auch tatsächlich gibt."

Auch der Philologenverband setzt sich für Chancengerechtigkeit ein

Auch der Philologenverband tritt für mehr Bildungsgerechtigkeit ein, zum Beispiel indem er eine gute Durchlässigkeit zwischen den Schularten, eine gute Integration durch frühkindliche Sprachförderung sowie Beratung und Unterstützung bildungsferner Elternhäuser fordert. Ob jedoch eine Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg mehr Bildungsgerechtigkeit als ein differenziertes, nach Begabung und Leistungsfähigkeit gegliedertes Schulsystem garantieren würde, darf wohl eher bezweifelt werden.

Übereinstimmung zwischen Kirchenvertretern und Philologenverband besteht hingegen darin (Zitat des Kirchenpapiers): "Heterogene und inklusive Bildungssysteme mit Binnendifferenzierung haben sich als förderlich erwiesen, wenn hinreichend Personal vorhanden, Lehrpersonen über die entsprechenden didaktischen und methodischen Fähigkeiten verfügen und Bildungseinrichtungen die äußeren Voraussetzungen dazu schaffen, dass Kindern und Jugendlichen eine produktive Lernumgebung geboten wird, die sie zu späteren gesellschaftlichen Leistungen ertüchtigt." Ganz wichtig ist: Wenn echter Bildungswille vorhanden ist, darf dieser nicht an seiner Finanzierung scheitern!

Hans-Eckhard Giebel

www.phv-bw.de