Nordwürttembergs Schulvertreter diskutierten über bildungs- und berufspolitische Themen

Spannender Schlagabtausch mit bildungspolitischen Sprechern der vier Parteien

Im Mittelpunkt der Schulvertreterversammlung des Bezirks Nordwürttemberg im Schwäbisch Gmünder Congress-Centrum Stadtgarten standen am Donnerstag, 13. November 2008, der Vortrag "Bildung contra Turboschule" von Dr. phil. habil. Fritz Reheis, am darauf folgenden Freitagvormittag eine Podiumsdiskussion aller bildungspolitischen Sprecher des Landtags und am Nachmittag die Wahl des Bezirksvorstands. Zu aktuellen Fragen der Berufs- und Bildungspolitik sprachen der Landesvorsitzende Bernd Saur und sein Stellvertreter Klaus Nowotzin, der sich bei dieser Gelegenheit nach seiner Wahl im Juli 2008 den Schulvertretern vorstellte. Organisiert und moderiert wurden beide Tage vom Bezirksvorsitzenden Knut Krüger, der in seiner einleitenden Rede mit Nachdruck für den Erhalt des mehrgliedrigen Schulsystems plädierte. Die Arbeitsbedingungen an den Schulen seien zu verbessern und die Anfangsgehälter der Referendare müssten angehoben werden.

Fritz Reheis wollte mit dem Vorlesen einiger Passagen aus seinem Buch "Bildung contra Turboschule" die Teilnehmer der Tagung zu einer Auseinandersetzung mit seinen Thesen anregen. So recht sollte ihm das aber nicht gelingen; vielen kam es vor, als sollten die Schlachten von gestern noch einmal geschlagen werden. Der Philologenverband war wie auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, der der Vortragende angehört, gegen das Turbogymnasium G 8 - leider blieben in diesem Punkt beide Lehrervertretungen politisch erfolglos. Vieles, über das seit der Einführung der Verkürzung der Gymnasialzeit geklagt wird, hatte der Philologenverband vorausgesagt. Da war es müßig, vom Vortragenden noch einmal zu hören, dass es besser wäre, mehr Zeit zu haben. Wer wollte einer Entschleunigung nicht das Wort reden? Die Schulpraxis spreche aber eine andere Sprache, und darauf gelte es, Antworten zu finden, wandten einige der anwesenden Gymnasiallehrer in der Diskussion ein. Und diese Antworten hatte Reheis eben auch nicht!

Eine Antwort könnte die Parallelführung von G8- und G9-Zügen sein, führte Bernd Saur anschließend aus. Das Gymnasium mit den zwei Geschwindigkeiten sollte nicht aus dem Blickfeld verschwinden. Andererseits konstatierte er, dass alle Schwierigkeiten, die mit dem Wechsel von der Grundschule auf das Gymnasium verbunden seien, nicht mit dem G8 erklärt werden könnten. Hier würde doch zu sehr das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und auf eine Schulart generell eingehauen werden. Saur sprach sich wie auch Krüger in seiner Begrüßungsrede nach wie vor für das gegliederte Schulsystem aus. Das Augenmerk - so beide Verbandsvertreter - sollte auf Verbesserungen der Arbeitsbedingungen im System gerichtet sein - und nicht auf eine schon wiederholt geführte Strukturdebatte, die uns im Extremfall die Einheitsschule bringen würde. Längeres Zusammenlassen aller Schüler in einer Klasse sei keine Garantie dafür, dass dann auch alle gut lernten, so Krüger. Nowotzin führte aus, dass die Leistungen aller Schularten - auch die der gerade in den Südländern erfolgreichen Hauptschulen, denn die gäbe es auch! - in der Öffentlichkeit immer wieder herausgestellt werden müssten - und dabei ginge es um Schüler und Lehrer. Letztere müssten eine Anerkennung ihrer Arbeit auch im Geldbeutel spüren - und so appellierte der Verband an den Beamtenbund, sich in den kommenden Verhandlungen nicht auf ein Junktim zwischen Pensionierungsgrenze und Einkommen einzulassen, sondern nach langen Jahren von nahezu Nullwachstum beim Einkommen acht Prozent Gehaltserhöhung einzufordern - und sich nicht schon mit der Schere im Kopf und einer entsprechenden niedrigeren Forderung an den Verhandlungstisch zu setzen, weil sich wegen der Finanzkrise angeblich neue Zwänge aufgetan haben. Ebenso wendet sich der PhV gegen eine in Baden-Württemberg vorgezogene Einführung der Pensionsgrenze mit 67 - im Gegenteil fordert er den sanften Ausstieg mit entsprechenden Möglichkeiten der Altersteilzeit. Und nach dem Doppeljahrgang 2012 (G8 und G9 Abiturienten verlassen gemeinsam die Schule) sei es Zeit, den Gymnasiallehrern wieder die 25. Deputatsstunde ohne Wenn und Aber zu streichen!

In der Podiumsdiskussion wurde deutlich, dass CDU und FDP am bestehenden gegliederten Schulsystem festhalten und innerhalb dieser Strukturen Lern- und Lehrbedingungen verbessern wollen. SPD und Grüne erhoffen sich durch längeres gemeinsames Lernen - möglichst bis zur zehnten Klasse - Verbesserungen in jeglicher Hinsicht, von der Bewältigung der Probleme, die Schüler mit Migrationshintergrund betreffen, bis hin zu Verbesserung der PISA-Ergebnisse.

Verabschiedet und für ihre Verdienste gewürdigt wurden im Rahmen der Vertreterversammlung Karl-Heinz Wurster, der seit 1993 bis zu seinem Amtsantritt als PhV-Landesvorsitzender im Jahr 2004 den Bezirk Nordwürttemberg geführt hatte, und die ehemalige Vertreterin der Angestellten, Dr. Gertrud Benarab, die ebenso lange dem Bezirksvorstand angehörte.

Der neu gewählte bzw. bestätigte Bezirksvorstand setzt sich wie folgt zusammen: Knut Krüger (Bezirksvorsitzender), Hadmut Emmerling (Stellvertreterin), Werner Baier (Rechner), Ralf Scholl (Beisitzer), Ursula Kampf (Beisitzerin), Marga Mayer (Schriftführerin, im Dez. 2008 verstorben).

Klaus Nowotzin

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