Thema aktuell
heute: Bündnis 90/Die Grünen
Von Renate Rastätter, MdL
Gymnasium in zwei Geschwindigkeiten
Die Kritik am G 8 reißt nicht ab. Daran konnte auch die von Ministerpräsident Oettinger kurz vor den Sommerferien des letzten Jahres verkündete Qualitätsoffensive Gymnasium nichts ändern. Die mit ihr empfohlenen pädagogischen Maßnahmen wurden längst schon von vielen Schulen praktiziert, ohne dass sich an der zu hohen Belastung vieler Schülerinnen und Schüler grundsätzlich etwas geändert hatte. Auch die weiteren eingeleiteten Maßnahmen wie ein Budget für Hausaufgabenbetreuung und das Angebot, dass alle Gymnasien Ganztagsschulen werden können, sind nur die Fortsetzung des Kurierens an den Symptomen. Denn Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung durch Schülerinnen und Schüler gab es auch schon vorher, und das Angebot, Ganztagsschule zu werden mit nur einer zusätzlichen Lehrerstunde, läuft ins Leere.
Wir Grünen haben als Alternative vorgeschlagen, dass endlich Schluss sein muss mit den beiden Lebenslügen, dass das G 8 als Halbtagsschule möglich ist und dass der neue Bildungsplan mit seinem Kerncurriculum und seinen kompetenzorientierten Standards deutlich weniger Lernzeit benötigt. Wenn wir sehen, dass am Ende der achtjährigen Schulzeit das gleiche Abitur wie im G 9 abgelegt werden muss, dann müssen die Lehrkräfte auch dafür sorgen, dass ihre Schülerinnen und Schüler die Voraussetzungen dafür mitbringen. Für mich bedeutet das, dass ein achtjähriges Gymnasium ohne Niveauverlust und als Ort der umfassenden Persönlichkeitsbildung für alle Schülerinnen und Schüler nur als rhythmisierte Ganztagsschule möglich ist, in der zusätzliche Übungs- und Vertiefungslernzeiten mit qualifizierter Begleitung durch Fachlehrerinnen und Fachlehrer integriert sind. Dazu sind allerdings Lehrerdeputate in erheblichem Umfang notwendig, die aufgrund des gymnasialen Lehrermangels erst in den nächsten Jahren gewonnen werden können.
Wenn wir uns aber die Entwicklung der Übergänge aufs Gymnasium anschauen, stellt sich die Frage, ob wir nicht ein Gymnasium der zwei Geschwindigkeiten brauchen, um der wachsenden Heterogenität der Schülerinnen und Schüler Rechnung zu tragen. Zu Beginn dieses Schuljahres betrug die Übergangsquote aufs Gymnasium in Baden-Württemberg bereits 39 Prozent. In immer mehr Städten beträgt sie mittlerweile über 50 Prozent, in einzelnen Stadtteilen liegt sie sogar zwischen 60 bis 70 Prozent. Im ländlichen Raum sind die Übergänge traditionell noch deutlich niedriger. Allerdings erwerben dort insgesamt fast genauso viele Schülerinnen und Schüler das Abitur, da sehr viele Schülerinnen und Schüler nach der Realschule ein berufliches Gymnasium besuchen. Faktisch liegt die Zahl der Schuljahre bis zum Abitur zwischen 8 und 10 Jahren, wobei 10 Jahre von Hauptschülern benötigt werden, die nach der zweijährigen Berufsfachschule ein berufliches Gymnasium besuchen. Die steigenden Übergangszahlen aufs Gymnasium sind gesellschaftspolitisch und bildungspolitisch ausdrücklich gewollt und entsprechen den Wünschen der Eltern. Allerdings haben wir immer noch eine scharfe soziale Auslese. Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund haben bei gleicher Begabung eine deutlich niedrigere Chance, ein Gymnasium zu besuchen.
Wie der Philologenverband schlagen wir Grünen deshalb vor, das Gymnasium so auszugestalten, dass das Abitur nach acht oder nach neun Jahren abgelegt werden kann. Die parallele Einrichtung eines G 8 Zuges und eines G 9 Zuges ab der fünften Klasse halte ich allerdings für problematisch. Sichere Prognosen über die Lern- und Leistungsentwicklung eines Kindes können nach der vierten Klasse der Grundschule nicht abgegeben werden. Außerdem werden viele Schülerinnen und Schüler die G 8-Züge verlassen, wenn die ersten Lernschwierigkeiten auftreten. Das zeigen die Erfahrungen, die in Baden-Württemberg mit dem Gymnasium der zwei Geschwindigkeiten gemacht wurden. Wir Grünen plädieren deshalb für eine "Entschleunigung" der ersten gymnasialen Schuljahre. Das bedeutet, dass die Verkürzung und Verdichtung in der Unterstufe wieder zurückgenommen und der Bildungsplan für die ersten vier Schuljahre zeitlich auf fünf Jahre entzerrt wird. Nach der neunten Klasse entscheiden sich die Schülerinnen auf der Basis eines Beratungsgesprächs mit den Eltern und Lehrkräften entweder für den dreijährigen oder vierjährigen Zug bis zum Abitur.
Die Vorteile dieses Modells der zwei Geschwindigkeiten liegen auf der Hand. Die Durchlässigkeit zwischen den Schularten in der Unterstufe wird verbessert. Der Steilheitsgrad der Anforderungen und damit die zeitliche Belastung der Schülerinnen und Schüler in der Unterstufe und Mittelstufe werden reduziert. Wie dringend notwendig die Entlastung der jüngsten Schüler im Gymnasium ist, zeigt sich daran, dass die Eltern am stärksten kritisieren, dass selbst gute Schülerinnen und Schüler darunter leiden, dass sie außer Lernen kaum noch Zeit für andere Aktivitäten wie Instrumentalunterricht oder Vereinssport haben. Mit der "Entschleunigung" muss gleichzeitig die individuelle Förderung verstärkt werden. Das geschieht am besten in kleineren Klassen und guten Ganztagsangeboten. Schülerinnen und Schüler, die zusätzliche Förderung brauchen, müssen diese genauso bekommen wie sehr leistungsstarke Schülerinnen und Schüler, die anspruchsvolle Zusatzangebote benötigen. Ich bin davon überzeugt, dass durch das finnische Prinzip des "Langsam starten und dann Gas geben" die Potenziale der Schülerinnen und Schüler besser zur Entfaltung kommen und viele Schülerinnen und Schüler sich für den "Schnellzug" entscheiden können. Gerne möchten wir GRÜNEN mit dem Philologenverband über diesen Vorschlag der zwei Geschwindigkeiten ins Gespräch kommen.