Editorial
Verehrte Leserin,
verehrter Leser,
Die Bluttat eines siebzehnjährigen Amokläufers, der am 11. März 2009 in der Albertville-Realschule in Winnenden und später in Wendlingen ein unvorstellbares Blutbad anrichtete, hat nicht nur bei den Hinterbliebenen und unmittelbar Beteiligten Gefühle der Ohnmacht und Trauer verursacht, sondern uns alle tief getroffen. Der Philologenverband teilt diese Gefühle in diesen Wochen der psychischen Aufarbeitung des Amoklaufs mit den Trauernden. Das schreckliche Geschehen hat tiefe seelische Wunden, Traumata, hinterlassen, die noch nicht verheilt sind. Es wurden Fragen aufgeworfen, von denen viele unbeantwortet bleiben werden.
In Erinnerung sind noch die Amokläufe am Erfurter Gutenberg-Gymnasium im Jahr 2002 und an der Geschwister-Scholl-Realschule in Emsdetten im November 2006. Die Aufarbeitung dieser Ereignisse, die inzwischen erfolgten Präventivmaßnahmen gegen Gewalt in Schulen und für den Ernstfall erstellte Krisenpläne für derartige Ausnahmesituationen konnten jedoch das Blutbad in Winnenden nicht verhindern, aber wenigstens noch Schlimmeres verhindern.
Fragen muss man: Was hat einen bis dahin eher unauffälligen 17-jährigen Jungen, der sein Abschlusszeugnis ein Jahr zuvor entgegennehmen konnte und der gerade ins Berufsleben gestartet war, zu dieser schrecklichen und unfassbaren Tat getrieben? Was geht in einem solchen jungen Menschen vor, der nicht sonderlich auffällig ist, der Tischtennissiege erringt und aus einem wohlhabenden Elternhaus stammt? Was veranlasst einen Jungen, aus seinem friedlichen Umfeld auszusteigen und neun junge Menschen, drei Lehrerinnen und drei weitere Personen menschenverachtend und kaltblütig mit gezielten Schüssen niederzustrecken, mit in den Tod zu nehmen? Wird man das Unbegreifliche jemals begreifen? Die Suche nach Erklärungen gestaltet sich schwer, denn es gibt keine Schublade, in die sich dieser Fall stecken lässt. Und gerade deshalb darf nicht zur Tagesordnung übergegangen werden.
Sind Überwachungskameras, Metalldetektoren, Sicherheitspersonal der richtige Weg? Lassen sich damit Amokläufe verhindern? Die Sicherheit von Schülern und Lehrern muss an den Schulen höchste Priorität haben, selbst wenn es einen hundertprozentigen Schutz kaum geben kann! Gewaltprävention an Schulen muss Pflicht sein. Auch wenn es keinen absoluten Schutz geben kann, muss doch alles getan werden, um Schule für Schüler und Lehrer so sicher wie möglich zu machen.
Plötzliche Verhaltensänderungen, psychische Auffälligkeiten sind Hilferufe, sie sollten Anlass zum Hinhören, zum Hinsehen und für Gespräche sein. Auch die Schule kann da unterstützend tätig sein. Kolleginnen und Kollegen - selbst oft an der Grenze der Belastbarkeit - brauchen dafür aber einfach mehr Zeit. Deputatsreduzierungen, Klassenlehrerstunden und kleinere Klassen sind dringend erforderliche und sehr wohl auch hilfreiche Begleitinstrumente zur Gewaltprävention an Schulen nach dem Motto "Wehret den Anfängen!"
Frei zugängliche Waffen haben in einem Elternhaus mit Kindern nichts zu suchen, gehören erst recht nicht in unverschlossene Schrankschubladen. Im internationalen Vergleich hat Deutschland zwar ein strenges Waffengesetz, doch sind auch Kontrollen notwendig, ob die Aufbewahrung von Waffen den Sicherheitsanforderungen entspricht. Elterliche Erziehung bedeutet auch, dass Kinder nicht stundenlang mit brutalen Spielen wie "Counter-Strike" und "Far Cry 2", in dem es um die blutigen Abenteuer eines ehemaligen US-Soldaten geht, allein gelassen werden. Sie sind kein Ersatz für real erlebbares kreatives Spiel. Der Philologenverband plädiert dafür, dass die Herstellung und Verbreitung von Killerspielen vom Gesetzgeber verboten wird.
Der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer warnt seit Jahren vor einer Bagatellisierung von Gewalt durch Fernsehen, Computerspiele oder Rap-Musik. Spitzer sagt, letztlich werde gelernt, wobei es egal sei, ob man virtuell trainiert oder real - beides habe entsprechende Folgen. Man gewöhne sich Gewaltbereitschaft an und stumpfe gegenüber Gewalt ab. Dies sei in sehr vielen Studien nachgewiesen.
In einem Interview der Stuttgarter Nachrichten vom 14. März sagte Spitzer wörtlich: "Was man als junger Mensch lernt, bleibt lebenslang hängen. Wenn also Kinder und Jugendliche täglich Gewalt "üben", dann werden sie gewaltbereiter. Was Hänschen gelernt hat, kann sich Hans nur schwer wieder abgewöhnen." Auch der Philologenverband sieht in dem übermäßigen Konsum von Gewalt verherrlichenden Medien und in entsprechenden Darstellungen einiger Fernsehkanäle eine erhebliche Gefahr, die in unserer Gesellschaft endlich mit gebotenem Nachdruck diskutiert werden muss. Das gilt auch für das Internet. Mit Verboten allein ist es allerdings nicht getan. Begleitend erforderlich sind erklärende Gespräche, die sich nicht einfach gestalten, da die Fernsehsender in ihren Nachrichten und Reportagen tagtäglich im Übermaß Brutalität und blutige Gewalt in die Wohnzimmer der Familien transportieren.
Erziehung von Kindern und Heranwachsenden bedeutet auch Grenzen zu setzen. Freiheit wird in einer Gesellschaft, die in einem von Frieden und Humanität geprägten Umfeld leben will, niemals grenzenlos sein können. Sie braucht Grenzen, den respektvollen Umgang im Miteinander und Regeln des Zusammenlebens. Die Grundlagen müssen schon im Elternhaus vermittelt werden. Nach Auffassung des Philologenverbands kann eine Erziehungspartnerschaft von Schule und Elternhaus gut gelingen, wenn qualifiziert ausgebildetes, nicht unterrichtendes Personal und ein dafür erforderlicher Zeitrahmen für Gespräche zur Lösung von Konflikten und zur Vermittlung von Werten gewährleistet sind.
Mit freundlichen und kollegialen Grüßen
Hans-Eckhard Giebel
Redaktion 'Gymnasium Baden-Württemberg'
Beiträge in dieser Ausgabe:
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