Kommentar des PhV BW-Landesvorsitzenden Bernd Saur
Mit einem Abitur unter 2,0 soll man nicht Lehrer werden können!
Laut einer jüngst veröffentlichten Studie des Münchner Bildungsökonomen Ludger Wößmann sei der Abiturdurchschnitt von Lehrern schlechter als derjenige von anderen Akademikern. Was läge da näher, als mit Schlagzeilen wie "Gute Schüler werden selten Lehrer" eine publikumswirksame Breitseite gegen die Lehrer abzufeuern? Aber Achtung, hier lohnt sich ein zweiter Blick!
Mit einem Abiturdurchschnitt von 2,5 liegen die Grund-, Haupt- und Realschullehrer um zwei Zehntel unter dem baden-württembergischen Landesschnitt von 2,3. Die Gymnasiallehrer liegen jedoch mit 2,1 um exakt zwei Zehntel über diesem Landesschnitt. Die oben erwähnte Schlagzeile trifft also derartig pauschal formuliert nicht zu. Sie bildet nur die halbe Wahrheit ab. Es ist offensichtlich so, dass das wissenschaftliche Hochschulstudium für das gymnasiale Lehramt von den Abiturienten als eine größere Herausforderung angesehen wird als ein Studium an einer Pädagogischen Hochschule.
Aber hat jemand mit einem Abiturdurchschnitt von 2,5 ein schlechtes Abitur und darf deshalb als Versager oder 'loser' diskreditiert werden? Machen deshalb also alle Grund-, Haupt- und Realschullehrer aufgrund ihres unterdurchschnittlichen Abiturdurchschnitts einen schlechten Job, weil sie es nach dem Abitur nicht gewagt bzw. sich zugetraut haben, ein anspruchsvolleres Studium aufzunehmen? Und wie ist es dann mit den vielen Millionen, die gar kein Abitur haben? Wird ihnen allen Unfähigkeit unterstellt? Und machen all diejenigen, die ein hervorragendes Abitur gemacht haben, deshalb automatisch auch einen guten Job? Ist das Leben nach dem Abitur nicht auch weitergegangen, gab es da keine individuellen Entwicklungsmöglichkeiten mehr?
Entscheidend ist, dass das Abitur, und das bedeutet, das Bestehen des Abiturs, eine verlässliche Garantie für die Studierfähigkeit ist und bleiben muss. Nicht umsonst widersetzt sich der Philologenverband grundsätzlich allen Veränderungen, die einen Qualitätsverlust des Abiturs bedeuten würden. Dass jeder Mensch individuelle Neigungen hat und für bestimmte Berufe eine höhere Eignung mitbringt als für so manch anderen, ist klar. Deshalb tritt der Philologenverband - und dies nicht nur in Baden-Württemberg, sondern bundesweit - für Eignungsfeststellungsverfahren vor der Aufnahme eines Lehramtsstudiums ein. In der neuen Prüfungsordnung für das gymnasiale Lehramt in Baden-Württemberg ist ein Lehrerorientierungstest vorgesehen, was zu begrüßen ist.
Abzulehnen ist daher der Vorschlag von Thomas Volk, Mitglied des CDU-Landesvorstands in Baden-Württemberg, wonach angehende Lehrer mindestens eine Abi-Durchschnittsnote von 2,0 haben müssen. Reicht für Juristen dann ein Schnitt von 2,1 und für Ärzte ein solcher von 2,2?
Als Politiker kann Herr Volk seinen Einfluss dahingehend geltend machen, dass erstens Image schädigende Verunglimpfungen des Lehrerberufs auch seitens der Politik unterbleiben (sie wären übrigens in einem Land wie Finnland völlig undenkbar!) und dass zweitens der Lehrerberuf seitens der Politik so ausgestaltet wird, dass er auch für die Jahrgangsbesten attraktiv ist und eine echte Option darstellt. Davon kann zurzeit aber keine Rede sein.
Bernd Saur