Informative Fachtagung in Ulm über "Doppelte Abiturjahrgänge"
Am 17. Januar 2009 fand an der Universität Ulm die vom Philologenverband Baden-Württemberg und dem Elternforum Bildung gemeinsam organisierte und durchgeführte Fachtagung "Doppelte Abiturjahrgänge 2012" statt. Grußworte sprachen Prof. Ulrich Stadtmüller von der Universität Ulm, die Geschäftsführende Schulleiterin der Ulmer Gymnasien und stellvertretende PhV-Landesvorsitzende Brigitte Röder, Wolfgang Kuert vom Elternforum Bildung und Barbara Münch vom Arbeitskreis der Eltern an Gymnasien im Regierungspräsidium Tübingen.
Zahlreiche Referenten und Referentinnen betonten, dass es sich nicht um eine echte Verdoppelung der Zahlen handelt, da lediglich die allgemeinbildenden Gymnasien einen Doppeljahrgang haben werden. Der Doppeljahrgang könnte am Ende sogar ein Segen sein angesichts der demographischen Entwicklung und des großen Fachkräftemangels, der für die kommenden Jahre prognostiziert wird. Dieser Fachkräftemangel betrifft auch die Geisteswissenschaften und nicht nur den Ingenieurbereich.
Ausbau zusätzlicher Studienplätze
Prof. Volker Haug, Leiter der Zentralstelle des Wissenschaftsministeriums, erläuterte, dass bis 2012 sukzessive 16 000 zusätzliche Studienanfängerplätze in Baden-Württemberg eingerichtet werden. Dieser Prozess ist bereits jetzt im Gange. Baden-Württemberg habe großes Interesse an diesen Studenten/innen. Der Ausbau von Studienplätzen betrifft alle Fachgebiete und umfasst sowohl die Universitäten als auch die Fachhochschulen. Professor Haug führte aus, dass Baden-Württemberg als Bundesland die höchsten Ausgaben pro Studierendem habe und diese Qualität gehalten werden soll. Eine interministerielle Arbeitsgruppe befasse sich bereits mit den Folgeproblemen der doppelten Abiturjahrgänge. Ebenfalls gäbe es ein neues Referat "Studien- und Informationsberatung" mit dem Ziel einer relativ frühen Beratung der Schüler/innen.
Verbesserung des Orientierungsverfahrens
Anschließend erläuterte die Studienberaterin der Universität Ulm, Christiane Westhauser, das Beratungsangebot dieser Universität für Schüler/innen und Eltern. Sie verwies auf die hohen Abbrecherquoten aufgrund von mangelnder Information, die es trotz immenser Beratung und Informationsquellen gibt. So dürfte es beispielsweise nicht vorkommen, dass Studenten/innen ein Psychologiestudium aufnehmen und dieses dann abbrechen müssen, weil sie sich vorher nicht über den hohen Anteil, den die Mathematik in diesem Studiengang spielt, informiert haben. So sollen die Schüler/innen in Zukunft über das BOGY-Programm ab Klasse 9 über Praktika, allgemeine und individuelle Beratung durch die Arbeitsagenturen, über Orientierungstests und Interessenstests, Studieninformationstage und fachspezifische Informationsveranstaltungen der Universitäten bei der Wahl des Studienganges unterstützt werden. Ab 2011 muss verbindlich ein solches Orientierungsverfahren durchlaufen sein, sonst ist die Aufnahme eines Studiums nicht möglich. (Weitere Informationen unter www.was-studiere-ich.de)
Angebote der Agentur für Arbeit
Cornelia Meindl-Schäfer (Akademische Beratung der Agentur für Arbeit, Arbeitskreis Gymnasium - Wirtschaft, Ulm) führte aus, dass die Verdoppelung der Abiturjahrgänge an den allgemeinbildenden Gymnasien vermutlich Auswirkungen bis 2016/17 haben werde. Interessanterweise nehmen sehr viele Studenten/innen mit einer durchschnittlichen Verzögerung von 2,6 Jahren ein Studium auf.
Von Seiten der Agentur für Arbeit gibt es das Angebot, in den Klassen 10-13 Seminartage zum Thema berufliche Orientierung abzuhalten, sowie die Möglichkeit, an Elternsprechtagen oder Elternabenden Ansprechpartner vor Ort zu haben, damit Eltern bei Bedarf unmittelbar Perspektiven für ihr Kind eröffnet werden können. Cornelia Meindl-Schäfer verwies darauf, dass Schüler/innen den psychologischen Dienst der Arbeitsagentur nutzen können, wenn es um eine Eignungsabklärung geht.
Weitere Informationen: www.explorix.de; www.arbeitsagentur.de
Fachkräftemangel
Andreas Dzionara, Stellv. Hauptgeschäftsführer der IHK Ulm, erläuterte anhand einer Fachkräftestudie der IHK durch Prof. Rürup, dass trotz der durch das G 8 gestiegenen Zahl von Abiturienten/innen immer noch ein Minus an Auszubildenden erwartet wird, und dass in vielen Berufen gute Aussichten bestehen. Insgesamt werden in der Region Ulm zwischen 2009 bis 2020 ca. 61.500 Fachkräfte benötigt (ca. 52.000 Nichtakademiker, ca. 10.000 Akademiker). Dieser Fachkräftemangel besteht bereits seit 2006. Die Zahlen seien natürlich immer konjunkturabhängig. Es fehlten vor allem Ingenieure (7.800) aber auch Geisteswissenschaftler (2.250) im Raum Ulm, Biberach, Alb-Donau-Kreis. Weitere Informationen über die Fachkräftestudie: homepage ihk ulm
Doppelte Abiturjahrgänge - Aufgabe des Bundes
Als letzte Rednerin sprach am Nachmittag Bundesbildungsministerin Dr. Annette Schavan zum Thema: Doppelte Abiturjahrgänge in den einzelnen Ländern als Aufgabe des Bundes - Hochschulpakt 2020. Sie erläuterte, dass Deutschland als Hochtechnologiestandort das drittattraktivste Gastland für Studenten/innen aus aller Welt ist, obwohl in Deutschland nicht in der Weltsprache Englisch gelehrt wird. Sie führte aus, dass es wichtig sei, mehr Abiturienten/innen zu einem Studium zu bringen und dass hierfür eine Verbesserung des Übergangs aus dem Beruf in die Hochschule nötig wäre. Die Schaffung einer Open University nach englischem Vorbild hielte sie für erforderlich. Außerdem sei es notwendig, dass das Verhältnis von Absolventen/innen von Universitäten bzw. Fachhochschulen den internationalen Zahlen angeglichen werde und dass sich mehr Studenten/innen für eine Fachhochschule entschieden. In den neuen Bundesländern gäbe es viele freie Studienplätze ohne Zulassungsbeschränkung. Aus den Mitteln des Konjunkturprogrammes gingen zwei Drittel in Bildung, was sie als "größtes Programm in sechzig Jahren Bundesrepublik" bezeichnete.
Trotz der Vervielfachung der Zahl der Informationsveranstaltungen herrsche eine gewisse "Desorientierung" in Bezug auf die Berufswahl, die eine zu hohe Studienabbrecherquote nach sich zöge. Als Grund nannte sie unter anderem, dass junge Leute häufig zu sehr Trends hinterherliefen.
Nach jedem Vortrag gab es Fragerunden. Hierbei gab es auch kritische Anmerkungen. Beispielsweise wurde beklagt, dass nicht kontinuierlich Lehrereinstellungen erfolgt seien. Die Ministerin hob mehrfach hervor, dass es aufgrund der mangelnden gesellschaftlichen Anerkennung, die der Lehrerberuf in der Öffentlichkeit erfahre, schwierig sei, geeignete Kandidaten/innen für diesen Beruf zu gewinnen. Bemängelt wurde auch, dass sowohl Eltern- als auch Lehrerschaft oft zu lange auf verlässliche Informationen bei Neuerungen wie beispielsweise dem Übergang auf das Berufliche Gymnasium im G 8 warten müssten.
Wolfgang Kuert, vom Elternforum Bildung, hob hervor, dass es in erster Linie um die Qualität der Bildung, um die Sicherung von Zukunftschancen in einem gegliederten Schulwesen gehen müsse und nicht um eine bloße "Investition in Beton". Der Idee einer Einheitsschule erteilte er eine Absage. Das Schlusswort sprach Ursula Duppel-Breth (Elternforum Bildung).
Silvana Stärr, Kirchberg