Thema aktuell
heute: SPD
Von Frank Mentrup, MdL
Abi 2012 - doppelter Jahrgang, aber bitte keine halbierten Chancen!
Der Titel spricht für sich: Dieser sollte unser Motto im Umgang mit dieser einmaligen Situation in der Schulgeschichte sein. Nach den Sommerferien 2010 geht es los: Für zwei lange Schuljahre gilt es dann, drei Jahrgänge im Kurs- statt im Klassensystem zu organisieren und zum Abschluss auch noch zwei Jahrgänge von ihnen gleichzeitig durch die Abitur-Prüfungen zu führen.
Kein Wunder, dass die derzeit in der Planung befindliche Idee zunächst Entlastung verspricht. So sollen die zwei Jahrgänge, deren Kurssystem ohnehin parallel läuft, in denselben Kursen geführt werden. Nebenbei ließe sich dabei schon etwas von der Einspar-Rendite vorab erwirtschaften, auf die ja dann ab Sommer 2012 durch die Ersparnis einer ganzen Jahrgangsstufe ohnehin spekuliert wird. Doch Vorsicht: Diese Rechnung wurde ohne die Berücksichtigung der Interessen der Schülerinnen und Schüler gemacht. Unterschiedlich intensiv und mit unterschiedlichem Bildungsplan-Duktus vorbereitet sollen sie nicht nur in den selben Kursen münden, werden in einem einmalig neu erstellten Mischbildungsplan aus G8 und G9 nicht nur unterrichtet, sondern auch noch einer gemeinsamen Prüfung unterzogen und dann finden sie sich auch noch in mindestens der Hälfte der Fächer in doppelt so großen Kursen wie die Jahrgänge zuvor und die Jahrgänge hernach wieder. Sind das die optimalen Voraussetzungen für die Erlangung der Hochschulreife oder zumindest dieselben Voraussetzungen wie für bisherige und zukünftige Abiturklassen?
Wir meinen nicht, sondern neben dem Druck aufgrund der größeren Abgängerzahlen nach dem Abitur leiden diese Abiturienten bereits in den beiden Jahren zuvor unter zusätzlichen schlechteren Rahmenbedingungen: einem vierstündigen Chemie-Kurs mit 14 Schülern statt mit 7 oder mit 22 statt mit 11, ebenso in Französisch, Musik, Physik und vielen anderen Fächern. Doch auch auf die Lehrerinnen und Lehrer kommen massiv zusätzliche Belastungen zu. Auch sie haben in vielen Fächern doppelt so große Kurse, in anderen Fächern mehr Kurse an der Teilungsgrenze, und auch eine gemeinsame Abiturprüfung der beiden Kursstufen benötigt trotzdem den doppelten Korrekturaufwand beim schriftlichen bzw. die doppelte Vorbereitungs- und Durchführungszeit beim mündlichen Teil.
Die SPD-Fraktion will sich mit diesen deutlich verschlechterten Rahmenbedingungen für die Schülerinnen und Schüler nicht abfinden. Der Doppeljahrgang darf nicht doppelt leiden, darf nicht in der Zeit vor und nach der Schule deutlich weniger Chancen bekommen. Neben den Forderungen nach mehr Studien-, Ausbildungs- und Praktikumsplätzen verlangen wir daher ein getrenntes Kurssystem für den letzten G9- und den ersten G8-Zug, sodass auch jeder im Rahmen der bisherigen Bildungsplaninhalte unterrichtet und geprüft werden kann. Und um nicht nur in der Schule, sondern auch anschließend beim Übergang vergleichbare Chancen für beide Jahrgänge wieder herzustellen, schlagen wir vor, den letzten G9-Zug so zu prüfen, dass der Abschluss zum 31. März 2012 gelingen und ein Übergang in viele Studiengänge bereits zum Sommersemester erfolgen kann. Rheinland-Pfalz macht uns das seit 1999 vor. Auch der Stress dreier paralleler Kursjahrgänge an den Schulen würde sich um mehr als drei Monate verkürzen, die Abiturdurchführung für das erste G8 dann umso entspannter gestalten.
Die Vorarbeit dazu muss jetzt beginnen. Dieser doppelte Jahrgang darf nicht seiner Chancen beraubt werden, nur weil die Landesregierung das G 8 zu schnell und zu unausgereift eingeführt hat. Sehr wichtig ist es, dass alle Betroffenen frühzeitig informiert werden, dass Vorschläge und Korrekturen seitens der Lehrer, Schüler, Eltern und Fachverbände zugelassen werden. Die Hilflosigkeit, in der sich die vertrösteten Betroffenen auf Eltern-, Schüler- und Lehrerseite befinden, zeigt sich derzeit auf jedem Elternabend. Der dilettantische Umgang mit dem doppelten Mittlere-Reife-Jahrgang derzeit lässt, ohne entsprechenden Druck aus Politik und Schulen, für die Jahre 2010 bis 2012 Schlimmes erwarten.
Nicht der schulorganisatorisch einfachste Weg sollten dabei die Richtschnur sein, sondern die Interessen der jungen Abiturienten, vergleichbare Bildungschancen in und nach der Schule vorzufinden - unabhängig von der Sondersituation von 2010 bis 2012.