Editorial

Verehrte Leserin,
verehrter Leser,

während in Hamburg dagegen protestiert wird, dass Schulen "im Hauruck-Verfahren eine neue Struktur übergestülpt" werden soll, in der alle Kinder bis zur 6. Klasse gemeinsam lernen, hindert das Verfechter von Einheitsschulmodellen nicht daran, weiterhin von "aussortierten" Schülern im "ungerechten" gegliederten Schulsystem zu sprechen. Dabei konnte bislang mit keiner einzigen wissenschaftlichen Erhebung ein Nachweis erbracht werden, dass längeres gemeinsames Lernen zu besseren Ergebnissen und zu mehr Bildungsgerechtigkeit führt.

Am 4. Juli veranstaltet der Philologenverband Baden-Württemberg am Thomas-Mann-Gymnasium in Stutensee bei Karlsruhe einen "Tag des Gymnasiums" (s. letzte Seite). Das Impulsreferat "Das Gymnasium - Zugpferd des deutschen Bildungswesens" wird an diesem Tag Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL) halten. Josef Kraus, der für den Erhalt des gegliederten Schulsystems in Deutschland unermüdlich und mit überzeugenden Argumenten kämpft, stellte im Rahmen einer Fachtagung, die im Frühjahr 2008 mit den vier Bundesverbänden in Fulda stattfand, fest: "Chancengleichheit ist über das Bildungswesen nicht herstellbar. Daran ändert kein PISA-Schock etwas. Auch der so genannte Sputnik-Schock von 1957 hat in den USA trotz größter Anstrengungen nicht zu einer weitreichenden und nachhaltigen Mobilisierung von "Begabungsreserven" geführt. Falsch ist auch die Behauptung, durch die Integrierte Gesamtschule könne ein sozialer Ausgleich stattfinden." Kraus verweist auf eine Langzeitstudie von 2008, mit der nachgewiesen wurde, "dass der Besuch der Gesamtschule keineswegs verbesserte soziale Aufstiegsmöglichkeiten schafft. Unabhängig von der besuchten Schulform zeigte sich zugleich, dass 25 Prozent der damaligen Neuntklässler zu höheren Abschlüssen gekommen sind, als es das Abschlussziel der zunächst besuchten Schulform war."

Inzwischen gewinnt man zunehmend den Eindruck, dass es bei den gegenwärtig laufenden Schulstrukturkampagnen weniger nur um die Suche nach dem Schlüssel für die beste Bildung und den wissenschaftlich erbrachten Nachweis geht, "was für unsere Kinder das Beste ist", sondern um die Stärkung eines politisch motivierten Umfelds und seines Ziels, das Gymnasium zu zerschlagen. Zu befürchten ist, dass mit "fragwürdigen Einheitsschulmodellen" der Boden für die Flucht der leistungsstarken Schüler auf Privatschulen vorbereitet wird.

Umso erfreulicher ist da das offene Bekenntnis des baden-württembergischen Kultusministers Helmut Rau (CDU) zur gegliederten Schulstruktur. Rau am 25. März 2008: "Die Einführung einer Einheitsschule nach skandinavischem Vorbild bedeutet zwangsläufig die Abschaffung von Realschulen und Gymnasien im Land. Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass es für diesen radikalen Schritt weder eine pädagogische Notwendigkeit noch eine Mehrheit unter den Eltern, Lehrkräften und Schülern gibt." Nach der Gründung des Aktionsbündnisses wächst inzwischen auf der PhV-Homepage unter www.phv-bw.de die Zahl der Personen, die sich in die Unterstützerliste für das gegliederte Schulwesen eintragen.

Studien, Analysen, Umfragen und Statistiken rund um das Thema Schule gehören inzwischen zum Alltag, sorgen für Freude auf der einen oder für trübe Gemüter auf der anderen Seite. Wie steht es beispielsweise derzeit um das Verhältnis zwischen Eltern und Lehrern?

Professor Dr. Reinhold S. Jäger, Geschäftsführender Leiter des Zentrums für empirische pädagogische Forschung der Universität Koblenz-Landau, stellte unlängst im "Bildungsbarometer" fest, dass eine gute Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern eine notwendige Grundlage für eine erfolgreiche Schule ist. Schließlich habe sich bislang in einer Vielzahl von Untersuchungen gezeigt, "dass ein gutes Klima des Miteinanders eine gute Basis für erfolgreiches Lernen darstellt." Die Umfrage des "Bildungsbarometers" ergab außerdem, dass das Verhältnis zwischen Eltern und Lehrern zwar zufriedenstellend sei, dass es aber noch "ein deutliches Verbesserungspotenzial" enthalte. 42,3 Prozent der Eltern wünschten sich u.a. von den Lehrern eine stärkere individuelle Förderung und eine bessere Ausrichtung des Unterrichts auf die Schüler, eine offenere, transparentere und kooperativere Zusammenarbeit mit den Lehrern sowie mehr Fortbildungen für die Lehrkräfte. In den Fortbildungsbereich muss auch aus Sicht des Philologenverbandes mehr investiert werden: Zum Beispiel in mehr Fortbildung aus professioneller erster Hand, statt über Multiplikatoren. Und das wünschen sich die Lehrer laut "Bildungsbarometer-Umfrage: 42,5 Prozent der Lehrer würden es laut der Befragung, an der bundesweit 1816 Personen teilnahmen, begrüßen, wenn die Eltern sich intensiver um ihren Nachwuchs kümmerten. Außerdem steht mit ganz oben auf der Wunschliste: "Mehr Vertrauen in die Arbeit und die Fachkompetenz der Lehrer und weniger Kritik an deren fachlichem und pädagogischem Vorgehen."

Das Ansehen der Lehrer in der Bevölkerung ist übrigens erfreulich gut und straft jene Miesmacher Lügen, die ein anderes Bild vom Lehrer in die Öffentlichkeit transportieren. Nach einer repräsentativen Umfrage der Hamburger Marktforschungsfirma "Ipsos" genießen Deutschlands Lehrer - gleichauf mit Ingenieuren - ein vergleichsweise hohes Ansehen: Auf einer Rangliste von acht Berufen liegen sie auf Platz drei der Beliebtheitsskala, gleich hinter Ärzten und Naturwissenschaftlern.

Beiträge in dieser Ausgabe:

Editorial

Englischunterricht an Grundschulen: Den Kindern mehr zutrauen!

Informatives PhV-Gespräch mit Kultusminister Helmut Rau

LEB-Spitze und Direktorenvereinigung trafen sich zum Gespräch mit dem Philologenverband

"Einheitsschule: Keiner gewinnt - alle verlieren!"

Cord Santelmann mit Kultusminister Rau in Eningen auf dem Podium

Philologenverband für bestmögliche Bildung - unabhängig vom Geldbeutel der Eltern!

Bundesvorstandssitzung in Dresden mit heftiger Diskussion

Aktuelles aus dem Hauptpersonalrat

Thema aktuell - heute: FDP - Dr. Birgit Arnold, MdL

Informationen für Pensionäre - Versorgungsbezüge werden erhöht

50. Internationales Bodenseetreffen der Lehrerinnen und Lehrer an höheren Schulen am 19./20. September 2009 in Konstanz

Schülerförderung in Finnland - ein Workshop in Schwäbisch Hall mit Rainer Domisch - "Bildung gelingt!" - Junge Menschen zum Erfolg führen

Fortbildung für Arbeitnehmer und beamtete Lehrkräfte: Es gab brandaktuelle Informationen, kompetente Auskünfte und Ratschläge

Frischer Wind von der Klausurtagung der Jungen Philologen

Wahlaufruf zur Jungphilologen-Wahl

PhV-Region Pforzheim bot professionelles Kommunikationstraining

Informative Personalräteschulung des Bezirks Nordwürttemberg traf auf positive Resonanz

"Tag des Gymnasiums" am Samstag, 4. Juli 2009, in Stutensee/Karlsruhe

Mit freundlichen und kollegialen Grüßen
Hans-Eckhard Giebel
Redaktion 'Gymnasium Baden-Württemberg'

 

www.phv-bw.de