Informatives PhV-Gespräch mit Kultusminister Helmut Rau

Am 26. März trafen sich die Vorsitzenden des Philologenverbandes Baden-Württemberg, Bernd Saur, Brigitte Röder, Klaus Nowotzin, und PhV-Pressereferent Hans-Eckhard Giebel zu einem Gespräch mit Kultusminister Helmut Rau im Stuttgarter Kultusministerium (KM). Teilnehmer des Gesprächs auf KM-Seite waren außerdem Ministerialdirigent Konrad Horstmann und Oberregierungsrat Markus Dollmann. Themenschwerpunkte des über einstündigen Gesprächs waren das Doppelabitur 2012, die Zulassung von G9-Modellen (zum Beispiel das G8-plus-Modell des Auguste-Pattberg-Gymnasiums in Mosbach), das Fremdsprachenlernen in der Grundschule, die neue Gymnasiallehrerprüfungsordnung (GymPo I), die Einstellung von Betreuungspersonal an den Schulen durch die jeweiligen Schulträger, die Erhöhung von Freistellungen für Örtliche Personalräte und die Gründung eines "Aktionsbündnisses gegliedertes Schulwesen" in Baden-Württemberg.

Das Doppelabitur 2012

Der Philologenverband wies darauf hin, dass das Doppelabitur mit erheblichen organisatorischen Problemen verbunden sein wird. Die hierfür von den Kolleginnen und Kollegen geleistete Mehrarbeit müsse auf jeden Fall im Jahr nach dem Doppelabitur an den betroffenen Personenkreis zurückfließen. Der PhV fordert in diesem Zusammenhang nach dem Rückgang der Schülerzahlen ab dem Jahr 2012/13 die Streichung der 25. Deputatsstunde. Saur: "Dann muss allen Kolleginnen und Kollegen an den Gymnasien endlich eine verdiente deutliche Entlastung gewährt werden."

Einig waren sich Philologenverband und Kultusminister Rau darüber, dass es bei einem gemeinsamen Prüfungstermin für alle Schüler des Doppeljahrgangs bleiben muss. Eine Aufsplittung auf zwei Prüfungstermine, wie sie von der SPD angedacht war, wäre aus organisatorischer Sicht weitaus problematischer und mit noch mehr Arbeit verbunden und brächte im Übrigen nicht den erhofften Nutzen.

G8 und G9: Zulassung von G9-Modellen

Gesprochen wurde auch über die Forderung des Philologenverbandes, die Parallelität von G8 und G9 zu ermöglichen. Verwiesen wurde zum Beispiel auf die Konzeption des Mosbacher Auguste-Pattberg-Gymnasiums, das ein in sich schlüssiges und umsetzbares ressourcenneutrales G8-plus-Modell erarbeitet hat. Das Modell würde dem Wunsch vieler Eltern entgegenkommen. Es werde von vielen als Bereicherung des schulischen Angebots in Baden-Württemberg gesehen. Der Philologenverband richtete an das KM die Bitte, die Forderung des PhV nach einer Parallelität von G8 und G9 zu prüfen und einen entsprechenden Modellversuch zu genehmigen.

Englischunterricht an den Grundschulen

Durch wiederholte Klagen von Kolleginnen und Kollegen, die in den ersten Klassen des Gymnasiums das Fach Englisch unterrichten und über den unterschiedlichen Kenntnisstand, den die Schüler von den Grundschulen mitbringen, sah sich Bernd Saur veranlasst, diesen Sachverhalt gegenüber dem Kultusminister darzustellen. Als Sprachenlehrer unterzog Bernd Saur den Grundschulunterricht einer kritischen Betrachtung. Die Englischkenntnisse der Grundschüler, die an die Gymnasien wechseln, seien vielfach zu gering und zeigten zum Teil große Unterschiede in ihren Sprachkenntnissen und in ihrem Wissensstand. Saur schlug vor, mit professionell ausgebildeten Englischlehrern den Fremdsprachenunterricht erst in Klasse drei und dann vierstündig zu beginnen. Auch dürfe eine angemessene Leistungsbeurteilung kein Tabu sein. Kultusminister Rau sagte, dass man das Grundschulenglisch nicht nur für gymnasiale Schüler anbiete und verwies auf ein altersgemäßes Sprachenlernen. Englischunterricht werde zunehmend von Lehrkräften erteilt, die professionell ausgebildet worden seien. Das KM sagte zu, dass man die PhV-Argumente bezüglich einer weiteren Optimierung des Englischunterrichts - auch im Blick auf die Schriftlichkeit berücksichtigen werde. Entscheidend sei aus Sicht des PhV ein quantitativ verbindlicher Standard. Das Landesinstitut für Schulentwicklung soll nach Aussagen von Ministerialdirigent Horstmann Kontakt mit dem PhV aufnehmen.

Neue Gymnasiale Prüfungsordnung I (GymPO I)

Die dem Philologenverband zur Stellungnahme vorgelegte neue gymnasiale Prüfungsordnung I wurde ebenfalls in dem Gespräch behandelt. Bernd Saur begrüßte es, dass das Staatsexamen erhalten bleiben soll. Das Kultusministerium müsse über Studienordnungen und die Prüfungsaufsicht seinen Einfluss und seine Gestaltungsmöglichkeiten auf die Lehrerbildung behalten. Der PhV vermisst jedoch den Begriff "wissenschaftlich" und kritisiert die im Entwurf vorgesehene geringe Wertung der wissenschaftlichen Arbeit (Abschlussarbeit der ersten Phase), die nur noch weniger als zehn Prozent zur Gesamtnote des ersten Staatsexamens beitragen soll. Auch sollte die Abschlussprüfung nicht nur mündliche, sondern auch schriftliche Teile umfassen. Nicht nachvollziehbar sei, dass das Unterrichtsfach NWT, das künftig auch in der Oberstufe unterrichtet werden soll, nur im Umfang eines Beifaches studiert werden könne. Mit Nachdruck sprachen sich die PhV-Spitzen gegen die geplante massive Verlagerung fachdidaktischer und pädagogisch-erziehungswissenschaftlicher Inhalte von der zweiten in die erste Phase der Lehrerbildung aus, zumal es völlig unklar sei, wer die vermehrte Fachdidaktik an der Universität lehren solle. Der PhV plädiert für ein zweijähriges Referendariat, in dem die Fachdidaktik ihren angemessenen Platz habe.

Gesprochen wurde auch über das Praxissemester, das aus PhV-Sicht keine "Auslesefunktion" haben dürfe, sondern die Studierenden auf ihren Beruf hin orientieren, sie experimentieren und Erfahrungen sammeln lassen. Kultusminister Rau will an einer stärkeren Wertung des Praxissemesters festhalten. Vehement sprach sich der PhV gegen ein verpflichtendes zweiwöchiges "Orientierungspraktikum" aus und bestritt den 'sinnvollen Ertrag' eines solchen Praktikums. Hingewiesen wurde darauf, dass Gymnasien bereits heute mit der Betreuung von Referendaren und Praktikanten sehr stark belastet sind. Der Philologenverband erhofft sich vom Kultusministerium, dass die Argumente des Verbandes einer gründlichen Prüfung unterzogen werden.

Einstellung von Betreuungspersonal und Erhöhung der Freistellungen für Personalräte

Thematisiert wurde, dass seitens der Schulträger mehr Betreuungspersonal für die Ganztagsbetreuung und professionell ausgebildete Schulpsychologen zur Verfügung gestellt werden müssten. Kultusminister Rau versprach, sich hierfür verstärkt einzusetzen. Herausgestellt wurde, dass insbesondere an größeren Schulen die Erfüllung dieser Wünsche sich einfacher gestalte als an kleineren Schulen. Angesprochen wurden auch die Lehrerfortbildung und die Erhöhung der Freistellungsstunden für Personalräte. Hier sieht der Kultusminister derzeit jedoch keinen Spielraum. Bernd Saur hatte am 28. Januar in einem ausführlichen Schreiben an Minister Rau die Notwendigkeit einer Erhöhung der Freistellungen für Örtliche Personalräte herausgestellt und begründet (s. gbw 3-4/2009, S. 16 ff.).

Kultusminister Rau begrüßt das Aktionsbündnis gegliedertes Schulwesen

Große Übereinstimmung zwischen dem Kultusminister und dem PhV bestand darin, das gegliederte Schulwesen in Baden-Württemberg zu erhalten. Der Minister begrüßte, dass nun auch in Baden-Württemberg ein Bündnis für den Erhalt der gegliederten Schulstruktur gegründet worden sei. Der PhV gab zu verstehen, dass das Interesse an dem Aktionsbündnis wächst. Gerade auch bei den Eltern stößt es zunehmend auf große Akzeptanz. Der Philologenverband hat dem Kultusminister seine Unterstützung für den Erhalt des chancengerechten erfolgreichen mehrgliedrigen Schulsystems in Baden-Württemberg zugesagt.

Hans-Eckhard Giebel

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