Schülerförderung in Finnland - ein Workshop in Schwäbisch Hall mit Rainer Domisch (Finnisches Zentralamt für Unterrichtswesen) beim Kongress
"Bildung gelingt!" - Junge Menschen zum Erfolg führen
Rainer Domisch, der aus Schwäbisch Hall stammt, verwies gleich zu Beginn seines Workshops am 27./28. März 2009 auf dem Kongress " 'Bildung gelingt!' - Junge Menschen zum Erfolg führen" darauf, dass in Finnland das "Schülerrecht" im Vordergrund der Bildungsanstrengungen liege, wohingegen in Deutschland das "Elternrecht" Vorrang habe. Finnland verfahre bei schulischen Reformen nicht nach dem "Drunken sailor"-Syndrom, wenn die Regierungen wechseln. Eine kontinuierliche Bildungspolitik sei die Folge. Obwohl Schweden das gleiche Bildungssystem habe, wollten die Schweden nach Pisa von den Finnen lernen; es muss also neben dem Schulsystem andere Faktoren geben, die den schulischen Erfolg der Finnen ausmachen. Die schwedischen Pisa-Ergebnisse sind mittlerweile hinter die deutschen zurückgefallen.
Individuelle Betreuung in kleinen Gruppen
Eingeschult werden die Kinder in Finnland mit sieben Jahren. Alle besuchen vorher eine einjährige Vorschule. Aber bereits in den Kindertagesstätten werden sie von pädagogischen Fachleuten mit Masterabschluss betreut. In den Kindergärten unterrichten neben Betreuern und Betreuerinnen auch sogenannte "Kindergartenlehrer".
Im Alter von null bis drei Jahren beträgt die Gruppenstärke in der Kindertagesstätte höchstens vier Kinder pro Gruppe. Bei Kindern die älter als drei Jahre sind, dürfen es höchstens sieben Kinder pro Gruppe sein. Das Prinzip der individuellen Förderung kommt bereits in sehr jungem Alter in diesen Kleingruppen zur Anwendung.
Schulen haben oft eine Schülerzahl von nur 250 Schülern. Es gibt Grundschulen mit nur 30 Schülern. Es wird versucht, die kleinen Schülergruppen sehr lange zu erhalten. In den Klassen eins bis sechs dürfen nicht mehr als 25 Schüler pro Klasse sein, statistisch gesehen sind es aber lediglich 15 Schüler pro Klasse! Dennoch klagen auch in Finnland Lehrkräfte über zu große Gruppenstärken. Die Unterrichtsverpflichtung der finnischen Lehrkräfte liegt deutlich unter der deutscher Lehrkräfte.
Rechtsanspruch auf individuelle Förderung
In Finnland haben die Kinder einen Rechtsanspruch auf angemessene individuelle Förderung. Zur Wahrung dieses Rechtes gibt es einen Ausschuss der Schülerbetreuung, der bei den Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmern in Schwäbisch Hall auf besonderes Interesse stieß. Dieser Ausschuss tritt einmal pro Woche zusammen und besteht aus Lehrkräften und Fachleuten. Er erörtert den Förderungsbedarf der Schüler/-innen, um dann unmittelbar Fördermaßnahmen in Gang zu setzen. Der Ausschuss setzt sich zusammen aus der Schulleitung, den Lehrkräften der Klasse, dem Schulpsychologen, Schulsozialarbeitern, Schulassistenten und der Gesundheitsbetreuung bzw. einem Arzt/einer Ärztin. Dieses Expertengremium berät über evtl. Probleme der Schüler/-innen und kann bei größeren Problemen beispielsweise für einen gewissen Zeitraum einen individuellen Lehrplan für einen betroffenen Schüler beschließen. Da sich mehrere Fachleute in diesem Gremium befinden, beruht die jeweilige Entscheidung auf einer soliden Grundlage, und Eltern widersetzen sich nur selten ihren Befunden.
Ziel jeder schulischen Fördermaßnahme ist eine möglichst schnelle Wiedereingliederung in die Klasse. Klassenwiederholungen erfolgen äußerst selten. Statt Wiederholungen gibt es die Möglichkeit eines gezielten Förderunterrichts. Diese Maßnahmen reichen von Einzelunterricht über Unterricht in Kleingruppen von zwei bis drei Schülern bis zum "virtuellen Gymnasium", mit dem man versucht, Schüler/-innen der Oberstufe, die Probleme haben, wieder in den Unterricht zu integrieren. Im Laufe ihrer Schulzeit erhalten immerhin zwanzig Prozent aller finnischen Schüler/-innen solche sonderpädagogische Maßnahmen.
Sprachliche Förderung
Schüler/-innen, die nicht richtig Finnisch sprechen, erhalten vor ihrer Einschulung 400 bis 600 Stunden Sprachunterricht. Außerdem gibt es die Möglichkeit von unterrichtsbegleitendem Förderunterricht oder Vorkurse, die zwischen sechs Monaten und einem Jahr dauern und von Fachkräften erteilt werden. Die hohen Ausgaben, die eine so gezielte Förderung involviert, werden begründet damit, dass viel Geld gespart wird, wenn Kinder nicht unter den Folgen von zu wenig Förderung leiden.
Autistische Kinder sind in den staatlichen Schulen in einer Wohnung auf dem Schulgelände untergebracht. Häufig handelt es sich dabei um Gruppen von zehn Kindern, die von zehn Betreuerinnen und einer Leiterin betreut werden. Die Betreuerinnen sind immer bei den Kindern, sei es nun beim Schulessen oder bei einer Feier. Die erste Teilnahme am Unterricht erfolgt ebenfalls gemeinsam mit den Betreuern und nach einiger Zeit wird versucht, ob das Kind evtl. allein am Unterricht teilnehmen kann.
Für Kinder mit Behinderungen gibt es laut Rainer Domisch staatliche Schulen, die halbe Kliniken sind und über das entsprechende Fachpersonal verfügen. An sozialen Brennpunkten gibt es mehr Gelder bzw. Lehrerstunden zur gezielten Förderung von Schülern und Schülerinnen.
Trotz dieses ausgeklügelten Fördersystems gibt es auch in Finnland Schüler ohne Abschlusszeugnisse. Laut Rainer Domisch "kriegen ca. vier Prozent die Kurve nicht". Nur ca. zehn Prozent der Schüler werden im dualen Ausbildungssystem ausgebildet, da es wenig Kleinbetriebe gibt. Mehr duale Ausbildung wäre laut Rainer Domisch wünschenswert.
Silvana Stärr, Kirchberg